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5.0 von 5 Sternen
Suggestiv, sinnlich, verführerisch, traurig und schön, 15. Juni 2008
Rezension bezieht sich auf: Klippen (Gebundene Ausgabe)
Es ist Nacht. Der Erzähler blickt auf die nackte Silhouette der Klippen von Étretat. Vor zwanzig Jahren stürzte sich seine Mutter an eben jenen Klippen in den Tod. Und fügte ihm damit eine bis in die Gegenwart nicht verheilte Wunde zu: "Seit zwanzig Jahren ist meine Mutter tot. Zwanzig Jahre Tag für Tag." Hinter sich, auf dem Bett des Hotelzimmers schlummernd, liegen seine Frau Claire und Töchterchen Chloe. Sein einziger Halt im Leben. Und Halt - das ist zugleich ein zentrales Motiv in dieser stilistisch ausgesprochen elegant geschriebenen Geschichte, die voller Sinnlichkeit steckt, voller zarter Melancholie. Der Tod der Mutter hinterließ in der Welt Oliviers, des Erzählers, nur eine geisterhäfte Präsenz seiner Mutter - als Sinnbild des allgegenwärtigen Schmerzes -, seinen unsteten Bruder Antoine, einen gewalttätigen Vater und vor allem eine geraubte Kindheit. Aus dem Schatten der Küste von Étretat erhebt sich eine Vergangenheit, die nach Aufarbeitung verlangt. Die Retrospektive lässt die jugendlichen Leidenschaften noch einmal erblühen. Und all die Menschen, die Olivier in jenen zwanzig Jahren begleitet haben. Es sind für Adam typische Figuren, fragile, hoch zerbrechliche Charaktere: "Lorette schlotterte, ihr war immer kalt, ich zog sie an mich und spürte in ihr so etwas wie eine uralte Angst, einen Riss, den nichts je würde kitten können." Doch auch Olivier selbst muss diese Fragilität an sich konstatieren. Nicht nur im Freitod der zentralen Mutterfigur, sondern auch im Entgleiten anderer, geliebter Menschen über die Jahre hinweg: "Ich stelle fest, dass weder die eine noch die andere an mir hing, während ich mein Leben lang an anderen gehangen, mich an sie geklammert habe, obwohl sie nur rutschige Planken, fragwürdige Weggenossen, unzuverlässige, wankelmütige Komparsen waren." Den Verlust von Halt, von Liebe, von Gewissheiten erklärt Olivier zum Grundproblem des menschlichen Daseins, und damit zu einer zwar traurigen, doch längst nicht hoffnungslosen Erkenntnis: "Wir kommen und gehen mit den Launen des Zeitenstroms, und alles zerrinnt uns zwischen den Fingern. Wir klammern uns an das, was uns beruhigt, uns Halt gibt und verbindet, und aneinandergedrängt, ohne uns je zu berühren, haben wir weniger Angst und scheint endlich etwas Gestalt anzunehmen. Aber nie wird es je irgendwo greifbar, der Wind bläst, und überall ist Raureif. Wir gehen in der Masse unter, werden weitergetrieben, bewegen uns, vor Kälte zitternd, blind wie Kaulquappen vorwärts. Trotzdem machen wir weiter, die meisten von uns jedenfalls." Diese Passage ist nur eine von vielen, die von der großen literarästhetischen Güte Olivier Adams zeugen. Dass der um ihn ausgebrochene Hype kein bald verbrausender Sturmwind sein dürfte, zeigt sich bei einem Blick auf sein bisheriges Schaffen. 2004 gewann sein Erzählungsband "Am Ende des Winters" den Prix Goncourt de la nouvelle, sein kurzer Erstlingsroman "Keine Sorge, mir geht's gut" wurde - unter Adams Drehbuch - zum preisgekrönten Publikumserfolg. In diese Erfolgsgeschichte reiht sich "Klippen" nahtlos ein - ein Roman, dessen Autor nochmals gereifter, stilistisch geradezu virtuos wirkt. Ein Lob gilt auch der ebenfalls preisgekrönten Übersetzerin Carina von Enzenberg: Ihr ist es gelungen, die feinsinnige, poetische und bisweilen sehr sinnliche Prosa Olivier Adams in ein sehr rhythmisches Deutsch zu übertragen. Sätze greifen über auf andere Sätze, antizipieren schon die nächsten und der Leser kann selbst kaum den nächsten Satz erwarten. Nicht zuletzt die Übersetzungsleistung macht "Klippen" zu einem Leseerlebnis von erster Güte.
