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Klio, ein Wirbel um L. (Martin Luther)
 
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Klio, ein Wirbel um L. (Martin Luther) [Gebundene Ausgabe]

Detlef Opitz
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 444 Seiten
  • Verlag: Steidl Gerhard Verlag; Auflage: 1. Auflage. (Juli 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3882433884
  • ISBN-13: 978-3882433883
  • Größe und/oder Gewicht: 20,2 x 13 x 4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Luther in Schräglage

Detlef Opitz' «Klio, ein Wirbel um L.»

Verstörung, Begeisterung, Enttäuschung. Was ist das für ein Buch? Kein Roman, wie vom Verlag angekündigt, kein Luther-Buch, weder Monographie noch Lügengeschichte – und doch alles in einem. Ein literarischer Mischmasch, ausschweifend und wohlkalkuliert, oft widersprüchlich in Absicht und Ausführung. Vielleicht ist es gerade die sperrige, mitunter zum Hermetischen tendierende Uneinheitlichkeit, die das Buch beachtenswert macht.

Der Name des Autors war bereits in westdeutschen Feuilletons aufgetaucht, bevor er sich nennenswert literarisch hervortat. Ende der siebziger Jahre war Detlef Opitz in die Fänge der Stasi geraten. Man warf ihm vor, sein gesellschaftliches Gesamtverhalten lasse zu wünschen übrig; der Personalausweis wurde ihm entzogen, die DDR durfte Opitz nicht mehr verlassen. Schliesslich sollte der Jungdichter seine Wohnung am Prenzlauer Berg räumen. Ein generelles Berlin-Verbot, die Umsiedlung in die Provinz scheiterte wohl an der zunehmenden Berichterstattung der Westmedien. Detlef Opitz der Unbequeme. Und nun «Klio, ein Wirbel um L.», 444 Seiten, ein Konglomerat und Materialhaufen über das historische Gestern und Heute. «‹Ich würde mich gern mit Ihnen unterhalten›, waren seine ersten Worte an jenem Dienstagmorgen des Jahres 89. Ich erinnere mich daran, als wäre es erst gestern gewesen, wie er, ganz ausser Puste von den vielen Treppen, vor meiner Wohnungstür stand, verzweifelt nach Luft rang & hinzufügte: ‹Leumull, mein Name, Doktor Leumull›.» Da ist der dringlich erwartete Gesprächspartner, dem man sich mitteilen, der zuhören kann, dem der Ich-Erzähler sein Luther-Bild explaniert; Leumull – Therapeut mit Berufsneugier oder Stasi-Eckermann; bis zuletzt lässt uns Opitz darüber im unklaren.

Spitzfindigkeiten

Was nun beginnt, ist ein nicht enden wollender Strom historischer Schräglagen und Umdeutungen, die der Autor unter Aufwendung allerlei narrativer Spitzfindigkeiten zum besten gibt. Nacheinander kommen der «feinmütig, ja fast etwas eunuchoid wirkende» Papst Leo X., Magister Johann Eck, vor allem aber der manische Reliquiensammler Albrecht («den hl. Erasmus besass er anderthalbfach, mindestens») ins Blickfeld, allesamt Figuren der Luther-Zeit, Mitläufer, Gegenspieler. Johann Tetzel etwa, «ein Beuteldrescher, ein Talent, zweifellos, ein Meister seines Metiers, ein Virtuose unter den Säckelschneidern», ist der Kirche genialischster Ablasshändler.

«In Innsbruck hatte man ihn gar einmal wegen Ehebruchs zum Tode per Ersäufung verurteilt, dann aber – der rechtgläubigen Christenheit Lob, Dank und zum Wohlgefallen – zu lebenslanger Kerkerhaft begnadigt; naheliegend zu sagen: begnadet. Und im Loche, im tiefkalten, wäre er schliesslich auch verblieben und krepiert, hätte nicht Albrecht von Gottesgnaden und Brandenburg, der Ganovenfreund, Kunstliebhaber, Weiberhengst und für alle teutsche Zeiten bis zum frischesten Tag mächtigste Kirchenfürst, hätte nicht Albrecht mit einem so gewissen Instinkt geahnt, welch kostbare Haut man da schmachten liess für fast nichts und fast wieder nichts.»

