Dieser Band untersucht die Geschichte der Ostchinesischen Eisenbahn von ihrer Planung und ihrem Bau am Ende des 19. Jahrhunderts bis zu ihrer Übergabe durch die Sowjetunion an die Volksrepublik China im Dezember 1952. Dabei wird deutlich, dass die Geschichte der Bahn auch eine Geschichte der Mandschurei im 20. Jahrhundert ist, eine strategisch wichtige Region, auf die sich die imperialen und kommerziellen Interessen Russlands, Chinas und Japans richteten.
Die Untersuchung versteht die Bahn als einen, wenn nicht den zentralen Motor und 'Kulturträger' der Erschließung und Kultivierung der heutigen Mandschurei. Die Arbeit hat eine präzise Fragestellung: Wie kann ein Verkehrs- und Kommunikationsmittel zum Fokus und Medium gesellschaftlicher, ökonomischer, politischer und kultureller Interessen wie Konflikte werden, sodass sich in seiner Geschichte die bewegenden Konflikte der in jenem Raum aufeinander treffenden Mächte spiegeln?
Das 1. Kapitel beschreibt die Planung und den Bau der Ostchinesischen Eisenbahn durch das Russische Reich sowie die damit verfolgten Intentionen ('Landbrücke nach Asien', 'ökonomische Penetration Chinas') und schildert schließlich die sofort einsetzenden Reaktionen einheimischer fremdenfeindlicher Kräfte ('Boxer') und Räuberbanden, welche den Betrieb der Bahn fortan stören sollten. Das 2. Kapitel beschreibt die Bahn in den ersten beiden Dekaden ihres Betriebes als 'koloniales Verkehrsprojekt'. Der Russisch-Japanische Krieg zeigt erstmals die strategische Bedeutung der Bahn und führt schließlich nicht nur zum Verlust eines Teils der Strecke, sondern beendet vorerst auch die russischen Expansionsbestrebungen im Fernen Osten. Während des Ersten Weltkriegs und dem anschließenden Bürgerkrieg wird die Bahn zur 'Nachschub- und Fluchtader'. Im Mittelpunkt des 3. Kapitels steht die Geschichte der Bahn unter sowjetisch-chinesischer Verwaltung. In dieser Zeit ist Harbin nicht nur Sitz der sowjetisch dominierten Bahnverwaltung mit Tausenden von Mitarbeitern und Angestellten, sondern auch eines der wichtigsten Zentren der Weißen Emigration. Hier wirft die Untersuchung den Blick auf eine bislang eher vernachlässigte Gruppe, die chinesischen Siedler und Wanderarbeiter, die mit Hilfe der Bahn in die Mandschurei gelangten und das Land sinisierten. Daran konnte auch die Zeit der japanischen Herrschaft auf Dauer nichts ändern, der das 4. und letzte Kapitel gewidmet ist. Die Errichtung des Marionettenstaates Mandschuko bedeutete den Rückzug Moskaus aus China und den Beginn der modernen verkehrstechnischen Erschließung der Mandschurei (geschildert am Beispiel des Expresszugs 'Asia').
Die verwendete Literatur spiegelt den neusten Forschungsstand wieder und umfasst zahlreiche Arbeiten in chinesischer, russischer und englischer Sprache; darüber hinaus werden Dokumente aus amerikanischen Archiven (persönliche Nachlässe, Memoiren), entlegene Veröffentlichungen (Reiseberichte, Jahrbücher der Eisenbahngesellschaft, Fahrpläne etc.) und eine den ganzen Zeitraum abdeckende Berichterstattung von Zeitungen einbezogen.
Insgesamt handelt es sich um eine sehr gut lesbare und Interesse weckende Studie, die über bloße Eisenbahngeschichte hinausgeht und stattdessen vor allem auch die Entwicklung einer weltpolitisch relevanten Region nachzeichnet.