Über allem das Ticken der Lebensuhr - Harald Weinrichs geistreiches Buch «Knappe Zeit» Von Martin Meyer Zeit und menschliches Handeln scheinen in umso grösserem Missverhältnis zueinander zu stehen, je effizienter wir die Prinzipien der Zeitökonomie zu beherrschen glauben. Das Dilemma des modernen Menschen besteht darin, dass uns die Beschleunigung unseres Lebens keinerlei Zeitgewinn zu erbringen scheint. Der Romanist Harald Weinrich hat Stimmen und Schriften gesammelt und zu einer Kulturgeschichte aus den Beständen der Wahrnehmung von knapper Zeit vereint. Moderne Menschen sind Wesen in Bewegung ihr Antrieb ist eine Arbeit, deren mobiler Charakter entsprechende Kompetenzen wünscht. Handlungen laufen unter Druck, Fristen fordern rasche Reaktion, im Wettbewerb siegt zumeist die Agilität, und wer nun immer noch zu spät käme, den bestrafte die Geschichte. Oftmals ist die Bewegung gerichtet. Sie steuert auf Ziele, jedenfalls auf Stationen zu, woraus sich alsgleich neue Chancen entwickeln. Manchmal läuft die Bewegung freilich für sich selbst, als ein Kreisen vor Ort, woraus wir ein eigentümliches Grundrauschen heraushören den so genannten Betrieb einer verwalteten und verriegelten Welt, dessen Hektik auch deshalb etwas Beruhigendes hat, weil uns inzwischen jede Stockung oder Stille als Zeichen des Störfalls irritierte. «Rund um die Uhr» herrschen Aufmerksamkeit und Präsenz; schon im Sprachbild wird das Unaufhörliche solcher Tätigkeiten sofort fassbar. Die Zeit ist dabei nicht die Sache per se, doch das Medium, das erkennen lässt, «wo» wir stehen, wie «weit» wir sind. Zeit zu «haben», wäre eine Art von Kapitalerweis, während die weitaus häufigere Erfahrung des anderen dass die Zeit wegbricht, die Räume «eng» werden, die «deadlines» überschritten sind realistisch die Situation des Schuldners beschreibt. «Le temps mange la vie.» So hatte schon Charles Baudelaire lakonisch kurz zusammengefasst, was ihm an den urbanen Verdichtungen des 19. Jahrhunderts aufgegangen war: Das menschliche Leben schien kaum mehr dafür geeignet, die Abenteuer und Beschleunigungen, die es selbst hervorgezwungen hatte, sinnfällig und sinnenfreudig zu verdauen. Als eine Wirklichkeit der Übergänge und Streifungen begegnete die Moderne als Verschnitt von Zeiten und Rhythmen, die keine Entspannung mehr brachten, im Gegenteil ihre Zeugen in die Rolle der ewigen Passanten drückten eilig unterwegs; aber wohin und wozu? ABLEITUNGEN AUS DER STERBLICHKEIT Eine andere und frühere Form von Zeit-Bewusstsein bildet das factum brutum der Sterblichkeit: dass irgendwann, und eher früher als später, alles vorbei sein wird. Wenn Harald Weinrich in seinem Buch «Knappe Zeit. Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens» an die drei Parzen erinnert, die unseren Faden zuerst spinnen, dann halten und schonen und schliesslich zerschneiden, so macht der Verweis auf die Mythologie den vor-geschichtlichen Grund des Umgangs mit der Zeit transparent. Lebenszeit ist immer nur Spanne, Frist, von daher in der Regel knapp und dicht, von daher dies wäre nun ihr besserer «Sinn» umsichtig zu pflegen und zu nutzen, sei es im Sinne eines höheren Schöpfers, sei es aus eigener Einsicht und Umsicht gegenüber dem Geschenk, manche würden auch sagen: der Last, des Daseins. Aber Weinrich ist von seinem Temperament her kein Dramatiker. Was der Münchner Romanist vor uns ausrollt, ist ein im Ganzen eher auf die Heiterkeit gerichtetes Schriftband aus Autoren und Stimmen, die das Thema der Zeit unter dem Aspekt ihrer Kürze behandeln von Hippokrates und Dante über Lessing, Goethe und Schiller bis zu Balzac, Proust, Heidegger und Blumenberg. Was lernen wir daraus? Dass jenes Faktum des Endens und Verlöschens den menschlichen Geist quer durch die Epochen dazu veranlasst, es zu kommentieren, oftmals im Lichte einer Art von Pädagogik, die Zeit umso mehr und klüger zu nutzen. «Kurz ist das Leben, lang ist die