Aus der Amazon.de-Redaktion
Tempe gehört zu einem Team international anerkannter forensischer Experten, deren entsetzliche Aufgabe es ist, die Leichen hingerichteter Frauen und Kinder aus einem Brunnenschacht zu bergen und nach Hinweisen auf die Täter zu suchen. Parallel dazu wird sie von einem Beamten der örtlichen Polizei aufgefordert, bei den Ermittlungen in einem aktuellen Fall zu helfen: Eine Reihe von Mädchen ist verschwunden und alles weist auf einen Serienmörder hin. Beide Untersuchungen scheinen auf den ersten Blick in keinem Zusammenhang zu stehen -- doch die Verflechtungen von Macht und Schuld sind undurchdringlich. Tempe muss bald erkennen, dass sie bei ihrem Kampf um Gerechtigkeit auch ihr Leben aufs Spiel setzt.
Knochenlese ist ohne jeden Zweifel Reichs bisher bester Roman. Sie weiß ganz genau, wie sie eine Geschichte aufbauen, wie sich Informationshappen und geheimnisvolle Andeutungen die Waage halten müssen, damit ihre Leser das Buch nicht aus der Hand legen. Einzig ihr etwas klischeelastiger Stil fällt angesichts des ernsten Themas unangenehm auf. Aber es ist ihr zuzutrauen, dass sie sich auch in dieser Hinsicht noch steigert. Ihre Kollegin Patricia Cornwell, mit der sie immer wieder verglichen wird, hat sie jedenfalls längst hinter sich gelassen. --Felix Darwin -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Schön rasant geschrieben … solche Romane wünscht sich der Krimifreak!" (Die Welt )
"Kathy Reichs hat mal wieder ganze Knochenarbeit geleistet - für Freunde faszinierender Forensik!" (Hamburger Morgenpost )
Kurzbeschreibung
Klappentext
Margarete von Schwarzkopf, NDR
"Ein brillanter Thriller!"
Frau mit Herz
"Kathy Reichs demonstriert in gewohnt fundierter, erlesener, unterhaltsamer und unübertroffen spannender Art und Weise, dass Einfühlungsvermögen und ein wachsames Auge, Erfahrung und eine schnelle Zunge, nicht zu schlagen sind. Eben die Waffen einer Frau."
Buchtipp von Buchhändler Bernd Kösendrup in der "Rheinischen Pos
Über den Autor
Klaus Berr, geb. 1957 in Schongau, Studium der Germanistik und Anglistik in München, einjähriger Aufenthalt in Wales als "Assistant Teacher", ist der Übersetzer von u.a. Lawrence Ferlinghetti, Tony Parsons, William Owen Roberts, Will Self.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Guatemala 1962-1996
New York, New York Arlington, Virginia Shanksville, Pennsylvania
11. September 2001
Ich habe ihre Knochen berührt. Ich trauere um sie.
»Ich bin tot. Sie haben mich auch umgebracht.«
Die Worte der alten Frau stachen mir ins Herz.
»Bitte erzählen Sie mir, was an diesem Tag passiert ist.« Maria sprach so leise, dass ich Mühe hatte, ihr Spanisch zu verstehen.
»Ich habe meine Kleinen geküsst und bin auf den Markt gegangen.« Die Augen niedergeschlagen, die Stimme tonlos. »Ich wusste nicht, dass ich sie nie wieder sehen würde.«
Aus dem K'akchiquel ins Spanische, dann die Übersetzung in die Gegenrichtung und wieder andersherum im Wechselspiel von Frage und Antwort. Die Übersetzung schaffte es nicht, das erinnerte Grauen zu mildern.
»Wann sind Sie nach Hause zurückgekehrt, Señora Ch'i'p?«
»A que hora regreso usted a su casa, Señora Ch'i'p?«
»Chike ramaj xatzalij pa awachoch, Ixoq Ch'i'p?«
»Am späten Nachmittag. Ich hatte meine Bohnen verkauft.«
»Das Haus brannte?«
»Ja.«
»Ihre Familie war drinnen?« Ein Nicken.
