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Produktinformation
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Kolonialismus in konziser Form
Eine Darstellung von Jürgen Osterhammel
Kolonialismus gehört zu jenen historischen Problemkomplexen, deren weitreichenden Folgen sich niemand entziehen kann. Um so willkommener dürfte deshalb ein Bändchen sein, das auf gut 100 Seiten knappe, aber doch kompetente Informationen zu wesentlichen Themen und Fragestellungen vermittelt. Der Verfasser, J. Osterhammel, hat sich mit zahlreichen Veröffentlichungen zur Geschichte der europäischen Expansion und zur Geschichte Asiens einen Namen gemacht. Besondere Beachtung hat sein Buch über «China und die Weltgesellschaft. Vom 18. Jahrhundert bis in unsere Zeit» (München, 1989) gefunden.
Osterhammel geht vom Versuch aus, schillernde Begriffe wie «Kolonialismus», «informal empire» und «Imperialismus» möglichst klar abzugrenzen. «Kolonialismus» definiert er als Herrschaft unter den Verhältnissen kultureller Fremdheit. Ein Herrschaftsverhältnis wird, wie der Verfasser betont, vor allem auf Grund der Interpretationen durch Herrschende und Beherrschte als kolonialistisch verstanden ein Umstand, der etwa die englische Herrschaft über Ägypten von der osmanischen unterscheide. Für den modernen Kolonialismus wesensbestimmend ist nicht bloss der Anspruch einer «Metropole», «periphere» Gesellschaften fremdzusteuern. Seit der frühen Neuzeit unterscheidet sich der europäische Kolonialismus von andern Formen der Expansion durch den starken Druck zur Akkulturation an die Werte der Kolonialherren. Die Überzeugung von der eigenen kulturellen Höherwertigkeit verleiht dem modernen Kolonialismus eine aggressive Wendung, die über die geographischen und zeitlichen Grenzen formeller kolonialer Herrschaft hinausreicht.
Die folgenden Kapitel behandeln politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte von Kolonialismus. Der Verfasser plädiert für eine differenzierte Sicht der Handlungsräume von Kolonialherren und Einheimischen. Während die ältere Kolonialgeschichte ebenso wie die nachkoloniale, marxistisch inspirierte Geschichtsschreibung mit gegensätzlichen Wertungen den energischen Zugriff der Kolonialherren betonte, wird heute die Frage nach den Subjekten neu gestellt, die in kolonialen Situationen zusammenwirkten. Auf diese Weise wird Kolonialismus als komplexer Prozess fassbar, der von ersten Kontakten zum Aufbau eines kolonialen Herrschaftsapparates führen konnte, wobei dieses Ergebnis selten von Anfang an feststand. So unterschied sich die Art, wie die Conquistadores in Amerika zugunsten der Krone Kastiliens von weiten Territorien Besitz ergriffen, wesentlich vom Vorgehen der Portugiesen und Niederländer in Asien, das nur teilweise und nach langer Zeit in die Besetzung grösserer Gebiete mündete.
Die Europäer wurden vielerorts zunächst nicht als besonders bedrohliche Eindringlinge wahrgenommen. Widerstandsbewegungen formierten sich oft nicht unmittelbar nach der militärischen Eroberung, sondern erst als Reaktion auf wachsende Ansprüche der kolonialen Verwaltung und auf die Bedrohung der angestammten Kultur. Rückgriffe auf vorkoloniale Ordnungsformen, wie sie etwa die Engländer in Indien praktizierten, implizierten eine konservative Stabilisierung der Gesellschaft. Obwohl koloniale Systeme als solche politische, wirtschaftliche und Kulturelle Fremdbestimmung sicherten, boten sie beschränkten Segmenten der kolonisierten Gesellschaften Möglichkeiten des Machterhalts oder gar der Besserstellung.
Im Unterschied zu manchen populären Darstellungen rezipiert Osterhammel neuere sozial- und kulturhistorische Untersuchungen, die das Bild des Kolonialismus als Manifestation politischer und ökonomischer Macht ergänzen. Sie zeigen durch ethnisch-soziale Trennung geprägte koloniale Gesellschaften; so waren zum Beispiel in Indien selbst loyale einheimische Beamte von der sozialen Anerkennung ausgeschlossen, die Beamte europäischer Herkunft genossen.
Indem die europäische Expansion etwa durch christliche Mission oder die Vermittlung europäischer Erziehung angestammte Lebenswelten in Frage stellte und die Betroffenen dazu zwang, sich kreativ auf solche Veränderungen einzustellen, führte sie zu einer Revolution des Bewusstseins des kolonialen Menschen (V. S. Naipaul). Im religiösen Bereich konnte sich diese sowohl in einer mehr oder weniger synkretistischen Bekehrung als auch in der Umformulierung einheimischer Vorstellungen äussern, wie sie beispielsweise seit dem 19. Jahrhundert in der Artikulierung des Hinduismus als doktrinal beschreibbare Weltreligion zu beobachten ist.
Abgeschlossen wird das Bändchen durch eine kurze Einführung in Probleme der Dekolonisation und eine knappe, aber aktuelle Bibliographie, die die Angaben in den Anmerkungen ergänzt.
Christian Windler
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