...dieser Eindruck täuscht gewaltig.
Doch alles der Reihe nach:
Mark Twains 1894 erschienenes Buch "Knallkopf Wilson" ist für die meisten Leser, auch für Literaturkenner, eher eine Fußnote des literareischen Werks Twains.
Kein Wunder, sind doch vor allem seine Hauptwerke "Tom Sawyer" und "Huckelberry Finn", mit Hilfe von Verfilmungen und dank des immer fortwährenden Interesses als Jugendromane, dem kollektiven Gedächtnis erhalten geblieben.
Aufgrund dessen und auch des relativ schwachen Verkaufserfolg, versauerte der "Knallkopf" Jahre lang in irgendwelchen Archiven und erblickte nie so richtig das Tageslicht.
Das beendet nun der für literarische Entdeckungen (Sofia Tolstaja) bekannte Manesse Verlag und liefert dieses Werk Twains in ihrer Reihe der "Bibliothek der Weltliteratur".
Die Handlung ist schnell erklärt:
Dank eines missverstandenen Witzes bei seiner Ankunft in Dawson's Landing, wird der Jurist David Wilson fortan abgestempelt als Querkopf und kann seiner angestrebte Tätigkeit als Anwalt -aufgrund fehlender Nachfrage- nicht nachgehen.
Der Ruf der ihm anhaftet ein Knallkopf zu sein verfestigt sich weiter, da er sich mit so seltsamen Themen wie Fingerabrücken beschäftigt, und eine Kartei mit ebensolchen aufbaut indem jeder Bewohner des kleinen Städchens im südlichen Amerika verewigt ist.
Genau diese Kartei hilft Wilson jedoch nach zwanzig Jahren endlich einen Erfolg als Anwalt zu verbuchen, und öffentliche Anerkennung zu gewinnen, indem er einen Mordfall aufklärt.
In dieser Geschichte ist die Figur des Wilson allerdings eher Rahmen bildend, die Hauptgeschichte dreht sich um den eigentlichen (weißen) Sklavenjungen Chambers, dessen Mutter ihn noch als Kind mit dem Sohn des reichen Percy Driscoll vertauscht um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen, genauer gesagt um zu verhindern, dass er als Sklave in den Südstaaten Süden (in welchem die Sklaverei besonders brutal war) verkauft werden könnte...
Doch hier sei nicht zu viel verraten.
Die Story dieser Geschichte ist spannend erzählt, leicht verständlich und unterhaltsam zu lesen, beim ersten mal hat man nicht unbedingt den Eindruck etwas besonders Wertvolles zu lesen, das Buch so schön es auch ist, gleicht literarisch betrachtet eher einem lauen Lüftchen.
Doch wenn man unter die Fassade von Humor und Satire blickt, tut sich ein wahrer Kosmos an Themenvielfalt und stilistischen Glanzmitteln auf.
Das wird aus der kleinen Kriminalgeschichte schnell eine tiefgründige Schrift zur Sklaven und Rassenfrage,da dreht sich das Thema plötzlich nicht mehr primär um einen Mordfall, sondern um gespaltene Persönlichkeiten und alle möglichen Doppelungen, da tritt mit dem allerletzten Satz ganz beiläufig, genau die Katastrophe ein, die über das ganze Buch hinweg verhindert werden sollte, gemeß dem Orakel von Delphi Prinzip, und das alles ohne das Twain uns darauf aufmerksam machen möchte, so als sollte man das alles selbst erkennen oder eben nicht, ganz getreu dem Motto :
"Lieber etwas nicht zu ende sagen als es verschmieren" (Chechov)
Zur Ausgabe:
Dem Manesse Verlag ist dafür zu danken, dass er dieses kleine Meisterwerk von Mark Twain der deutschen Leserschaft zugänglich gemacht hat.
Besonders lobenswert ist auch das wundervolle Nachwort von Manfred Pfister, der es schafft neue Blickwinkel auf einzelne Aspekte der Geschichte zu legen und behutsam die wichtigsten Interpretationen hervorhebt.
Auch die Gestaltung in dunkelgrünem Leinen mit Goldschrift wirkt sehr ansprechend, dafür ist man dann auch gerne bereit den nicht ganz günstigen Preis zu bezahlen.