Ich betrachtete die Beteiligten. Eine uralte Maya-Frau, ihr Sohn mittleren Alters und die junge Kulturanthropologin Maria Paiz, jetzt gezwungen, unaussprechliche Erinnerungen auszugraben. Ich spürte Wut und Trauer in mir zusammenprallen wie die Gewitterwolken, die sich am Horizont auftürmten.
»Was haben Sie getan?«
»Wir haben sie im Brunnen begraben. In aller Eile, bevor die Soldaten zurückkamen.«
Ich musterte die alte Frau. Ihr Gesicht war wie brauner Kord. Ihre Hände waren schwielig, der lange Zopf mehr grau als schwarz. Um ihren Kopf war ein Tuch geknotet, leuchtende Rot-, Pink-, Gelb- und Blautöne, verwebt zu Mustern, die älter waren als die Berge, die uns umgaben. Ein Zipfel hob und senkte sich im Wind.
Die Frau lächelte nicht. Sie runzelte auch nicht die Stirn. Und sie schaute niemanden an, was mich sehr erleichterte. Hätten sich unsere Blicke auch nur kurz getroffen, wäre die Übermittlung von Schmerz wohl grausam gewesen.
Vielleicht wusste sie das und wandte den Blick ab, um nicht andere in die Hölle hinabzuziehen, die diese Augen verbargen.
Es konnte natürlich auch Misstrauen sein. Vielleicht war sie nach dem, was sie erlebt hatte, nicht mehr bereit, Fremden offen in die Augen zu sehen.
Da ich einen leichten Schwindel verspürte, drehte ich einen Eimer um, setzte mich darauf und betrachtete die Umgebung.
Ich befand mich auf zweitausend Meter Höhe im westlichen Hochland Guatemalas, am Grund einer Schlucht mit steilen Flanken. Ungefähr einhundertfünfundzwanzig Kilometer nordwestlich von Guatemala City.
Um mich herum floss ein breiter Strom aus üppig grünem Wald, durchsetzt von kleinen Feldern und Gemüsegärten, wie Inseln. Hier und dort war das riesige Schachbrett von künstlich angelegten Terrassen durchbrochen, die sich spielerisch wie Wasserfälle in die Tiefe stürzten. Dunst umwaberte die höchsten Gipfel und ließ ihre Umrisse verschwimmen wie auf einem Bild von Monet.
Landschaften von solcher Schönheit hatte ich nur selten gesehen. Die Great Smoky Mountains. Den Gatineau in Quebec im Nordlicht. Die Barrier Islands vor der Küste Carolinas. Der Vulkan Haleakula bei Sonnenaufgang. Der Liebreiz der Umgebung machte die vor mir liegende Arbeit umso herzzerreißender.
Als forensische Anthropologin ist es meine Aufgabe, Tote auszugraben und zu untersuchen. Ich identifiziere die Verbrannten, die Mumifizierten, die Verwesten und die Skelettierten, die ansonsten in anonymen Gräbern landen würden. Manchmal sind die Ergebnisse nur sehr allgemein, kaukasoide Frau, Mitte zwanzig. Bei anderen Gelegenheiten kann ich ein Opfer genau identifizieren. In einigen Fällen finde ich heraus, wie die Leute starben. Oder wie ihre Leichen verstümmelt wurden.
Ich bin also durchaus gewöhnt an den Tod und das, was nach ihm kommt. Ich bin vertraut mit seinem Geruch, seinem Anblick, mit seiner Bedeutung. Ich habe gelernt, mich emotional zu stählen, damit ich meinen Beruf ausüben kann.
Aber diese alte Frau durchbrach meinen Schutzwall, meine Distanziertheit.
