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Luther in Schräglage
Detlef Opitz' «Klio, ein Wirbel um L.»
Verstörung, Begeisterung, Enttäuschung. Was ist das für ein Buch? Kein Roman, wie vom Verlag angekündigt, kein Luther-Buch, weder Monographie noch Lügengeschichte und doch alles in einem. Ein literarischer Mischmasch, ausschweifend und wohlkalkuliert, oft widersprüchlich in Absicht und Ausführung. Vielleicht ist es gerade die sperrige, mitunter zum Hermetischen tendierende Uneinheitlichkeit, die das Buch beachtenswert macht.
Der Name des Autors war bereits in westdeutschen Feuilletons aufgetaucht, bevor er sich nennenswert literarisch hervortat. Ende der siebziger Jahre war Detlef Opitz in die Fänge der Stasi geraten. Man warf ihm vor, sein gesellschaftliches Gesamtverhalten lasse zu wünschen übrig; der Personalausweis wurde ihm entzogen, die DDR durfte Opitz nicht mehr verlassen. Schliesslich sollte der Jungdichter seine Wohnung am Prenzlauer Berg räumen. Ein generelles Berlin-Verbot, die Umsiedlung in die Provinz scheiterte wohl an der zunehmenden Berichterstattung der Westmedien. Detlef Opitz der Unbequeme. Und nun «Klio, ein Wirbel um L.», 444 Seiten, ein Konglomerat und Materialhaufen über das historische Gestern und Heute. «Ich würde mich gern mit Ihnen unterhalten, waren seine ersten Worte an jenem Dienstagmorgen des Jahres 89. Ich erinnere mich daran, als wäre es erst gestern gewesen, wie er, ganz ausser Puste von den vielen Treppen, vor meiner Wohnungstür stand, verzweifelt nach Luft rang & hinzufügte: Leumull, mein Name, Doktor Leumull.» Da ist der dringlich erwartete Gesprächspartner, dem man sich mitteilen, der zuhören kann, dem der Ich-Erzähler sein Luther-Bild explaniert; Leumull Therapeut mit Berufsneugier oder Stasi-Eckermann; bis zuletzt lässt uns Opitz darüber im unklaren.
Spitzfindigkeiten
Was nun beginnt, ist ein nicht enden wollender Strom historischer Schräglagen und Umdeutungen, die der Autor unter Aufwendung allerlei narrativer Spitzfindigkeiten zum besten gibt. Nacheinander kommen der «feinmütig, ja fast etwas eunuchoid wirkende» Papst Leo X., Magister Johann Eck, vor allem aber der manische Reliquiensammler Albrecht («den hl. Erasmus besass er anderthalbfach, mindestens») ins Blickfeld, allesamt Figuren der Luther-Zeit, Mitläufer, Gegenspieler. Johann Tetzel etwa, «ein Beuteldrescher, ein Talent, zweifellos, ein Meister seines Metiers, ein Virtuose unter den Säckelschneidern», ist der Kirche genialischster Ablasshändler.
«In Innsbruck hatte man ihn gar einmal wegen Ehebruchs zum Tode per Ersäufung verurteilt, dann aber der rechtgläubigen Christenheit Lob, Dank und zum Wohlgefallen zu lebenslanger Kerkerhaft begnadigt; naheliegend zu sagen: begnadet. Und im Loche, im tiefkalten, wäre er schliesslich auch verblieben und krepiert, hätte nicht Albrecht von Gottesgnaden und Brandenburg, der Ganovenfreund, Kunstliebhaber, Weiberhengst und für alle teutsche Zeiten bis zum frischesten Tag mächtigste Kirchenfürst, hätte nicht Albrecht mit einem so gewissen Instinkt geahnt, welch kostbare Haut man da schmachten liess für fast nichts und fast wieder nichts.»
Von Kaiser Maximilian erwirkt man seine Freilassung, Papst Leo X. schliesslich ernennt Tetzel «zum apostolischen Kommissär und Ketzermeister in Deutschland». Das alles führt Opitz in barocker Sprachmanier vor; sein Elixier ist die Ausschmückung, auch Abschweifung, die attributive Reihung. Zwischenzeitlich freilich mag man sich fragen, ob es hier überhaupt noch um Luther gehen soll oder nur um eine beliebige Erzählfolie, der Opitz beharrlich Anekdote um Anekdote einschreibt. Liegt in diesem erzählenden Nichterzählen etwa das eigentliche, das klammheimliche Prinzip dieses Buches?