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Der lange Weg zum Abschied, 25. Juli 2008
Rezension bezieht sich auf: Klippen (Gebundene Ausgabe)
Die Kindheit von Olivier Adam war überschattet vom Freitod seiner depressiven Mutter, die sich von den Klippen von Etretat (daher der Titel des Buches und das Aquarell auf dem Schutzumschlag) ins Meer stürzte, seine Jugend von der Härte des Vaters, der nach diesem Schicksalsschlag alle Emotionen in sich einschloss und den beiden Söhnen mit Strenge und Jähzorn begegnet. Und der sie vor allem mit ihrer Trauer und ihren Ängsten alleine lässt. Oliviers Leben ist ein Kampf gegen die innere Kälte seiner Jugend; exzessiv sind er und sein Bruder auf der Suche nach Wärme und Geborgenheit und leben auf der Überholspur; in Sex ohne Liebe, Alkohol, Drogen suchen sie, das Leben zu spüren. Es sind die Stationen ihres Weges, der sie von zu Hause und dem trostlosen Vorstadtleben wegführt in das eigene Erwachsensein. Nie hat Olivier den Verlust der Mutter überwunden, nie eine Erklärung für das gefunden, was damals vor über 20 Jahren geschah. Und noch immer glaubt er, auf der Strasse, in den zufälligen Gesichtern der Passanten die Züge seiner Mutter zu erkennen, die ihm auch nachts in seinen Träumen erscheint. Jahrelang fährt er jeden Sommer nach Etretat und starrt nächtelang hinauf zu den Klippen, als wäre dort die Antwort auf all seine Fragen zu finden. Es ist einer steiniger Weg, den er zu beschreiten hat und erst die bedingungslose, selbstlose Liebe einer Frau und die Geburt seiner Tochter weisen einen neuen Weg, zeigen eine neue, eigene Möglichkeit. "Klippen" ist über weite Strecken ein bedrückendes Buch, das das lieblose Leben in den grauen Vorstädten Paris' schonungslos schildert. In dem Wechselspiel von Oliviers Kindheitserinnerungen und seinem Zusammenleben mit Frau und Kind entwicklet das Buch eine eigentümliche Spannung, die von einer großartigen, klaren und bildreichen Sprache getragen wird.
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Eine Spurensuche, 22. Mai 2008
Rezension bezieht sich auf: Klippen (Gebundene Ausgabe)
Olivier Adam Klippen Schirmer und Graf ISBN 3865550517 Melancholische Reflexionen über eine verlorene Kindheit! Schwer trägt der Protagonist in diesem kleinen Roman am Leben! Olivier ist mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter am Ferienort seiner Kindheit, einem Badeort an der normannischen Küste. Rührend schweifen seine Blicke zu der schlafenden Frau und zu dem ebenfalls schlummernden Töchterchen. Er findet keine Ruhe und schaut gedankenverloren auf die Klippen hoch über dem Meer. Schleichend kommen Erinnerungen, die ihm die Kindheit ins Gedächtnis zurück rufen. Wie aber war diese Kindheit? In poetisch wortreichen Beschreibungen erleben wir ein Leben, das durch den frühen Freitod der Mutter aus den Fugen geriet. Olivier ist erst 11 Jahre alt, als die depressive und gestörte Mutter ihrem Leben ein Ende setzt. Schon vor ihrem Tod gab es keine Fröhlichkeit oder unbeschwerte Kindertage. Für Olivier ist die Mutter ein schwebender Schatten, zart, leidend und unnahbar. Die Beerdigung setzt erdenschwere Akzente, trübe, traurig und unverständlich für das Kind. Antoine, der ältere Bruder, fällt für lange Wochen in ein Koma, und Olivier ist ganz der düsteren Trauer in einem leeren Haus überlassen. Wen wundert es, dass Alkohol und Drogen sein späteres Leben bestimmten? O. Adam beschreibt eine leere, traurige und schwer erträgliche Jugend unter dem Zeichen der Verlassenheit und überschattet durch den Jähzorn und die Wut eines mit einfachem Gemüt ausgestatteten Vaters. Dieser ist viel zu sehr mit seinem eigenen Unglück beschäftigt, als dass er nur das geringste Verständnis für seine verlassenen Söhne aufbringen kann. Antoine und Olivier bilden die ersten Jahre nach dem Tod der Mutter eine unzertrennliche Einheit. Um sie herum versammeln sich andere Jugendliche, mit denen sie ein Eigenleben aufbauen, in dem sie trinken, Drogen konsumieren und sich gegenseitig mit Sex und Zärtlichkeiten trösten. Es sind Outlaws der Gesellschaft, die sozial im Abseits leben. Nachdem sich ein Freund erschossen hat und die Freundin Loretta mit Magersucht in einer Klinik landet, ist auch diese Zeit der Zuflucht beendet. Adams beschreibt die Freundin Loretta grandios mit einem Feuerwerk an Worten und tänzelnden Sätzen, die einen Eindruck von der Trostlosigkeit der einsamen und verlorenen Jugendlichen widerspiegelt. In seinen Gedanken erlebt der Held eine Spurensuche, in der als ferne Gestalt die Mutter immer wieder auftaucht. Die Lebensgeschichte des jungen Mannes, z.Zt. der Handlung ist Olivier erst 31 Jahre alt, wird zu einer Biographie, an deren Ende eine Art Metamorphose steht. Aus dem in die Tiefen des Lebens abgesunkenen Helden wird ein Schriftsteller, der erste Romane mit Erfolg auf den Büchermarkt bringt. Die handlungsarme Geschichte ist atmosphärisch nahe an der Wahrheit und so differenziert beschrieben, dass man sich ganz gefangen genommen fühlt. Eine poetischen Gesang gleich wechseln die Stimmungen, tauchen die Verstorbenen aus der Vergangenheit auf und offenbaren ein Leben, das fernab von Glück und Heiterkeit stattfand. Die beschriebene Tristesse steht im krassen Gegensatz zu der leichten, poetisch farbigen und ungeheuer bildhaften Sprache, mit der darüber geschrieben wird. Wohl selten hat ein Autor über randständige Mitmenschen so verstörend und einfühlsam berichtet. Olivier Adam ist vielfach ausgezeichnet und lebt mit Frau und Tochter an der bretonischen Küste.
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