Noch ein Schwindelanfall. Das liegt an der Höhe, sagte ich mir, senkte den Kopf und atmete tief durch.
Obwohl meine eigentlichen Wirkungsstätten North Carolina und Quebec sind, für deren Behörden ich als forensische Anthropologin tätig bin, war ich als Freiwillige nach Guatemala gekommen, um einen Monat lang als Beraterin für die Fundación de Antropología Forense de Guatemala zu arbeiten. Die Guatemaltekische Stiftung für Forensische Anthropologie, FAFG, arbeitete daran, die Überreste all jener zu lokalisieren und zu identifizieren, die während des Bürgerkriegs von 1962 bis 1996, einem der blutigsten Konflikte der lateinamerikanischen Geschichte, verschwunden waren.
Seit meiner Ankunft vor einer Woche hatte ich viel gelernt. Schätzungen über die Zahl der Vermissten schwankten zwischen ein- und zweihunderttausend. Der Großteil der Gräueltaten ging auf das Konto der guatemaltekischen Armee und der mit ihr verbündeten paramilitärischen Organisationen. Die meisten der Getöteten waren Bauern vom Lande. Viele davon Frauen und Kinder.
Die Opfer wurden erschossen oder mit Macheten zerstückelt. Andere Dörfer hatten nicht so viel Glück wie Chupan Ya. Hier hatten die Bewohner Zeit gehabt, ihre Toten zu verstecken. Viel häufiger wurden die Leichen in anonymen Massengräbern verscharrt, in Flüsse geworfen oder unter den Ruinen von Hütten oder Häusern liegen gelassen. Die Hinterbliebenen erhielten keine Erklärungen, keine Vermisstenlisten, keine Unterlagen. Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen bezeichnete diese Massaker als Genozid am Volk der Maya.
Familien und Nachbarn nannten ihre Vermissten desaparecidos. Die Verschwundenen. Die FAFG versuchte, sie oder genauer ihre Überreste zu finden, und ich war gekommen, um dabei zu helfen.
Hier in Chupan Ya waren Soldaten und Zivilpatrouillen an einem Augustmorgen im Jahr 1982 eingefallen. Die Männer flohen, weil sie befürchteten, man würde sie der Kollaboration mit der örtlichen Guerillabewegung verdächtigen. Den Frauen wurde befohlen, sich mit ihren Kindern in Gruppen auf bestimmten Farmen zu versammeln. Sie gehorchten, vielleicht, weil sie dem Militär vertrauten, vielleicht aber, weil sie es fürchteten. Als die Soldaten sie auf den Farmen fanden, wurden die Frauen stundenlang vergewaltigt und dann umgebracht. Jedes Haus im Tal wurde niedergebrannt.
Überlebende erzählten von fünf Massengräbern. Am Grund des Brunnens hinter Mrs. Ch'i'p lagen angeblich dreiundzwanzig Frauen und Kinder.
Die alte Frau fuhr mit ihrer Geschichte fort.
Auszug aus Knochenlese von Kathy Reichs, Klaus Berr. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Worte der alten Frau stachen mir ins Herz.
"Bitte erzählen Sie mir, was an diesem Tag passiert ist." Maria sprach so leise, dass ich Mühe hatte, ihr Spanisch zu verstehen.
"Ich habe meine Kleinen geküsst und bin auf den Markt gegangen." Die Augen niedergeschlagen, die Stimme tonlos. "Ich wusste nicht, dass ich sie nie wieder sehen würde."
Aus dem K'akchiquel ins Spanische, dann die Übersetzung in die Gegenrichtung und wieder andersherum im Wechselspiel von Frage und Antwort. Die Übersetzung schaffte es nicht, das erinnerte Grauen zu mildern.
"Wann sind Sie nach Hause zurückgekehrt, Señora Ch'i'p?"
"A que hora regreso usted a su casa, Señora Ch'i'p?"
"Chike ramaj xatzalij pa awachoch, Ixoq Ch'i'p?"
