"Ein Vampir in der Wache!" Das ist zwar durchaus nicht das Hauptthema dieses neuen Mumm-Romans aber für Kenner des unwilligen Dux von Ankh gehen hier Alarmglocken an.
Das primäre Thema ist der Jahrestag der Schlacht im Koomtal (Wo die Zwerge Trollen auflauerten. Und die Trolle den Zwergen), die Verbohrtheit konservativer Quasi-Theokratien (und damit mehr oder weniger subtil eine Kritik an der religiösen Rechten, wie sie bis vor kurzem die USA kontrollierte), seit Urzeiten traditionell verfeindete Völker und wie diese sich aneinander annähern. Zwischen diesen politischen Kräften stehen einmal mehr der zynische Kommandeur Samuel Mumm der Stadtwache von Ankh-Morpork und seine bunte Truppe guter Polizisten. Neben der Politik muß Sam sich als guter, liebender Vater erweisen, der seinem kleinen Sohn täglich aus dem hübschen Bilderbuch "Wo ist meine Kuh?" vorzulesen hat.
Hinter der heiteren Fassade, die Terry Pratchett uns hier routiniert - und wie ich finde durchaus mal wieder erfolgreich - präsentiert, brodelt einmal mehr der kulturelle und politische Hexenkessel der Millionenmetropole auf der Sto-Ebene. Auslöser der Probleme ist der Mord an einem bedeutenden "Tiefen Zwerg". Neben ihm wird eine Keule gefunden - eindeutiger Beweis dafür, daß der Mörder ein Troll sein muß. Aufgeheizt durch den Jahrestag der Schlacht von Koomtal steht die Große Wahoonee ein weiteres mal in ihrer Geschichte kurz vor der Explosion und allein dem guten Mumm (nicht das schärfste Messer im Schrank aber trotzdem ganz nützlich) obliegt es, die Hintergründe aufzuklären.
Wir haben es hier mit einem weiteren außergewöhnlichen Wache-Roman zutun. Es sind speziell die Geschichten um Sam Mumm und Esme Wetterwachs, die mir besonders gut gefallen, weil sich an ihnen ein deutlicher Entwicklungsprozeß erkennen läßt. Wie schon in verschiedenen Rezensionen bemerkt, reifen die Scheibenwelt, ihre Figuren und ihr Autor zusehends und so wird den Erzählungen und Geschichten größere Tiefe und Bedeutung verliehen, wie es seinerzeit erstmalig bei "Small Gods" aufgetreten ist - leider sehr zum Unmut mancher traditioneller Fans, die die alten manchmal zotigen, manchmal kalauernden Romane vermissen. Ich persönlich begrüße diese Entwicklung sehr denn sie beweist, daß Terry inzwischen nicht nur unterhalten will, sondern auch ein Sendungsbewußtsein hat, Botschaften vermitteln und zum Grübeln anregen möchte. "Der Zeitdieb", "Die Nachtwächter", "Weiberregiment" und "Ab die Post" (Ja, die deutschen Titel sind und bleiben ein unwürdiger Horror), die Vorgänger des Romanes "Klonk!" (was übrigens der Name eines Strategiespiels ist, wo Trolle gegen Zwerge in die Schlacht geschickt werden. "THUD!" im Orginal - endlich mal eine unalberne Übersetzung) stehen auch bereits in dieser kritischeren Tradition und verleihen der nach wie vor sehr unterhaltsamen und lustigen Scheibenwelt neues Gewicht und stärkere Bedeutung, Diese kommt ihr defintiv zugute.
Der Preis dafür ist zum einen, daß sich immer mal wieder ein geprellter Ur-Fan abwendet, zum anderen sinkt die Veröffentlichungsfrequenz der Romane (was aber durchaus eine Vorraussetzung für höhere Qualität ist) und die Geschichten bieten weniger der bekannten und beliebten Running-Gags. So taucht zum Beispiel Tod immer seltener auf, TMSIDR-Schnapper lauert weniger häufig in Menschenmassen und versucht einem Würstchen anzudrehen, es ist seltener Foul old Rons "Mistundverflucht!" zu hören... dafür gewinnen die Charaktere an Persönlichkeit und Substanz und die Geschichten versuchen allgemein intensiver, etwas zu vermitteln. Dadurch werden die Romane zu ernstzunehmenden Stücken unterhaltsamer Literatur, über die man eben NICHT mehr einfach so hinweglesen und dabei auflachen kann, sondern, die einen noch mehr als vorher eher zum Schmunzeln und Grübeln anleiten.
Die vorgenannten Romane von der Scheibenwelt gehören mE zu dem besten, was jemals im Genre veröffentlicht wurde und ich würde diesen hier als bisherige Krönung der Reihe einschlägig jedem empfehlen.