Von Kaiser Maximilian erwirkt man seine Freilassung, Papst Leo X. schliesslich ernennt Tetzel «zum apostolischen Kommissär und Ketzermeister in Deutschland». Das alles führt Opitz in barocker Sprachmanier vor; sein Elixier ist die Ausschmückung, auch Abschweifung, die attributive Reihung. Zwischenzeitlich freilich mag man sich fragen, ob es hier überhaupt noch um Luther gehen soll oder nur um eine beliebige Erzählfolie, der Opitz beharrlich Anekdote um Anekdote einschreibt. Liegt in diesem erzählenden Nichterzählen etwa das eigentliche, das klammheimliche Prinzip dieses Buches?

Ein Buch, das sich in zwei Hälften teilt: Gut 210 Seiten braucht der Autor für seine Ausführungen, der Rest (immerhin noch einmal ganze 230) sind Verweise, Vermerke, schweifende Zutaten, die, wie der Autor zu bemerken weiss, «von der Annotation herstammen, aber viel flotteren Fusses als diese die Aufforderung zu einem Tänzchen riskieren, [. . .] gelegentlich daherkommen mit hochgekrempelten Ärmeln wie Subotniks, Täter in Not, Lümmel, verrückte Kerle, geführt an ihrer Spitze von einem besonders notorischen Geselln, der in dem Kürzel Anno steckt».

Ein bunter Anmerkungsreigen also, ein Perpetuum mobile keuscher und unkeuscher Denkungsart, in stark häretischer Form. Opitz' Roman ist ein historisches Sudelbuch, das noch den letzten Winkel durchstöbert, um das Hundertste und Tausendste vom Fuss auf den Kopf zu stellen; respektlos wird da abgewogen, verifiziert, dazugedichtet, ausgesondert. Dass Opitz dabei über die Stränge schlägt, sich sprachklöppelnd ins Manieristische verheddert, seine Leserschaft manches Mal arg strapaziert, liegt auf der Hand. Aber – und es muss so platt gesagt werden – da versteht einer zu schreiben. Und wie!

Was aber ist mit Luther, der uns nicht erstmalig, aber erstmalig ausführlich auf Seite 159, also im letzten Kapitel, begegnet? Tatsächlich ist es Opitz gar nicht so sehr um den Reformator zu tun, sondern eher um Abwegigkeiten der tolldreisten (auch erotischen) Art. Hier, auf den letzten Seiten des Buches, versteht der Autor noch einmal nachzulegen, gerät vom Rapportieren ins persönlich gefärbte Erzählen, bekommen die Figuren zusätzlich Kontur. Luther, es war nicht anders zu erwarten, mutiert dabei vom frommen Tugendwächter zum «bauernderben, exaltierten», auch «syphilitischen Helden». Seine Gottesfurcht indes entspringt nicht etwa höherer Einsicht und Erleuchtung, sondern ist direkter Reflex auf eine ebenso sinnenreiche wie unglückliche Liebe. «Hülff, sant Ann, ichk wüll Monnch wern!» Der Gang ins Kloster, er inszeniert sich bei Opitz als nackte Weltflucht.

Heiligenbilder und Buhlschaften

Luther – sprachpolternd, depressiv zwischen Heiligenbildchen und Buhlschaften. Das ist nicht eben neu, amüsant ist es allemal. Und in wenigen Momenten rückt uns Luthers Not und Pein besonders ans Herz: «Er sitzt und sitzt. Stellt zur Nacht ein Licht noch dazu. Denn seine Augen sind schon blind. Er schreibt deutsch. Erasmus' Buch ist griechisch geschrieben. Er schreibt, schreibt. Streicht oft Worte wieder durch. Nimmt andere dafür. Manchmal geht die Arbeit flüssig von der Hand. Manchmal braucht er Stunden. Er wartet. Wartet. Auf ein Wort. Ein einziges. Alle Ketzer sind Schmelzer – alle Dolmetscher Ketzer. Man muss die Schrift ins Deutsche bringen. Bald. Sehr bald. Sonst ist alles verloren. Wer lesen kann, der soll sie lesen. Die Schrift. Auf deutsch.»