"Am späten Nachmittag. Ich hatte meine Bohnen verkauft."
"Das Haus brannte?"
"Ja."
"Ihre Familie war drinnen?"
Ein Nicken.
Ich betrachtete die Beteiligten. Eine uralte Maya-Frau, ihr Sohn mittleren Alters und die junge Kulturanthropologin Maria Paiz, jetzt gezwungen, unaussprechliche Erinnerungen auszugraben. Ich spürte Wut und Trauer in mir zusammenprallen wie die Gewitterwolken, die sich am Horizont auftürmten.
"Was haben Sie getan?"
"Wir haben sie im Brunnen begraben. In aller Eile, bevor die Soldaten zurückkamen."
Ich musterte die alte Frau. Ihr Gesicht war wie brauner Kord. Ihre Hände waren schwielig, der lange Kopf mehr grau als schwarz. Um ihren Kopf war ein Tuch geknotet, leuchtende Rot-, Pink-, Gelb- und Blautöne, verwebt zu Mustern, die älter waren als die Berge, die uns umgaben. Ein Zipfel hob und senkte sich im Wind.
Die Frau lächelte nicht. Sie runzelte auch nicht die Stirn. Und sie schaute niemanden an, was mich sehr erleichterte. Hätten sich unsere Blicke auch nur kurz getroffen, wäre die Übermittlung von Schmerz wohl grausam gewesen.
Vielleicht wusste sie das und wandte den Blick ab, um nicht andere in die Hölle hinabzuziehen, die diese Augen verbargen.
Es konnte natürlich auch Misstrauen sein. Vielleicht war sie nach dem, was sie erlebt hatte, nicht mehr bereit, Fremden offen in die Augen zu sehen.
Da ich einen leichten Schwindel verspürte, drehte ich einen Eimer um, setzte mich darauf und betrachtete die Umgebung.
Ich befand mich auf zweitausend Meter Höhe im westlichen Hochland Guatemalas, am Grund einer Schlucht mit steilen Flanken. Ungefähr einhundertfünfundzwanzig Kilometer nordwestlich von Guatemala City.
Um mich herum floss ein breiter Strom aus üppig grünem Wald, durchsetzt von kleinen Feldern und Gemüsegärten, wie Inseln. Hier und dort war das riesige Schachbrett von künstlich angelegten Terrassen durchbrochen, die sich spielerisch wie Wasserfälle in die Tiefe stürzten. Dunst umwaberte die höchsten Gipfel und ließ ihre Umrisse verschwimmen wie auf einem Bild von Monet.
Landschaften von solcher Schönheit hatte ich nur selten gesehen. Die Great Smoky Mountains. Den Gatineau in Quebec im Nordlicht. Die Barrier Islands vor der Küste Carolinas. Der Vulkan Haleakula bei Sonnenaufgang. Der Liebreiz der Umgebung machte die vor mir liegende Arbeit umso herzzerreißender.
Als forensische Anthropologin ist es meine Aufgabe, Tote auszugraben und zu untersuchen. Ich identifiziere die Verbrannten, die Mumifizierten, die Verwesten und die Skelettierten, die ansonsten in anonymen Gräbern landen würden. Manchmal sind die Ergebnisse nur sehr allgemein, kaukasoide Frau, Mitte zwanzig. Bei anderen Gelegenheiten kann ich ein Opfer genau identifizieren. In einigen Fällen finde ich heraus, wie die Leute starben. Oder wie ihre Leichen verstümmelt wurden.
Ich bin also durchaus gewöhnt an den Tod und das, was nach ihm kommt. Ich bin vertraut mit seinem Geruch, seinem Anblick, mit seiner Bedeutung. Ich habe gelernt, mich emotional zu stählen, damit ich meinen Beruf ausüben kann.
Aber diese alte Frau durchbrach meinen Schutzwall, meine Distanziertheit.