Knut Hamsun - die wohl schillerndste und umstrittenste Figur der literarischen Avantgarde, ein großer Autor, Nobelpreisträger, Pionier des modernen Romans und Kollaborateur der Nazis, in Norwegen angeklagt und verurteilt wegen Landesverrat, erlebt in letzter Zeit eine Renaissance. Was war das für ein Mensch, den Isaak Bashevis Singer den "Vater der modernen Literatur - mit seiner Subjektivität, seinem Impressionismus, seinen Rückblenden, seiner Lyrik" nannte? Die aufwendig recherchierte und spannend erzählte Biografie von Ingar Sletten Kolloen, "KNUT HAMSUN, Schwärmer und Eroberer, Narzisst und Nobelpreisträger" erzählt es uns.
Knut Hamsun (1859 - 1952) war wie eine Figur aus seinen Romanen, "nervös" wie man das damals nannte, sprunghaft, maßlos in seiner Selbsteinschätzung, für seine Umgebung ein nur schwer erträglicher Mensch. Die Beschreibung des jungen Hamsun erinnert an das "Ich" in Hamsuns "Hunger" (1890), das Buch, das seinen Ruhm begründete. Hamsun lebte seine Maßlosigkeit aber nicht bloß aus, er fand für sie eine literarische Form. Innere Monologe, Wortkaskaden, grammatikalische Brüche, Wechsel der Zeitformen, indem er sich selbst beschreibt, erfindet er den modernen Roman.
Hamsun brach in die kleinstädtisch geprägte literarische Welt Norwegens ein, wie Johann Nilsen Nagel aus "Mysterien" (1892) in die kleine norwegische Küstenstadt. Hamsun ist von Widersprüchen zerrissen. Er träumt vom einfachen Leben auf dem Land und kann doch nur in unwirtlichen Mansardenzimmern in der Stadt schreiben. Er hasst das Stadtleben und und hält es doch nicht aus auf dem Land. Er ist bei allen verschuldet und stößt doch alle vor den Kopf. So ist er ständig auf der Flucht und kann doch nicht lassen. Er flieht in die USA und wird auch dort nicht heimisch, kehrt zurück nach Norwegen, hält wütende Vorträge über die amerikanische Kultur und emigriert erneut, nur um erneut heimzukehren.
Der Gegensatz zwischen Stadt und Land beherrscht sein Leben, wie auch das Leben seiner Zeit. Hamsun lebt diesen Widerspruch nicht nur, er gestaltet ihn literarisch und er soll zu seinem Schicksal werden. Über Jahre hin verspricht er seiner Frau einen kleinen Hof zu kaufen, auf dem Land ein ruhiges Leben zu führen, endlich ist es soweit. Er kauft einen Hof im Norden, lässt umbauen - die Bucheinnahmen erlauben es - und fährt für Wochen in irgendeine Kleinstadt, mietet eine Mansarde oder ein schäbiges Zimmer - um zu schreiben. Einige Jahre geht das so - dann verkauft er den Hof - gegen den wütenden Protest seiner Frau - aber sein diktatorischer Wille kennt keine Rücksichten auf seine Familie - während er gleichzeitig an seinen großen Epos über Isak den Neusiedler schreibt "Segen der Erde" (1917) wird das Buch heißen und Hamsun wird dafür den Nobelpreis erhalten. Sie ziehen in die Stadt und Hamsun ist verzweifelt: "Das Seltsame ist: Jetzt bin ich den Hof also los, aber meine Gesundheit hat sich nicht gebessert, und ich leide im Grunde wie ein Narr darunter, dass ich keinen Hof mehr besitze. ( ... ) Ich habe einen unausrottbaren Hang zum Boden." S. 227
Er kauft einen Herrensitz an der Südküste Norwegens "Segen der Erde" wurde zur reinsten Gelddruckmaschine und diesmal geht es, jedenfalls wie es bei Hamsun gehen kann. Ein Geschäftsführer, eine Reihe von Angestellten, eine Schreibmansarde im schlossähnlichen Gutshaus und stetige Quersubventionen aus den Bucherträgen und dem Nobelpreis machen es möglich. Das Gut wird ein hochmoderner Musterbetrieb, mit dem ersten Traktor Norwegens. Hamsun pendelt auch weiterhin zwischen Schreibmansarde in der Stadt, in der Bücher über das Landleben entstehen und seinem Herrensitz, in dem er über die Hölle des Stadtlebens schreibt.