Kunst.» Das stellt in einer Sammlung von insgesamt 87 Aphorismen oder Sentenzen der griechische Arzt Hippokrates fest, und er meint zunächst bloss dies, dass ein Missverhältnis herrsche zwischen der Kunst des Heilens und der gelingenden Möglichkeit ihrer Applikation. Denn während jene als Wissen und Praxis viel Lernzeit erfordere, sei es für ihren Patienten vielleicht bereits zu spät gewesen. Worauf dann Theophrast etwas schärfer ergänzt: «Kaum hat man zu leben begonnen, da muss man schon sterben.» So ist es, worauf das Leben um das «richtige» Leben zu erweitern wäre, wozu natürlich gehörte, die «Ausgaben» oder Investitionen der Lebenszeit angemessen vorzunehmen. Die Philosophen der Schule der Stoa argumentieren hierbei rigider und «moralischer» als ihre Konkurrenten aus den Gärten des Epikur. Das «Carpe diem» des Horaz klingt kecker und freier als der Befund des Seneca, dass die Zeit «res omnium pretiosissime» sei, weshalb man immerzu auf die vernünftige Rendite achten möge: sich nicht in Lüsten und Nichtigkeiten zu ergehen, sondern den Ernst und die Grösse der Gedanken zu pflegen. Noch Leon Battista Alberti, der grosse Humanist und Theoretiker der bildenden Künste, schreibt dieses Pflichtenheft von den erfüllten Stunden weiter, da er die Ökonomie des Haushalts als ein Regelwerk des Haushaltens mit der Zeit definiert gerade dort, im familiär-beruflichen Ambiente der Ordnungen und Gebote, sei keinerlei Zeit zu verlieren, und damit man nicht aus der Übung komme, möchten Musse und Schlaf zugunsten steter Beschäftigung gemieden sein. Hier also bildet sich, selbst im katholischen Milieu, ein Ableger jenes Protestantismus heraus, dessen «Geist» der Askese bekanntlich Max Weber als Triebsatz des modernen Kapitalismus erkannte. RECHNEN UND SCHAFFEN Zeit ist Geld. Im Wortlaut des Autors: «Remember that time is money!» Benjamin Franklin ist kaum dreissig und noch Druckergeselle, als er seine «Necessary hints to those that would be rich» verfasst und darin den Sand im Stundenglas energisch zu kapitalisieren empfiehlt. Das eine ist tatsächlich das Geld, und es ist nicht dazu da, es zu «geniessen», sondern, richtig verwendet, weiteres Geld zu schaffen. Das andere betrifft die Voraussetzungen des Umgangs mit dem Geld, die wie wiederum Max Weber gesagt hätte Fragen der Lebensführung berühren. Franklins Ratschläge sind Adressen an das gebildete Publikum, zumal bei der Erziehung der Jugend darauf zu achten, dass jeder Tag mit Pensen, sei es der praktischen, sei's der theoretischen Arbeit, erfüllt sei, damit sich nicht bald schon das Leid aus versäumten Gelegenheiten einstelle gleichsam das «weltlich» gewordene Unheil des Sünders aus Nachgiebigkeit gegenüber allzu irdischen Genüssen. Zeit ist so auch ein Check für gelingende oder verpfuschte Zukunft. Dass der Teufel wenig Zeit habe, sein Werk zu verrichten, erklärt die christliche Lehre mit der Botschaft von der Erlösung der Welt durch Jesu Opfertod. Gleichwohl und umso eifriger ist der Versucher bei seiner Sache, die Menschen zum Bösen zu verleiten. Lohnt sich aber ein Dasein wider das Gute, wenn der kurzen Lust die unendliche Qual, dem gegen andere eroberten Profit «später» die ewige Nacht aus Eis und Schmerzen folgt? Himmel und Hölle befinden sich im Jenseits der Zeiten und Fristen, doch können Minuten eines Menschenlebens darüber entscheiden, wohin es die Sterblichen dereinst verschlägt. Keiner hat dies eindrucksvoller zur Erzählung von der Komödie unserer Schicksalsmöglichkeiten gestaltet als Dante. Und während der Schiedsspruch über die Todsünder ohnehin nichts mehr erhoffen lässt, bietet nun das neu entdeckte Zwischenreich des Fegefeuers eine bunte Palette von Strafen für uns Durchschnittstäter: Dort entspricht das Mass der Strafe den Verfehlungen im Diesseits der Faulpelz zum Beispiel schmort dann in der trägen Materie des langen, langen Wartens. Die grossen Verführer zum Bösen sind seither auch