Ein Buch, das sich in zwei Hälften teilt: Gut 210 Seiten braucht der Autor für seine Ausführungen, der Rest (immerhin noch einmal ganze 230) sind Verweise, Vermerke, schweifende Zutaten, die, wie der Autor zu bemerken weiss, «von der Annotation herstammen, aber viel flotteren Fusses als diese die Aufforderung zu einem Tänzchen riskieren, [. . .] gelegentlich daherkommen mit hochgekrempelten Ärmeln wie Subotniks, Täter in Not, Lümmel, verrückte Kerle, geführt an ihrer Spitze von einem besonders notorischen Geselln, der in dem Kürzel Anno steckt».
Ein bunter Anmerkungsreigen also, ein Perpetuum mobile keuscher und unkeuscher Denkungsart, in stark häretischer Form. Opitz' Roman ist ein historisches Sudelbuch, das noch den letzten Winkel durchstöbert, um das Hundertste und Tausendste vom Fuss auf den Kopf zu stellen; respektlos wird da abgewogen, verifiziert, dazugedichtet, ausgesondert. Dass Opitz dabei über die Stränge schlägt, sich sprachklöppelnd ins Manieristische verheddert, seine Leserschaft manches Mal arg strapaziert, liegt auf der Hand. Aber und es muss so platt gesagt werden da versteht einer zu schreiben. Und wie!
Was aber ist mit Luther, der uns nicht erstmalig, aber erstmalig ausführlich auf Seite 159, also im letzten Kapitel, begegnet? Tatsächlich ist es Opitz gar nicht so sehr um den Reformator zu tun, sondern eher um Abwegigkeiten der tolldreisten (auch erotischen) Art. Hier, auf den letzten Seiten des Buches, versteht der Autor noch einmal nachzulegen, gerät vom Rapportieren ins persönlich gefärbte Erzählen, bekommen die Figuren zusätzlich Kontur. Luther, es war nicht anders zu erwarten, mutiert dabei vom frommen Tugendwächter zum «bauernderben, exaltierten», auch «syphilitischen Helden». Seine Gottesfurcht indes entspringt nicht etwa höherer Einsicht und Erleuchtung, sondern ist direkter Reflex auf eine ebenso sinnenreiche wie unglückliche Liebe. «Hülff, sant Ann, ichk wüll Monnch wern!» Der Gang ins Kloster, er inszeniert sich bei Opitz als nackte Weltflucht.
Heiligenbilder und Buhlschaften
Luther sprachpolternd, depressiv zwischen Heiligenbildchen und Buhlschaften. Das ist nicht eben neu, amüsant ist es allemal. Und in wenigen Momenten rückt uns Luthers Not und Pein besonders ans Herz: «Er sitzt und sitzt. Stellt zur Nacht ein Licht noch dazu. Denn seine Augen sind schon blind. Er schreibt deutsch. Erasmus' Buch ist griechisch geschrieben. Er schreibt, schreibt. Streicht oft Worte wieder durch. Nimmt andere dafür. Manchmal geht die Arbeit flüssig von der Hand. Manchmal braucht er Stunden. Er wartet. Wartet. Auf ein Wort. Ein einziges. Alle Ketzer sind Schmelzer alle Dolmetscher Ketzer. Man muss die Schrift ins Deutsche bringen. Bald. Sehr bald. Sonst ist alles verloren. Wer lesen kann, der soll sie lesen. Die Schrift. Auf deutsch.»
Ein besonderes Schmankerl übrigens sind die sensibel ausgehorchten Gesprächssituationen zwischen Ich-Erzähler und Stasi-Therapeut. Hier, im sublimen Hin und Her schnoddrigster Alltagssprache, im gegenseitigen Umkreisen und Einkreisen, findet das Buch seinen stilistischen Counterpart. Vielleicht ist dies tatsächlich der töricht schnell eingeforderte Wende-Roman; vielleicht kann er zum jetzigen Zeitpunkt nicht anders ausfallen als wie hier: überschäumend, lukullisch, gebrochen und indem er vom Offensichtlichen absieht, die jüngste Jetztzeit nicht mehr reminiszenzartig aufleuchten lässt, das Eigentliche trifft.
Tilman Urbach
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