In "Kokoro" (dt. "Das Herz") geht es um einen jungen Studenten in Tokyo - den Erzähler -, der sich eines Tages mit dem "Sensei", einem alternden Intellektuellen, anfreundet. Bald möchte er mehr über das Leben des Sensei erfahren; dieser offenbart ihm jedoch zunächst nicht viel. Ein halbes Jahr später enthüllt ihm der Sensei jedoch in einem ausführlichen Brief sein Geheimnis.
In dem dreiteiligen Roman stellt die Wiedergabe dieses langen Briefes einerseits den Zielpunkt der ganzen Handlung dar, andererseits liegt hierin auch die Botschaft an den Leser.- Dadurch, daß der Sensei als Student eine junge Frau liebte, die sein damals nebenan wohnender Kommillitone und Freund ebenfalls liebte (was ersterer wußte, es jedoch aus Verstocktheit nicht schaffte, mit seinem Freund darüber zu sprechen), er jedoch um die Hand der Frau anhielt, bevor der Freund sich der Frau erklären konnte und sich dieser aus Gram schließlich das Leben nahm, lud der Sensei damals tiefe Schuld auf sich.
Der Empfänger des Briefes erfährt, wohin Verstocktheit gepaart mit Eigensinn führen kann. Gleichzeitig ist der Brief des Sensei dessen Lehre, die er seinem "Schüler" - und dem Leser - mit auf den Weg geben will. Meisterhaft dabei vor allem die Introspektiven, mit denen Natsume das Seelenleben und die Gedankenwelt des jungen Sensei und seines Freundes darstellt; gleichzeitig wird hier deutlich, in welch wesentlich subtilerem Maße in Japan im Vergleich zu Europa mit zwischenmenschlich "schwierigen" Angelegenheiten umgegangen wird - z. B. die Suche nach der richtigen Situation, um über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Dies hat zwar auch Vorteile - die Menschen gehen möglichst sanft miteinander um - aber auch den Nachteil, sprich: die Unfähigkeit, im entscheidenen Moment trotz allem mit der Sprach herauszurücken - welchen Natsume hier gekonnt darstellt und den Leser, insbesondere natürlich auch den japanischen, auch davor warnen möchte.