Mit dem Buch "Koloniale Begegnungen. Deutschland und Großbritannien als Imperialmächte in Afrika 1880 - 1914" ist der Historikerin Ulrike Lindner ein sehr guter Beitrag zur deutschen Kolonialgeschichte gelungen.
Lindner untersucht die Interaktion zwischen Deutschland und Großbritannien in deren benachbarten Kolonien. Dazu schildert sie Begegnungen von Vertretern der beiden Nationen in Afrika, untersucht Reiseberichte über die Kolonien der jeweils anderen Nation und stellt den jeweiligen Umgang mit der afrikanischen Bevölkerung und anderen Ethnien (z.B. Inder in Ostafrika) in den deutschen und britischen Kolonien ausführlich dar.
Die Autorin macht anhand zahlreicher Beispiele aus Wirtschaftsleben, Gesellschaft, kolonialer Gesetzgebung sowie den kriegerischen Auseinandersetzungen in den Kolonien deutlich, dass die Behandlung der Nicht-Europäer zwar von einander abwicht, aber das rassistische Grundmuster in britischen und deutschen Kolonien identisch war. Europäer genossen in den Kolonien beider Nation umfangreiche wirtschaftliche und rechtliche Privilegien, Afrikaner und andere Ethnien waren praktisch "Bürger 2. Klasse". Die Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung, die weitgehende Rechtlosigkeit einheimischer Arbeitnehmer gegenüber ihren kolonialen Arbeitgebern, das Vorgehen der Kolonialgouvernemente gegen Mischehen (in deutschen Kolonien durch Gesetze, in britischen durch soziale Ausgrenzung) und die Ausübung militärischer Gewalt gegen Aufständische wurde gleichermaßen in den britischen und in den deutschen Kolonien durch die dort ansässigen Europäer voll akzeptiert. Darüber hinaus fand ein intensiver Erfahrungs-, Wissens- und Wirtschaftsaustausch zwischen britischen und deutschen Kolonien statt. In den kriegerischen Auseinandersetzungen wurden beispielsweise militärische Beobachter durch die andere Nation entsendet, britische und deutsche Kolonisten waren in den Kolonien der jeweils anderen Nation ansässig und es gab eine intensive Reisetätigkeit. Trotz des kolonialen Konkurrenzstrebens der beiden Nationen wurden in vielen Fällen militärisch gemeinsam gegen die einheimische Bevölkerung zusammengearbeitet, wenn es notwendig war. Die Sicherung der Herrschaft der Europäer in Afrika hatte in den Kolonien beider Nationen Priorität. Die Briten hielten zwar das Vorgehen der Deutschen gegen Einheimische in ihren Kolonien für übertrieben, während díe Deutschen die britische Haltung gegenüber den Einheimischen als zu lkasch bewerteten, dennoch werden in den britischen und deutschen kolonialen Presseerzeugnissen dieser Zeit fast nie Vorwürfe gegen die jeweils andere Kolonialnation erhoben. Erst mit Beginn des I. Weltkrieges erhob die britischer Seite Vorwürfe, die Deutschen seien unfähig, ihre Kolonien zu verwalten.
Lindners Fazit, der europazentrierte Blick in der Geschichtsschreibung, insbesondere der deutschen Historiker, mit der immer wiederholten These von der zwangsläufig in den I. Weltkrieg führenden deutsch-britischen Konkurrenz im ausgehendne 19. und beginnendne 20. Jahrhundert, stets manifestiert an den Beispielen Flottenwettrüsten und Streben nach Kolonien, sei zu überdenken und der globale Blickwinkel müsse stärker in den Focus rücken, ist hervorragend und plausibel begründet und absolut nachvollziehbar. Ihr gut verständlich geschriebenes, leicht lesbares Werk leistet vielleicht einen Beitrag, die Kolonialgeschichte differenzierter zu betrachten.
Fünf Amazonsterne für dieses ausgezeichnete Geschichtsbuch!