Ein besonderes Schmankerl übrigens sind die sensibel ausgehorchten Gesprächssituationen zwischen Ich-Erzähler und Stasi-Therapeut. Hier, im sublimen Hin und Her schnoddrigster Alltagssprache, im gegenseitigen Umkreisen und Einkreisen, findet das Buch seinen stilistischen Counterpart. Vielleicht ist dies tatsächlich der töricht schnell eingeforderte Wende-Roman; vielleicht kann er zum jetzigen Zeitpunkt nicht anders ausfallen als wie hier: überschäumend, lukullisch, gebrochen – und indem er vom Offensichtlichen absieht, die jüngste Jetztzeit nicht mehr reminiszenzartig aufleuchten lässt, das Eigentliche trifft.

Tilman Urbach

Kurzbeschreibung

"Wer heutzutage noch über Martin Luther schreiben zu müssen glaubt, über den Vater des Vaterlands, der ist selber schuld! Der Wahnsinn liegt auf der Hand." Detlef Opitz schreibt trotzdem, läßt seinen Helden, Luther, selbst zu Wort kommen. Während alle Welt auf den Fall der Mauer blickt, erzählt dieser seinem Therapeuten Leumull die "Treppenwitze der Reformationsgeschichte". Opitz' Luther-Monographie entpuppt sich als eine "ironische Erbauungsschrift, eine Lutherparodie und Wendesatire von klammheimlicher Aktualität, ein akademisches Speculum, ein barockes Schmuddel-, Schand- und Lügenbuch, eine Pathographie aus der psychoanalytischen Praxis, endlich: eine gute Ausrede, um eigentlich nur eines tun zu können: hemmungslos zu erzählen."

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Wundersam & barock 30. September 2007
Format:Gebundene Ausgabe
Was für ein Buch! Man kann es gar nicht in Worte fassen. Denn es kann einem passieren, dass man nach zweimaliger Lektüre sagt: ich habe zwar nichts verstanden, aber ES WAR WUNDERBAR!!!
Wenn man je von einem Buch sagen würde, es sei ein reiches Buch, so müßte man es von diesem sagen. Man gerät bereits in eine Not, wenn man allein den Inhalt benennen will. Wo soll man anfangen? Der ganze Roman strotzt gewissermassen von skurrilen Einfällen, von Sprachwitz und Sprachreichtum, von stilistischen Kapriolen und haarsträubenden Geschichten, etwa der von der Zarin Katharina, die gegen ihren Willen von einem Esel beglückt wird, von der Päpstin Johanna, die von den Palastwachen geschändet und geschwängert wird, von jungen Frauen, die spurlos von einem Friedhof verschwinden, und und und... Nein, man kann diesen Roman nicht nacherzählen, man muß ihn lesen, man muß ihn zweimal lesen, mindestens. Das "L." im Titel bezieht sich auf Luther, also könnte man sagen: ein Luther-Roman. Aber nicht einmal damit läge man richtig, denn es ist zigmal mehr als ein Luther-Roman, in dem Luther bestenfalls ein Vehikel ist, eine Schablone für ungehemmte Passionen des Autors. Kurzum. Detlef Opitz hat mit "Klio, ein Wirbel um L." ein gänzlich neues Genre geschaffen, bzw. das, was man einen 'historischen Roman' nennt, vollkommen revolutioniert.
Für mich zählt dieses bereits 1996 erschienene Buch zu den bemerkenswertesten Romanen der jüngeren Literaturgeschichte.
Hannes H. Mayer
War diese Rezension für Sie hilfreich?
2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Prechtner
Format:Gebundene Ausgabe
28.02.1996

