Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Autorin webt zu Anfang ein sehr dichtes Geflecht um diese Morde, um die Exhumierung einer Ordensschwester auf dem vergangenen Jahrhundert, einem verschwundenen Mädchen und einer seltsamen Professorin, die in dem Fall der Nonne Elisabeth Nicolet weiterhelfen soll. Es bedarf sehr starker Nerven, um die akribische und wenig appetitliche Arbeit einer Anthropologin mitzuverfolgen. Die Autorin flicht ihre kompetenten Erkenntnisse mit ein und läßt bei der Schilderung der Routinetätigkeit von Tempe Brennan Emotionen und somit Menschlichkeit miteinfließen. Teilweise beschleicht den Leser das Gefühl, daß sich die Autorin ihre eigenen Traumata von der Seele schreiben will.
Bis zum eigentlichen Kern der Handlung, dem Plot, baut Kathy Reichs eine sich langsam steigernde Spannung auf, der sich der Leser kaum entziehen kann. Steckt eine Sekte hinter den mysteriösen Verbrechen, denen immer mehr folgen? Warum wird die Anthropologin selbst bedroht? Zwischen diese Stränge schiebt die Autorin zur Auflockerung leichte romantische Anwandlungen der Hauptdarstellerin, um sie auch als Mensch und nicht nur als Karrierefrau darzustellen. Ein intelligenter Roman um die Fänge einer Sekte, der gleichzeitig auf eine unterhaltsame Art viel Wissenswertes aus dem Alltag einer Anthropologin schildert. --Corinna S. Heyn -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Umschlagtext
Über den Autor
Klaus Berr, geb. 1957 in Schongau, Studium der Germanistik und Anglistik in München, einjähriger Aufenthalt in Wales als "Assistant Teacher", ist der Übersetzer von u.a. Lawrence Ferlinghetti, Tony Parsons, William Owen Roberts, Will Self.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Draußen heulte der Wind. Im Inneren der alten Kirche waren nur das Scharren meiner Kelle und das Brummen eines tragbaren Generators mit Heizlüfter zu hören. Hoch über uns kratzten Zweige an vernagelten Fenstern wie knotige Finger auf Sperrholztafeln.
Die Gruppe stand hinter mir, dicht beieinander, aber ohne sich zu berühren, die Hände fest geballt in den Taschen. Ich hörte, wie sie von einem Fuß auf den anderen traten. Stiefel knirschten auf gefrorener Erde. Niemand sagte etwas. Die Kälte hatte uns zum Schweigen gebracht.
Langsam sickerte ein Erdhäufchen durch das grobe Netz meines Siebes. Der körnige Untergrund war eine angenehme Überraschung gewesen. Eigentlich hatte ich angesichts der gefrorenen Oberfläche mit Dauerfrostboden für die gesamte Tiefe der Ausgrabung gerechnet. Doch in den letzten beiden Wochen war es in Quebec für die Jahreszeit ungewöhnlich warm gewesen, der Schnee war geschmolzen und die Erde getaut. Wieder mal Glück gehabt, Tempe. Obwohl diese Vorahnung des Frühlings kürzlich von einem arktischen Wind davongeblasen worden war, hatte das milde Intermezzo die Erde weich gemacht und das Graben erleichtert. Gut. Letzte Nacht war das Thermometer wieder auf unter minus zehn Grad Celsius gefallen. Nicht gut. Die Erde war zwar nicht wieder gefroren, aber die Luft war eisig. Meine Finger waren so kalt, daß ich sie kaum bewegen konnte.
Es war bereits unser zweiter Graben, aber im Sieb fand sich noch immer nichts außer Kieseln und Steinsplittern. Bei dieser Tiefe hatte ich zwar noch nicht viel erwartet, aber man konnte nie wissen. Eine Exhumierung, bei der alles so lief wie geplant, hatte ich bis jetzt noch nicht erlebt.
Ich drehte mich zu einem Mann in schwarzem Parka und Zipfelmütze um. Er trug lederne, bis unter die Knie geschnürte Stiefel, aus denen zwei Paar über die Schäfte gekrempelte Strümpfe herauslugten. Sein Gesicht hatte die Farbe von Tomatensuppe.
»Nur noch ein paar Zentimeter.« Ich machte eine beschwichtigende Bewegung mit der Hand, als würde ich eine Katze streicheln. Langsam. Ganz langsam arbeiten.
Der Mann nickte und stieß seinen langstieligen Spaten in den flachen Graben. Dabei grunzte er wie die Seles beim Aufschlag.
»Par pouces!« schrie ich und packte die Schaufel. Zentimeter für Zentimeter! Ich wiederholte die flach schneidende Bewegung, die ich ihm schon den ganzen Vormittag gezeigt hatte. »Wir wollen das Erdreich in dünnen Schichten abtragen.« Ich sagte es noch einmal, in langsamem, bemühtem Französisch.
Der Mann war allem Anschein nach nicht meiner Meinung. Vielleicht war es die mühselige Eintönigkeit der Arbeit, vielleicht der Gedanke, Tote auszugraben. Jedenfalls wollte Tomatensuppe es hinter sich haben.
»Bitte, Guy, wollen Sie es nicht noch einmal probieren?« fragte eine männliche Stimme hinter mir.
»Ja, Hochwürden.« Ein Murmeln.
Kopfschüttelnd nahm Guy die Arbeit wieder auf, doch diesmal trug er die Erde in flachen Schichten ab, wie ich es ihm gezeigt hatte, und warf sie gegen das Sieb. Immer auf der Suche nach Hinweisen, daß wir uns endlich einem Grab näherten, wanderte mein Blick vom Sieb zu der Grube.