Meister der Beschleunigung gegen das Gefühl der Langeweile. Weinrichs Interpretationen und Lesarten zu Goethes «Faust» verstehen das Drama rechtens im Zeichen der knappen Zeit: Eile ist geboten, für Mephisto wie für den Doktor seines Überdrusses an der Gelehrsamkeit. Noch lamentiert dessen Famulus «Ach Gott, die Kunst ist lang / Und kurz ist unser Leben!», da sinnt der Herr bereits nach einer Flucht aus so viel Bücherstaub. Was Faust sich wünscht, ist Daseinslust gedrängte, stark erlebte Zeit. Der Teufel kommt, erfüllt den Wunsch, vorausgegangen ist die Verjüngungskur für den alternden Philosophen. Dabei erinnert sich auch Mephisto der Sentenz des Hippokrates: «Doch nur vor einem ist mir bang': / Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.» Fortan steht alle Handlung unter Dampf Faust endlich jenen Augenblick geschenkt zu haben, in welchem das «Verweile doch!» ausgerufen wäre, als Triumph im Jetzt und als Gleichgültigkeit gegenüber jedem weiteren Lebenstag. GOETHES LEBENSKUNST So sehr und rücksichtslos hätte sich Goethe selbst niemals an eine einzige Erfüllung verloren. Was dessen Diätetik des Umgangs mit Zeit und Lebenszeit empfiehlt, ist vorausschauende Balance zwischen Glück und Pflicht, zwischen Kairos und Kalkül. Aus Goethes privaten Notizen ist eine Maxime erhalten, die der genaue Leser aus Senecas Schrift «Über die Kürze des Lebens» gezogen hat. «Das Leben, wenn du es nur zu nutzen verstehst, ist lang.» Will heissen, nicht die Verschwendung auch als «romantische» Mystik der Preisgabe an das «Andere» macht die Sinnhaftigkeit der Existenz, sondern, im Gegenteil, die Kontinuität der «Aufmerksamkeit auf jede Stunde» und über Jahrzehnte, wie es später und etwas lehrhaft im «Wilhelm Meister» heisst. Dann erst, nämlich vorzüglich im Rückblick auf Geleistetes und Erreichtes, im gelungenen Alter mitsamt der Überraschung, dass «Kapital» entstanden ist, ohne dass man zuvor fortlaufend gezählt hätte, kombiniert sich die Erfahrung der Lebenslänge mit Zufriedenheit. Für den Alltagsverstand und für eher praktisch veranlagte Seelen lieferte Goethes Zeitgenosse und Freund Christoph Wilhelm Hufeland, «Leibarzt und Volkserzieher», Professor in Jena und zuletzt in Berlin, die Hinweise und Rezepte für ein gutes Dasein gegen den Zahn der Zeit. Im Jahr 1797 erscheint Hufelands «Makrobiotik oder Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern», worin wenig Spekulation, dafür viel gesunder Menschenverstand zur Anwendung gelangt. Von Francis Bacon übernimmt der Medikus den Begriff der «Lebenskraft». Diese ist, wen darf es wundern, zwar endlich, kann aber durch allerlei «Regeneration» aufgespart werden massgeblich gelingt das, «je mehr der Mensch der Natur und ihren Gesetzen treu bleibt». Landleben, Geselligkeit unter Freunden, etwas Wein, kein Rauchzeugs und so fort. Worauf sich, mit etwas Glück, das Grundgefühl der Heiterkeit etabliert. Doch die Künstler, gejagt von Ideen und gepeinigt vom Schaffensdrang, wären selten die geeigneten Adressaten für solche Vernunft im pastoralen Gewand der Selbstbeherrschung. Während Hufeland seine «Makrobiotik» vertreibt, quält sich Schiller sozusagen nebenan mit seinen dramatischen Projekten sowie mit seinem Körper, dessen Verfall von innen her geht. Wenige Dichter hätten das Motiv der knappen Zeit schärfer erfasst der Fristen, die verstreichen, der prägnanten Momente, die das Unglück rufen, der Untergänge, die der Tücke der Uhr geschuldet sind. Wallenstein oder Maria Stuart, die Räuber oder die Jungfrau von Orleans was die Freiheit gewollt hätte, bricht sich «geschichtlich» am falschen Ort zur falschen Zeit, und wo für einmal und gegen alle Wahrscheinlichkeit in allerletzter Sekunde ein happy end noch kommt, war es in einem Gedicht, einem Lehrgedicht der langen Art und, leider, des künstlerischen Misslingens: der «Bürgschaft». FAST IMMER ZU SPÄT Nein, knappe Zeit verbindet sich selten mit