Im Frühsommer des Jahres hatte ich mein entscheidendes Schlüsselerlebnis zur näheren Beschäftigung mit dem Kolkraben (Corvus corax): An meinem Arbeitsplatz im Büro wurde es plötzlich dunkel. Der Grund: Linkerhand am Fenstersims, in etwa 50 cm Entfernung saß ein riesengroßer schwarzer Vogel und sah mir direkt in die Augen. Schwarze Augen, blauschwarzes Gefieder. Es war Liebe auf den ersten Blick. Noch am selben Abend durchforstete ich das Internet nach "Raben", denn nur ein solcher konnte es gewesen sein. So stieß ich auf die genauere Bezeichnung der Spezies und las einiges Interessantes, aber eben nicht genug!
Den ganzen Sommer über und vor allem jetzt im Herbst beobachte ich diese "schwarzen Gesellen", die sich offensichtlich am Frankfurter Mainufer mitten unters Volk gemischt haben, mit wachsender Begeisterung. Erst vor ein paar Tagen bestellte ich dann Glandts hervorragende Kurzmonographie über alle Aspekte und Erkenntnisse über den Kolkraben. Ich habe es in einem Rutsch ausgelesen! Als Nicht-Naturwissenschaftlerin, aber mittlerweile begeisterter Rabenfan war und ist dieses Werk in meinen Augen ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis dieser Vögel und nicht minder ein Anreiz, mich in einigen Aspekten auch mit weiterführender Fachliteratur zu beschäftigen.
Der Autor gibt einen zwar knappen, aber nicht minder umfassenden Überblick über die bisherigen ornithologischen Erkenntnisse bezüglich Verfolgung und Ausrottung, Arealdynamik, Wiederansiedlungsprojekte, Lebensräume, Ernährung, Fortpflanzung und Balzverhalten, soziale Kompetenz und Intelligenz des Kolkraben als Gattung. Seine Ausführungen bewegen sich dabei auf objektiv-wissenschaftlichem Niveau mit umfangreichenden Verweisen auf weiterführende Primärliteratur sowie Forschungsprojekte. Gleichwohl hält er nicht damit hinterm Berg, dass er diese "schwarzen Gesellen" längst ins Herz geschlossen hat.
Diese Kurzmonographie dürfte sowohl für Wissenschaftler als auch für interessierte Laien als aufschluss- und hilfreicher Wegweiser durch den derzeitigen Stand der Rabenforschung gelten. Auch wenn ich mir bei der Lektüre an manchen Stellen vertieftere Informationen gewünscht hätte - ich sehe ein, dass solch ein Buchprojekt in dem Fall schnell Tausende von Seiten umfassen würde. Das hätte dann das Ziel verfehlt, die Leser auf die eigene ökologische Einstellung zu stoßen. Letzteres ist aufgrund der Kürze relativ gut gelungen. Diese Art Nachschlagewerk war und ist in jedem Fall ein Anreiz, sich weitere Informationen dank der ausführlichen Literaturliste gezielt zu beschaffen. Und nicht zuletzt eine hervorragende Basis zur weiteren wohlwollenden Beobachtung des Verhaltens dieser faszinierenden großen, schwarzen Vögel.