Meshuggah sind auf dem Zenit. Allmusic.com hatte bereits früher das unglaubliche technische und musikalische Können der Schweden gelobt. Aber es gab auch Kritik: Im polyrhythmischen Klanggewitter würde manchmal der Effekt zelebriert statt der musikalischen Idee. Uns Fans hat das natürlich nicht gestört. Die Alben waren einfach viel zu gut, da war es okay, phasenweise auch mal eher verständnislos der maschinengleichen Kommunikation der Band zu lauschen.
Dieses Mal, mit 'Koloss', wird es auch von Allmusic die Höchstnote geben. Alles andere ist nicht vorstellbar. Das Album hat einen Spannungsbogen wie ein Film. Schon im ersten Hördurchgang ist klar, mit welcher Meisterschaft das alles zusammengesetzt ist.
Hier sind meine Notizen vom erstmaligen Anhören:
I AM COLOSSUS - Fast sofort setzt Jens Kidmans Gesang (äh, Geschrei) ein. Er ist besser zu verstehen als auch schon. Das ist alles kein Zufall: Alles im Song wirkt auf die Gesangsstimme hin, deren Rhythmisierung ist perfekt eingebunden und trägt stark, und es groovt, oh ja, in gar vielfältiger Weise. Wow.
THE DEMON'S NAME IS SURVEILLANCE - Knallt von Sekunde 1 an voll in die Ohren. Das Eröffnungsriff ist für Meshuggah-Verhältnisse geradzu melodisch, und es kommt noch mehr davon! Perfektion. Melodischer Minimalismus mit brutalem Groove und ein paar stark spannungssteigernden Momenten. Lässt einen keinen Moment von der Leine. Spätestens jetzt steht zu vermuten, dass die Band mit dem Album zu Größerem ansetzt.
DO NOT LOOK DOWN - Wieder dieser Groove! Es wird langsam klar, dass die aus der Polyrhythmik herauspräparierten Grooves über die Songs hinweg verkettet werden und wir hier einer Art Storyline folgen. Und höre ich hier nicht ein Zitat an Iron Maiden und die frühen Anthrax heraus?
BEHIND THE SUN - Das nächste Kapitel beginnt mit arpeggiohafter Harmonik und verströmt eine düstere Erhabenheit. Kidmans Gesang tut ein Übriges. Der Song macht nach und nach eine Art Evolution durch, wobei ab der Mitte besonders der meisterhafte Einsatz der Bass-Drum-Pulse hervorzuheben ist. Wahnsinn. Abwechselnd mächtiges Nackenschütteln und Juchzer der Freude beim Rezensenten.
THE HURT THAT FINDS YOU FIRST - Okay, jetzt bin ich mir sicher. Meshuggah zitieren die Geschichte des Metal! Wenn die Eröffnung dieses Songs keine leichte Verneigung in Richtung Slayer darstellt, weiß ich es auch nicht. 'Koloss' hat auch in den Songs davor immer wieder so kleine Verneigungen in verschiedene Richtungen eingebaut. Was passiert hier?! Schaut der 'Koloss' vom Podest des Extreme Metal auf seine Herkunft? Was auch immer, Meshuggah verbinden die Nische, die sie selbst geschaffen haben - nennt sie 'Djent' oder wie ihr wollt - mit Vertrautem, und wir lauschen gebannt und beinahe ergriffen.
MARROW - Eine perfekte, absolut perfekte Anknüpfung an den Ausklang von HURT. Die Gitarrenriffs enthalten mit ihren Slides Verweise an THE DEMON'S NAME. Kompakt, tight, typisch Meshuggah wie wir sie von früheren Alben kennen. An dieser Stelle im Album wirkt das wie ein Blick in den Spiegel. Kidman trägt uns weiter.
BREAK THOSE BONES WHO SINEWS GAVE IT MOTION - Merkwürdiger Titel. Klingt irgendwie nach falschem Englisch, oder? Aber egal. Jetzt wieder diese minimalistischen Melodien und der Groove! Im letzten Drittel erhält der Song einen anderen Charakter, getragen von langen Kontrapunkten. Das Gefühl stellt sich ein, dass der Kreis sich zu schließen beginnt. Das hier ist eine Überleitung, wie im Film: Man weiß, gleich kommt noch was. Was vermutlich richtig Heftiges.
SWARM - Oh mein Gott was für ein G-r-o-o-v-e! Als Hörer ist man jetzt voll dabei, man weiß was die Jungs da gerade für ein Spiel mit einem treiben und sie machen es perfekt, genau die richtige Dosis von dem Zeug, vor dem uns unser Arzt immer warnt. Her damit!
DEMIURGE - Der finale Akt. Ohne Makel orchestriert. Zieht alles zusammen. Macht klar, dass wir am Ende angekommen sind. Was soll danach noch kommen? Das hier ist der Schlusspunkt des Albums. Es kommt zwar noch ein Track, aber der kann der Storyline des Albums nichts mehr hinzufügen. Geht einfach nicht. Falls doch, hätten wir das Album nicht begriffen.
THE LAST VIGIL - Gottlob, wir haben es begriffen: Ein akustischer Track zum Ausklang, gemahnt entfernt an Pink Floyd. Abspann eines W-a-h-n-s-i-n-n-sfilms, den die Schweden vor unserem Ohr haben ablaufen lassen. Jungs, ihr wart von der Höhe eurer Kunst noch nie so nah bei uns am anderen Ende der Lautsprecher. Die Götter haben zu uns gesprochen, und mit diesem letzten Stück ziehen sie sich zurück.
Fazit: Mit 'Koloss' liefern Meshuggah einen Leuchtturm von einem Album ab. Es ist so gut, dass es - ich lehne mich da mal aus dem Fenster - auch in vielen Jahren noch als strahlender Stern am Himmel des Metal angesehen werden wird, in einer Reihe mit anderen außergewöhnlichen Juwelen der Metalgeschichte.