Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 09.10.2002
Es würde sich glatt lohnen, zu diesem Buch eine Website einzurichten, auf der sich die Leser über die "virtuos" gestalteten Beziehungsgeflechte und Handlungsstränge dieses zweiten Romans von Kathrin Schmidt austauschen können, wünscht Hauke Hückstädt. Er hätte sich nämlich liebend gerne ein Personenverzeichnis gewünscht, obwohl, sieht der Rezensent ein, ihm auch das nicht viel weiter geholfen hätte. Denn die komplizierte und dichte Erzählweise der Autorin sei Programm, mit atemberaubender "Raffinesse" und großer "Artistik" umgesetzt, staunt Hückstädt. Den Inhalt mag der Rezensent dann gar nicht näher erläutern, verrät aber, dass sich alles um ein familiäres Ensemble in Berlin-Lichtenhagen dreht, einem trostlosen Bezirk im Osten der Stadt. Wahrhaft großartig findet Hückstädt vor allem die "narrative Intelligenz" und den "schier unerschöpflichen Dudenzauber", den Schmidt mit ihren Beschreibungen und ihrer Syntax veranstalte. Dieser Roman ist einfach famos, von hoher Kunst und im Fazit, so der zutiefst beeindruckte Rezensent, ein "verstörendes Stammbuch der Liebe".
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 07.11.2002
Ein großes Lob von Helmut Böttiger für diesen Roman und seine enorme "Sinnlichkeit", die, so der Rezensent, "vor allem in der Körperlichkeit" der außenseiterischen Protagonisten liegt. "Dieses Erzählen ist libidinös", schreibt er und schwelgt in Beschreibungen des "schwer zu erhaschenden" Zwischentons, "in dem das Scheitern an der kruden Realität und die traumwandlerische Überwindung derselben einander in der Schwebe halten". Auch wenn Böttiger den Roman an mehreren Stellen als "Märchen" bezeichnet, hat er doch auch viel "Geschichte, Gesellschaft, Genauigkeit" in ihm gefunden. Immer wieder aber kommt er zurück auf die Sprache: sie ist "materialistisch-sinnlich" schreibt er und das sei "in der literarischen Landschaft zurzeit sehr ungewöhnlich".
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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2002
Rezensent Jörg Magenau schreibt voller Bewunderung über diesen Roman, der ihn besonders wegen seiner "barocken, überbordenden Erzählweise" begeistert hat. Vergleichbar ist dieser magische Realismus, so Magenau, "allenfalls lateinamerikanischen Romanen der siebziger Jahre", aber auch "dem frühen, ungebändigten Günter Grass". Ausgehend von einer schrecklichen Szene, in der, wie wir lesen, ein weinendes Kind mit nassen Strümpfen sowie durchschnittener und wieder zusammengenähter Kehle im Gebüsch steht, kommen drei Geschichten in Gang, die Magenau zufolge alle in einer Ostberliner Plattenbausiedlung spielen. In deren Verlauf sieht der Rezensent den Erzählraum von der "nachbarschaftlichen Enge und Anonymität der Vorortödnis" zum Geschichtspanorama sich weiten, das bis zum zweiten Weltkrieg zurückreicht. Alle Geschichten drehten sich "um verlorene, zermarterte Kindheit, um Vergangenheit und Zukunft" und es gelte allmählich zu entdecken, wie die Autorin ihre Geschichten verknüpfe und die von ihr mit "Zuneigung und Mitgefühl" behandelten Figuren in einen "schicksalhaften Zusammenhang" bringe: ein schwules Paar, eine Lehrerin mit Stasi-Vergangenheit und eine Spätaussiedlerin, die nach fünfzig Jahren den Vater ihres längst verstorbenen Kindes wiedertrifft. Beeindruckt beschreibt Magenau besonders die "grelle Körperlichkeit" der weiblichen Figuren, deren Sexualität für ihn von "geradezu vegetativer Üppigkeit" sind.
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