Er gehört jetzt zu den Größen der europäischen Literatur. In der Festschrift zu seinem 70sten Geburtstag schreibt die Elite Europas: Jacinto Benavente, John Galsworthy, Andre Gide, Maxim Gorki, Gerhart Hauptmann, Alexandra Kollontai, Tom Kristensen, Thomas und Heinrich Mann, T.G. Masaryk, Ludmilla Pitoëff, Hjalmar Söderbcrg, Jakob Wassermann, H. G. Wells, Stefan Zweig.
Mit dem Ruhm und dem Reichtum wächst seine Utopie. Sein alter Hass auf die Angelsachsen findet im ersten Weltkrieg und in der Nachkriegspolitik der Siegermächte Nahrung und er nimmt Partei für Deutschland. Er träumt jetzt von Deutschland als Erlöser Europas, vom "Pangermanischen Reich" , sieht in Hitler den "großen Reformator". In den dreißiger Jahren verlassen mehr und mehr politische Pamphlete seine Schreibwerkstatt, verdrängen die literarische Produktion. Er und auch seine Frau werden zu treu bekennenden Anhängern Nazideutschlands, verteidigen die deutsche Invasion Norwegens.
Eine Audienz bei Hitler 1943 gewinnt eine absurd schillersche Dimensionen. Hamsun fordert von dem Diktator, vor dem ganz Europa zittert, daß er in Norwegen die Utopie des "Pangermanischen Reiches" nicht gefährden dürfe und deshalb seinen brutalen Statthalter abberufen möge. Seinem Übersetzer, vor Todesangst zitternd, verschlägt es die Sprache. Hitlers eigener, hinter einem Vorhang verborgen, notiert die Szene. Hitler selbst gerät in Wut. Er wollte über das Genie schwelgen. Hamsun lässt sich nicht beirren und wird laut, bricht in Tränen aus. Mit Mühe gelingt es den Sekretären, die Situation zu retten. 'Ich will solche Leute hier nicht mehr sehen', schreit Hitler, als Hamsun fort ist. Hamsuns "Don Carlos Auftritt" vor der Weltgeschichte ist gründlich gescheitert.
Auch nach dem apokalyptischen Untergang seiner Utopie bleibt er seiner avantgardistischen Seele treu: niemals auch nur ein Geringstes dem common sense, der political correctness oder sonst einer gemeinverständlichen vernünftigen Moral und inszeniert seinen letzten Auftritt in der Weltliteratur. Stoisch erträgt der 92jährige Psychiatrie und Arrest in erbärmlichen Altersheimen, Anklage und Urteil und schreibt mit eisernem Willen, von Krankheit gezeichnet, sein letztes Buch, "Auf überwachsenen Pfaden" (1949), gibt Ankläger und Psychiater der Lächerlichkeit preis: Sie sind schlechtere Literaten als er.
"Unverständlich" nennt die Einleitung zur Hörspielfassung von "Mysterien" des Südwestfunk Hamsun und sein Engagement für Hitler. Sicherlich. Hamsun war niemals verständlich, harmlos, gar unschuldig. Aber wer aus der literarischen Avantgarde war schon harmlos. Unbeschadet, gar unschuldig hat kaum einer das blutige 20. Jahrhundert überstanden. Uns harmlosen Postmodernen, denen die literarischen Techniken der Avantgarde selbstverständlich geworden sind, fällt es schwer, das in seinen letzten Konsequenzen nachzudenken. Die dichte und detailreiche Biografie Hamsuns von Ingar Sletten Kolloen hilft dabei, es trotzdem zu versuchen.