Optimismus. Schon die Wahrnehmung, dass etwas drängt, gefährdet die Chancen des Erfolgs, was die Schriftsteller von Balzac und Oscar Wilde bis zu Maupassant und Marcel Proust sowohl an sich selbst wie auch in ihren Werken beobachten. Balzacs Roman «La femme de trente ans» seziert deren Liebes- und Leibesfreuden wie im Vorgriff auf den Naturalismus als entschwindendes Kapital, Flauberts «Madame Bovary» erleidet Kollaps und Suizid aus Schulden, die sie nicht auszugleichen verstand, in Zolas Geschichte «L'Argent» gerät wieder durch Zeitenlist dafür ein Mann unters Rad, ein raffgieriger Börsianer als Prototyp für weiteres Kommendes. Prousts Genie manifestiert sich schliesslich auch darin, dass der grosse Epiker die Erfahrung der entfliehenden Lebenskräfte zum Thema im Thema macht: Als der lange auf den Müssiggang eingestimmte Ich-Erzähler der «Recherche du temps perdu» allmählich zu verstehen beginnt, wie sein Roman über die Zeit und ihren Wiedergewinn zu schreiben wäre, bemerkt er an sich die bedrohlichen Indizien des Alterns nun könnte allein aus den Schwächen der Physis heraus das immense Projekt plötzlich scheitern. Aber es ist bereits verwirklicht denn das Ende der «Recherche» mit der Absicht ihrer Schriftlegung mündet wie in einer Spirale zurück in deren Anfang. Mit solchen Kommentaren und Erhellungen bewährt sich Harald Weinrich nicht nur als vorzüglicher Kenner seiner Stoffe, sondern auch als philosophischer Kopf ohne Anspruch auf allzu gestrenge Explikationen dessen, was die Zeit dem Menschen «ist». Die elf Kapitel des Buches bieten einerseits eine Kulturgeschichte aus den Beständen der Wahrnehmung von knapper Zeit; anderseits unterscheiden sie dabei verschiedene Formen und Bedeutungen jener Aufmerksamkeit. Von kurzen und kürzesten Fristen handelt Weinrich und vom Drama der knappen Zeit, vom Verhältnis zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, von Planung und Termin, von Gnadenfristen, von Ehrenfristen, von Rechtsfristen oder wie bei Shakespeare oder in den Märchen von «Tausendundeiner Nacht» von Todesfristen, die für einmal noch abgewendet wurden. So viel Kenntnis und Vermittlung könnte uns gejagten Menschen der Moderne die Besänftigung näher bringen, dass der Blick in den Spiegel der eigenen Lebenszeit quer durch alle Epochen etwas Beunruhigendes hat. Platon hatte der Philosophie bekanntlich aufgetragen, sie möge dem Leben das Sterben lehren, und Heidegger nahm ihn so sehr beim Wort, dass er das Dasein als Da-sein geradezu als die Bewegung zum Tode dramatisierte: für alle, die sich nicht an die Oberflächen klebten, sondern in die Tiefen der Existenz hineinbohrten. Bei allem Respekt für das Pathos des Schwarzwälders hält es Weinrich hier mehr mit einer Mischung aus Gelassenheit und Skepsis. Denn mit Hans Blumenberg bemerkt er zwar für die Moderne das fortlaufend stärker auseinander klaffende Verhältnis von Lebenszeit und Weltzeit. Immer mehr Neues gebiert die Welt, ohne dass es den Menschen angemessen vergönnt wäre, durch Lebensverlängerung damit Schritt zu halten. Aber mit Odo Marquard weiss er auch, wie befreiend es sein mag, einmal abtreten zu dürfen, ohne dies Neue ins Endlose weiterzutürmen genug ist genug. Wenn der Mensch, wie Blumenberg definiert, das Wesen ist, «das mit endlicher Lebenszeit unendliche Wünsche hat», dürfen wir irgendwann, sagen wir: hoffentlich im richtigen Augenblick, auch die dritte der Parzen willkommen heissen, denn Atropos, zu Deutsch die Unabwendbare, schneidet nun den Faden durch oder ab und erlöst so auch von den Irritationen, die allein schon dem Eindruck der Knappheit von Zeit geschuldet waren. Bevor es so weit war, hätte freilich das Bibelwort noch durchaus seine Berechtigung wider organisiertes Bummeln und den Trieb zur Seite von vertaner Zeit gehabt. «Seid nüchtern und wachsam, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.»
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