Es ist Nacht. Der Erzähler blickt auf die nackte Silhouette der Klippen von Étretat. Vor zwanzig Jahren stürzte sich seine Mutter an eben jenen Klippen in den Tod. Und fügte ihm damit eine bis in die Gegenwart nicht verheilte Wunde zu: "Seit zwanzig Jahren ist meine Mutter tot. Zwanzig Jahre Tag für Tag." Hinter sich, auf dem Bett des Hotelzimmers schlummernd, liegen seine Frau Claire und Töchterchen Chloe. Sein einziger Halt im Leben. Und Halt - das ist zugleich ein zentrales Motiv in dieser stilistisch ausgesprochen elegant geschriebenen Geschichte, die voller Sinnlichkeit steckt, voller zarter Melancholie.
Der Tod der Mutter hinterließ in der Welt Oliviers, des Erzählers, nur eine geisterhäfte Präsenz seiner Mutter - als Sinnbild des allgegenwärtigen Schmerzes -, seinen unsteten Bruder Antoine, einen gewalttätigen Vater und vor allem eine geraubte Kindheit. Aus dem Schatten der Küste von Étretat erhebt sich eine Vergangenheit, die nach Aufarbeitung verlangt. Die Retrospektive lässt die jugendlichen Leidenschaften noch einmal erblühen. Und all die Menschen, die Olivier in jenen zwanzig Jahren begleitet haben.
Es sind für Adam typische Figuren, fragile, hoch zerbrechliche Charaktere: "Lorette schlotterte, ihr war immer kalt, ich zog sie an mich und spürte in ihr so etwas wie eine uralte Angst, einen Riss, den nichts je würde kitten können." Doch auch Olivier selbst muss diese Fragilität an sich konstatieren. Nicht nur im Freitod der zentralen Mutterfigur, sondern auch im Entgleiten anderer, geliebter Menschen über die Jahre hinweg: "Ich stelle fest, dass weder die eine noch die andere an mir hing, während ich mein Leben lang an anderen gehangen, mich an sie geklammert habe, obwohl sie nur rutschige Planken, fragwürdige Weggenossen, unzuverlässige, wankelmütige Komparsen waren."
Den Verlust von Halt, von Liebe, von Gewissheiten erklärt Olivier zum Grundproblem des menschlichen Daseins, und damit zu einer zwar traurigen, doch längst nicht hoffnungslosen Erkenntnis: "Wir kommen und gehen mit den Launen des Zeitenstroms, und alles zerrinnt uns zwischen den Fingern. Wir klammern uns an das, was uns beruhigt, uns Halt gibt und verbindet, und aneinandergedrängt, ohne uns je zu berühren, haben wir weniger Angst und scheint endlich etwas Gestalt anzunehmen. Aber nie wird es je irgendwo greifbar, der Wind bläst, und überall ist Raureif. Wir gehen in der Masse unter, werden weitergetrieben, bewegen uns, vor Kälte zitternd, blind wie Kaulquappen vorwärts. Trotzdem machen wir weiter, die meisten von uns jedenfalls."
Diese Passage ist nur eine von vielen, die von der großen literarästhetischen Güte Olivier Adams zeugen. Dass der um ihn ausgebrochene Hype kein bald verbrausender Sturmwind sein dürfte, zeigt sich bei einem Blick auf sein bisheriges Schaffen. 2004 gewann sein Erzählungsband "Am Ende des Winters" den Prix Goncourt de la nouvelle, sein kurzer Erstlingsroman "Keine Sorge, mir geht's gut" wurde - unter Adams Drehbuch - zum preisgekrönten Publikumserfolg. In diese Erfolgsgeschichte reiht sich "Klippen" nahtlos ein - ein Roman, dessen Autor nochmals gereifter, stilistisch geradezu virtuos wirkt.
Ein Lob gilt auch der ebenfalls preisgekrönten Übersetzerin Carina von Enzenberg: Ihr ist es gelungen, die feinsinnige, poetische und bisweilen sehr sinnliche Prosa Olivier Adams in ein sehr rhythmisches Deutsch zu übertragen. Sätze greifen über auf andere Sätze, antizipieren schon die nächsten und der Leser kann selbst kaum den nächsten Satz erwarten. Nicht zuletzt die Übersetzungsleistung macht "Klippen" zu einem Leseerlebnis von erster Güte.