Hans-Georg Soldat

Nach der Lektüre von "Klio, ein Wirbel um L." kann es geschehen, daß man in Zungen redet. Beim Versuch, eine Fliege am Tisch zu fangen, murmelt man etwas vom "argen geschmeiß an der tafel des HErrn"; vor dem Fernseher gibt man befremdliche Sätze von sich: "Ich mus da bey fluchen den aller-höllischen vatter, vom tiffel hindenraus geborn."
Aber schließlich sind das Sätze Martin Luthers. Oder aber Prosa von Detlef Opitz? Wie auch immer, man amüsiert sich königlich über die Phantasie des Autors, der irrlichternd die Weltgeschichte zur Zeit des Ur-Protestanten neu beleuchtet; wohl besser: umdichtet aus jener schadenfrohen Perspektive des Lästermauls, die besonders Oberlehrer zur Weißglut bringen kann.
Zwei Teile enthält das Buch von Detlef Opitz: Biographische Skizzen zu Luthers Jahrhundert und einen Anmerkungsapparat dazu. Und der zweite Teil, der Apparat, ist dicker als das eigentliche Buch. Anmerkungen nebst einem Roman gewissermaßen. Konsequent bis in letzte Einzelheiten versucht der Autor jenen Typus der gelehrten, romantisch angehauchten Biographie zu karikieren und jenen Ton zu imitieren, der vor allem in den zwanziger Jahren gepflegt wurde und von der ständigen Überhöhung des Gegenstandes lebte. (Manchmal freilich schweift die Erinnerung auch zurück an analoge biographische Überhebungen der DDR-Zeit.)
Literarischer Eulenspiegel
Das zweiteilige Buch ist weit mehr als Parodie und Persiflage. Klio, die Muse der Geschichte, wird nicht entblättert, vielmehr zusätzlich mit buntem Flitter behängt. Darunter werden die Schraffuren der Luther-Welt sichtbar und deutlich. Doch wo Wahrheit endet und phantastische Ausmalung beginnt, das ist nicht immer auszumachen. Während der etwa zehn Jahre, die Detlef Opitz an dem Buch gearbeitet hat, muß er sich, genau wie Arno Schmidt und mit genau dem gleichen Ziel, eines Zettelkastens bedient haben, der erstaunliche Tatsachen rund um Martin Luther enthält. Opitz erweist sich dabei als ein literarischer Eulenspiegel sondergleichen; wen es in dem Zusammenhang interessiert: Opitz wurde 1956 in einem Kaff im Erzgebirgischen geboren, Steinheidel, das etwa 15 km nördlich von Johanngeorgenstadt liegt, noch heute ohne Straßennamen auskommt und seine Häuser einfach durchnumerieren kann. Allerdings lebt er schon lange eher eigenbrötlerisch in Berlin.
Das Schöne an seiner Prosa ist, daß Opitz mit Luther, dem Kardinal Albrecht, Tetzel und seinen anderen Figuren nichts beweisen, nichts darstellen, nichts verkünden und nichts kritisieren will - außer vielleicht das Pathos einer Zeit, die glaubt, ohne Heroen nicht auskommen zu können. Präzise wirken die blitzartig auftauchenden Assoziationen zur jüngsten deutschen Geschichte.
Originäre Sprechweise
Es ist erstaunlich, mit welcher Sicherheit Opitz die Sprache der Zeit Luthers beherrscht und abzuwandeln vermag. Ganz kalkuliert setzt er erzählerische Atemlosigkeit gegen die derbe, originäre Sprechweise, die eine gewisse Behäbigkeit auszustrahlen scheint. Das Ergebnis ist eine Lektüre, der man sich nicht einmal beim zweiten Lesen entziehen kann. Man kommt gar nicht umhin, dabei an Umberto Eco zu denken.
Was der Verbreitung dieses intelligenten Buches im Wege stehen könnte, sind allerdings einige Inkonsistenzen: So fragt man sich im Laufe der Lektüre immer öfter, was eigentlich die Rahmenhandlung soll. In dieser berichtet der Ich-Erzähler zur Zeit der Wende einem nicht ganz geheuren Herrn Leumull, vielleicht Psychiater, die ganzen hier niedergeschriebenen Luther-Geschichten. Herr Leumull ist kaum mehr als eine vage Klammer zur Gegenwart; irgendwann verschwindet er denn auch sachte und eher unmotiviert.
Die Hauptfrage jedoch ist: Wie viele Leser mögen noch Spaß am Spiel mit einer Sprache haben, in die man sich hineinlesen muß, die nicht zum Alltag gehört, sondern Bildungsgut ist, das mehr und mehr untergeht? Es ist eine Tatsache, daß heute Jüngere nicht einmal mehr Frakturschrift lesen können (und wollen). Wie erst werden sie dann auf diese ungewohnte, starke Diktion aus der Lutherzeit reagieren? Eine unreflektierte Ablehnung wäre doppelt schade, weil sie sich damit einen literarischen Spaß mit bemerkenswerten Nebenbedeutungen entgehen ließen, den es nicht allzuoft gibt gerade in der deutschen Literatur.
Hans-Georg Soldat, 28.02.1996 Berliner Zeitung
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