Animation Arts und Deep Silver haben sich in den letzten Jahren vielfach für gelungene Adventures ausgezeichnet. Die beiden Geheimakten (hier beide gemeinsam), Perry Rhodan, The Whispered World (jeweils Deep Silver, aber in anderer Zusammenarbeit), jeweils Genre Vertreter von oberer Güte. Das Spiel zerbrach jedenfalls nicht an meinen hohen Erwartungen.
"Lost Horizon" gehört zu jener Sorte Abenteuer, bei der die Hauptfigur (der britsche Ex-Soldat Fenton Paddock) im Stile von Indiana Jones um die Weltkugel hetzt. Nicht selten darf man sich dabei an die kultige Filmtrilogie (den vierten Teil klammere ich jetzt mal aus) zurückerinnern, aber das soll jeder für sich beurteilen. Nostalgische Erinnerungen beschränken sich nicht auf die Filmwelt, denn grafisch erinnern manche Dinge an das Spiel "Fate of Atlantis". Manche Objekte zeigen gegen Ende gewisse Ähnlichkeiten zur Architektur der Unterwasserstadt von damals...
Die für mich ansprechende Story um die Suche nach einen in Tibet verschwundenen Freund, die sich bald zur Suche nach Shambala entwickelt, bewegt sich über weite Strecken entlang des Mainstreams. Der Mix aus Geschichte, Religion, Philosophie und Esotherik ist grundsätzlich aber kreativ gelungen und hat seinen Reiz. Schade aus meiner Sicht ist jedoch, dass der Fokus sehr auf einer Figur lastet (übrigens: im Handbuch findet sich ein nett gemachtes, wenngleich etwas kurzes Tagebuch des Protagonisten) und die weiteren Akteure wenig zur Geltung kommen bzw. etwas halbherzig ins Spiel geworfen wurden. Kim wirkte auf mich wie das 5te Rad am Wagen und kann sich kaum in Szene setzen. Gerade die Rätsel was sie anbelangt sind besonders flau. Hier bleibt viel Potential auf der Strecke.
Die Dialoge zählen für meinen Geschmack durchaus zur besseren Sorte (auch wenn man sie verkürzen hätte können). Die SprecherInnen können sich die Texte in der Regel gut zueigen machen. Oft mag dieses Adventure viel, wenn nicht sogar zuviel Erklärung brauchen, doch es ist durch einen einfachen Rechtsklick jederzeit möglich, den Dialog abzukürzen - auch ohne inhaltlich den Anschluß zu verlieren. In der Regel wird das Wichtigste im Anschluß ohnehin nochmal kurz gefasst und so schwer zu kapieren ist die Handlung nun auch wieder nicht. Bei den Dialogen ist allerdings oft schwer abzuschätzen, ob das, was bei einer auswählbaren Frage gefragt wird, auch wirklich das ist, was man fragen möchte (die Dialogoptionen sind zu allgemein bezeichnet). Nachdem sich das im Spiel nie wirklich rächt (gestorben wird nicht), fällt das aber kaum ins Gewicht. Zu Beginn gäbe es einmal die Möglichkeit, sich mit einer Sängerin zu unterhalten, wobei der Dialog auf zwei Varianten enden kann. Schade, dass dieser interessante Ansatz nicht weiter verfolgt wird. An einigen Stellen im Spiel hätte es für meinen Geschmack mehr Interaktion zwischen Kim und Fenton gebraucht, damit deren Beziehung zueinander glaubhaft vermittelt werden kann.
Die gesamte Spieldauer geht mit rund 10-12 Stunden in Ordnung und bewegt sich im Durchschnitt. Das Spiel beschränkt sich großteils auf Rätsel, die für den Handlungsverlauf wirklich notwendig sind. Botengänge gibt es kaum und wenn doch, dann zählen sie finde ich zur unterhaltsameren Sorte. Was die technische Umsetzung anbelangt, so stößt das Spiel in dieselbe Kerbe wie "Geheimakte Tunguska" oder "Puritas Code". Es scheint mir auch nicht nötig, hier viel zu ändern. Die Steuerung geht prima von der Hand/Maus. Es bedarf zudem keiner zu gewaltigen CPU Leistung Bedarf, um dieses Spiel selbst auf hoher Stufe spielen zu können - und das ohne das "Lost Horizon" einen verstaubten Eindruck hinterlasse würde. Notfalls lassen sich die Settings aber herunterschrauben. Bugs, Abstürze und co passieren desweiteren kaum. Wehmutstropfen an dieser Stelle ist die etwas mangelhafte Animation der Charaktere. Den Gesichtern sind kaum Emotionen zu entnehmen. Dafür machen die SprecherInnen hier aber viel wett. Bemerkenswert fand ich zudem die musikalische Untermalung, denn die ist äusserst filmreif gelungen und bringt enorm viel Stimmung!
Was die Rätsel angeht: sie sind zwar sehr leicht geraten, aber in Summe nett gelungen. Vom Prinzip her erinnerte es mich teilweise ein bisschen an Lucas Arts (d.h. etwas Querdenken schadet manchmal nicht). Nur kann man sich sehr oft die Lösung ganz einfach nach Ausschlußprinzip zusammenreimen, da sich im Inventar in der Regel nur eine stark beschränkte Anzahl von Gegenständen befindet und man in der Umgebung oft nur mit recht wenigen Objekten interagieren kann. Dieses Problem teilt "Lost Horizon" mit vielen Adventures und diese Problematik sorgt mitunter dafür, dass selbst die wenigen potentiellen Kopfnüsse oft zu leicht zu lösen sind. Zudem gibt es in der Regel stets eine einzige Lösungsmöglichkeit. Ein bisschen mehr Komplexität hätte dem Rätseldesign keineswegs geschadet. Eine Sache fand ich zudem sehr suboptimal: Manchmal werden Mechanismen lediglich verbal in einer totalen Einstellung beschrieben. Das ist aus meiner Sicht unzeitgemäß und unvorteilhaft. Hier würde sich eine andere Umsetzung anbieten, v.a. ein Close Up. Weiters wäre es aus meiner Sicht besser gewesen, alle Gegenstände im Inventar aus der Nähe drehen und wenden zu können.
Ein interessanter Ansatz im Spiel ist die Möglichkeit, an bestimmten Stellen den Schwierigkeitsgrad selbst zu bestimmen. Schade nur, dass gerade diese Rätsel so oder so keine Herausforderung darstellen - das wäre eine gute Sache, an der Animation Arts und Deep Silver in Zukunft festhalten sollten. Interessant fand ich zudem den Endkampf, wenngleich der zu kurz gerät. Diese Konfrontation hat zudem wenig mit rationaler Überlegung zu tun. Ein längerer, weniger absehbarer Kampf mit mehr Handlungsalternativen, wäre meinem Empfinden nach besser gewesen. Und ich finde, man sollte anfangs mit dem Gegenüber mehr Schwierigkeiten haben und mit der Zeit die richtige Strategie auf Basis des Kampfverlaufs herausfinden. Dann wäre es perfekt :).
Fazit: "Lost Horizon" wird dem Genre locker gerecht. Es ist kurzweilig, abwechslungsreich und interessangt umgesetzt. Im Detail gibt es freilich ein paar Streitpunkte, aber grundsätzlich zählt dieses Spiel für mich zu den besten Adventures der letzten fünf Jahre. Wer die beiden "Geheimakte" Spiele mochte, wird wahrscheinlich zufrieden sein. Wer sich jedoch Innovationen und Kopfnüsse erhofft, wird kaum fündig werden. Aus meiner Sicht jedenfalls ein gutes Spiel.