Wir arbeiteten schon seit Stunden, und hinter mir konnte ich die Anspannung spüren. Ich drehte mich um und warf der Gruppe einen, wie ich hoffte, ermutigenden Blick zu. Meine Lippen waren so steif, daß ich nicht wußte, ob er mir gelang.
Sechs Gesichter starrten mich an, verkniffen vor Kälte und banger Erwartung. Eine kleine Dampfwolke stieg vor jedem hoch und löste sich auf. Sechs Münder lächelten in meine Richtung. Ich spürte, daß heftig gebetet wurde.
Neunzig Minuten später waren wir einen Meter fünfzig tief. Wie schon aus der ersten hatten wir auch aus dieser Grube nur Erde herausgeholt. Ich war mir sicher, daß ich Frostbeulen an jedem Zeh hatte, und Guy hätte wahrscheinlich am liebsten mit einem Schaufelbagger weitergemacht. Zeit für eine Neubesinnung.
»Hochwürden, ich glaube, wir müssen uns die Bestattungsunterlagen noch einmal ansehen.«
Er zögerte einen Augenblick. Dann: »Ja, natürlich. Natürlich. Und ich glaube, Kaffee und Sandwiches könnten wir jetzt alle gut gebrauchen.«
Der Priester ging auf die Flügeltür am anderen Ende der Kirche zu, und die Nonnen folgten ihm, mit gesenktem Kopf vorsichtig über den unebenen Boden trippelnd. Ihre weißen Schleier breiteten sich in genau gleichen Fächern auf den Rücken ihrer schwarzen Wollmäntel aus. Pinguine. Wer hatte das gesagt? Die Blues Brothers.
Ich schaltete die Flutlichtstrahler aus und folgte ihnen. Den Blick ebenfalls gesenkt, staunte ich über die Knochenfragmente, die hier überall in dem Lehmboden eingebettet waren. Klasse. Wir hatten an der einzigen Stelle in der ganzen Kirche gegraben, an der es keine Gräber gab.
Father Ménard stieß einen Flügel auf, und wir traten im Gänsemarsch ans Tageslicht. Man brauchte einen Moment, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Der Himmel war bleigrau und lag schwer auf den Giebeln und Türmen des Klosters. Ein beißender Wind blies von den Laurentian Mountains herunter und fuhr in Kragen und Schleier.
Unsere kleine Gruppe stemmte sich gegen den Wind und marschierte zu einem Nachbargebäude, aus grauem Stein wie die Kirche, nur etwas kleiner. Wir stiegen die Stufen hoch zu einem reich mit Schnitzwerk verzierten hölzernen Portal und traten durch eine Seitentür ein.
Drinnen war es warm und trocken, angenehm nach der bitteren Kälte. Ich roch Tee und Mottenkugeln und den Bratgeruch von Jahren.
Wortlos zogen die Frauen ihre Stiefel aus, lächelten mich eine nach der anderen an und verschwanden durch eine Tür auf der rechten Seite, während eine winzige Nonne in einem riesigen Skipullover ins Foyer schlurfte. Flauschige braune Rentiere trabten über ihre Brust und verschwanden unter ihrem Schleier. Sie blinzelte mich durch dicke Brillengläser an und streckte die Hand nach meinem Parka aus. Ich zögerte, denn ich befürchtete, sein Gewicht würde sie aus dem Gleichgewicht bringen und sie auf den Fliesenboden schleudern. Doch sie nickte und wedelte beinahe ungeduldig mit den Fingern, und so zog ich die Jacke aus, legte sie ihr über die Arme und fügte Mütze und Handschuhe hinzu. Sie war die älteste Frau, die ich je lebend gesehen hatte.
Ich folgte Father Ménard über einen langen, düsteren Gang in ein kleines Arbeitszimmer. Hier roch es nach altem Papier und Schulkleister. Über einem Schreibtisch hing ein Kruzifix, das so riesig war, daß ich mich fragte, wie man es durch die Tür gebracht hatte. Dunkle Eichentäfelung reichte fast bis zur Decke, von wo aus Statuen auf uns herabstarrten, mit Gesichtern so düster wie das des Mannes auf dem Kruzifix.
Father Ménard setzte sich auf einen der Holzstühle vor dem Schreibtisch und bedeutete mir, auf dem anderen Platz zu nehmen. Das Rascheln seiner Kutte. Das Klimpern seiner Rosenkranzperlen. Einen Augenblick lang war ich wieder in St. Barnabas. Im Büro des Ehrwürdigen Vaters. Wieder mal in Schwierigkeiten. Laß das, Brennan. Du bist über vierzig und Akademikerin. Forensische Anthropologin. Man hat dich hierhergerufen, weil dein Fachwissen gefragt ist.
Der Priester nahm einen ledergebundenen Folianten vom Schreibtisch, schlug ihn bei der mit einem grünen Lesebändchen markierten Seite auf und schob ihn zwischen uns. Er holte tief Luft, spitzte die Lippen und atmete durch die Nase wieder aus.
Der Lageplan war mir inzwischen vertraut. Ein Gitternetz mit regelmäßigen Reihen rechteckiger Felder, einige mit Nummern, andere mit Namen. Stundenlang hatten wir die Zeichnung tags zuvor angestarrt und die Daten und Beschreibung der Gräber mit ihrer Lage auf dem Gitternetz verglichen. Dann waren wir das Gelände abgeschritten und hatten die genaue Stelle markiert.
Élisabeth sollte eigentlich, von der Nordwand aus gerechnet, in der dritten Reihe liegen, im dritten Grab vom westlichen Ende her. Genau neben Mère...