Ganz ohne Zweifel ist dieses Buch wichtig. Denn es ist einfach nicht mehr vertretbar, all das viele Wissen über das Gedächtnis zu ignorieren, wenn man seine Brötchen in irgendeiner Form mit Geschichtskenntnissen verdient. Astrid Erll schreibt denn auch in ihrem Vorwort, dass sie ihr eigenes Buch gerne in den Händen gehabt hätte, als sie ihre Studienzeit begann. Also hat sie es selber geschrieben, was bekanntlich kein schlechter Ansatz ist, um Wissen in eine Form zu bringen. Ich hätte ihr für diesen Dienst auch fünf Sterne gegeben, wenn nicht einige Jahre vor Ihrem Werk der Begriff "Mem" aufgetaucht wäre. Aber das ist er eben. Und was Richard Dawkins und Susan Blackmore zur kulturellen Macht der Meme in die Diskussion werfen, sollte man zur Kenntnis nehmen. Ob man den Ansatz teilt oder nicht. Was mich ebenfalls störte, wenn auch mehr formal, sind die vielen fett gedruckten Wörter. Denn ich habe es nicht besonders gern, wenn mir ein Autor dauernd sagt, was für mich wichtig ist.
Astrid Erll strukturiert die Stoffmenge so, dass der Leser am Schluss des Buches einen hervorragenden Überblick hat, viele Details kennt, verschiedene Ansätze miteinander vergleichen kann und auch wieder Mal nachschlagen kann, wenn er auf der Suche nach einem bestimmten Begriff oder Modell ist. Zudem gewichtet die Autorin die Bedeutung der Theorien, indem sie wichtigen Forschungsergebnissen mehr Platz einräumt als eher exotischen Beiträgen. Gut gefallen haben mir auch die knappen Zusammenfassungen am Schluss eines Kapitels. Die zahlreichen Literaturangaben sind jeweils dort zu finden, wo deren Lektüre inhaltlich am meisten bringt.
Mein Fazit: Ich habe diese 2005 erschienen Buch zufällt entdeckt und empfehle es allen gerne weiter, die sich beruflich oder privat intensiv mit Geschichte und dem kollektiven Gedächtnis beschäftigen. Die Autorin sichtet, ordnet, bewertet und interpretiert eine riesige Stoffmenge. Zudem schreibt sie so, dass man die klugen Inhalte auch versteht, ohne dauern im Fremdwörterduden nachschlagen zu müssen.