Aus der Amazon.de-Redaktion
Jürgen Klinsmanns beeindruckende Karriere führte vom Schwabenland nach Mailand, Monaco, London, München und Genua. Dabei wollte der Blondschopf nicht nur unterschiedliche Fußball-Kulturen, sondern auch Land und Leute kennen lernen. Zudem holte der deutsche Nationalspieler bei der WM 90 und der EM 96 den Titel. Bereits vor seiner letzten WM 98 hatte der ehrgeizige Weltklasse-Stürmer seinen Zenit überschritten.
Nach seiner Fußballkarriere entwickelte Klinsmann in Kalifornien richtige Manager-Qualitäten. Das schlägt sich heute in seiner Arbeit als Coach nieder: Sein Training ist zielorientiert und entspricht neuesten, oft vom US-Sport beeinflussten Erkenntnissen. Nichts wird dem Zufall überlassen. Althergebrachtes ohne Sinn fliegt über Bord. Und in seinem Expertenstab positionierte sich Klinsmann im wahrsten Sinne des Wortes als Teamchef.
FAZ-Redakteur Michael Horeni porträtiert Jürgen Klinsmann als aufrichtigen Sportler, der seine Unabhängigkeit stets bewahrte und auch seinen Vorteil zu suchen verstand. Der Autor besitzt einen guten Draht zu Klinsmann und vollzieht seine Sicht der Dinge einfühlsam nach. Zudem blickt Horenis unaufgeregte, kompetente und ausführliche Analyse immer wieder über den Tellerrand des Profifußballs hinaus und verankert den Ballsport in der Gesellschaft insgesamt.
Jetzt stellt sich die Frage, ob Jürgen Klinsmann nicht nur als Spieler, sondern -- wie einst Kaiser Franz -- auch als Trainer den WM-Titel holen kann. Die besten Voraussetzungen bestehen dann, wenn Fußball-Deutschland an einem Strang zieht und dem Bundestrainer den Rücken freihält. Dann liegt die Wahrheit auf dem Platz. Hopp oder top. Entweder Deutschland wird Weltmeister... --Herwig Slezak
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Klinsmann von Michael Horeni. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Confederations Cup in Deutschland
An jenem Tag, an dem die Deutschen Jürgen Klinsmann wieder bei sich aufnahmen, machte er nicht viele Worte. Michael Ballack kam in die Kabine und fiel erschöpft auf die Bank. Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger fehlte die Kraft, um wie sonst ein Späßchen zu machen. Auch sie lehnten müde mit dem Rücken an der Wand, den anderen ging es nicht besser. Zwei Stunden lang hatten sie sich verausgabt, bei fast 30 Grad und drückender Schwüle, über sechzig Minuten mußten sie mit einem Mann weniger auskommen, und das im fünften Turnierspiel innerhalb von nur vierzehn Tagen. Sie hatten dennoch niemals aufgegeben, sie kämpften mit aller Entschlossenheit und boten ein faszinierendes Spiel, ein Spektakel, von dem die Nation am nächsten Tag schwärmen würde wie seit vielen Jahren nicht mehr. 4:3 hatten sie Mexiko besiegt, in der Verlängerung, ein Ergebnis und eine Partie wie aus den epischen Zeiten des Fußballs. Da saßen sie nun auf ihren Bänken, ausgelaugt und stumm. Sönke Wortmann ließ die Kamera laufen, immer weiter. Der Regisseur konnte nicht genug bekommen von diesen Bildern aus der Kabine, von diesem besonderen Moment, in dem die Spieler ganz bei sich sind, glücklich und erschöpft, ein Schatz für seinen Dokumentarfilm über die Nationalmannschaft. Dann, in die Stille hinein, ergriff Jürgen Klinsmann das Wort, laut und durchdringend. "Ihr habt eine großartige Leistung gebracht. Ihr habt alles gegeben. Wir sind stolz auf euch. Danke", rief der Bundestrainer seinen Spielern zu, er brüllte fast. "Aber jetzt wollen wir euch nicht mehr sehen. Im Hotel gibt es heute nichts zu essen." Das nächste, was Wortmann mit seiner Kamera einfing, war schallendes Gelächter.
Die Nacht gehörte den Spielern. Sie zogen durch die Restaurants, Kneipen, Bars und Clubs von Leipzig. Erst feierten sie gemeinsam, dann verstreuten sie sich über die Stadt. Die letzten kamen irgendwann nach Sonnenaufgang ins Hotel zurück. Den Bundestrainer jedoch, der nach dem Spiel mit allen Helfern des Nationalmannschaftsteams bei einem Italiener zusammensaß, bekamen sie nicht mehr zu sehen. Auf ein gemeinsames Frühstück am nächsten Morgen, auf große Abschiedsszenen im Hotel legte Klinsmann keinen Wert. Mit Sentimentalitäten im Profigeschäft hatte er auch schon früher nichts anfangen können. Am nächsten Morgen gingen die Nationalspieler und ihre Trainer wieder ihrer eigenen, getrennten Wege, schon um 10.40 Uhr saß der Bundestrainer in Frankfurt in der Lufthansa-Maschine, auf dem Weg zurück nach Los Angeles. Die Arbeit war getan, und er wollte keine Zeit mehr in Deutschland verlieren. Seine Familie wartete in Kalifornien.
Zurück blieb ein verändertes Fußball-Land. Die Zeitungen überschlugen sich in ihrer Begeisterung über den neuen Stil, mit dem Jürgen Klinsmann innerhalb von elf Monaten die Nationalmannschaft radikal umgekrempelt hatte. Schon auf dem Rückweg vom Stadion ins Hotel ahnte der Bundestrainer, daß mit diesem Spiel, mit dem der erste Teil seines Reformprojekts ein mitreißendes Ende gefunden hatte, eine neue Zeit in der Beziehung zwischen der Nationalmannschaft und den deutschen Fans angebrochen war, aber nicht zuletzt auch zwischen ihm und den Deutschen. Im Mannschaftsbus läutete Klinsmanns Mobiltelefon, und es meldete sich der Bundeskanzler. Gerhard Schröder gratulierte ihm zu dem grandiosen Auftritt. Er sprach von den "Verdiensten für den deutschen Fußball und Deutschland", die sich die Mannschaft und Klinsmann erworben hätten, fast so, als wäre der Bundestrainer und sein Team gerade eben schon Weltmeister geworden und hätten nicht nur das Spiel um Platz drei beim Confederations Cup gewonnen. Aber der Aufbruch in Deutschland, zumindest im Fußball, er war da.
Nur zwei Tage zuvor hatte der Kanzler im Bundestag die Vertrauensfrage gestellt, um den Weg für Neuwahlen freizumachen. Der zeitliche Zusammenfall dieser beiden Ereignisse verführte daraufhin zahlreiche Kommentatoren in den Zeitungen dazu, den Fußball als Metapher für die deutsche Politik zu verwenden und eine Beziehung herzustellen zwischen dem Zustand des Landes und der Nationalmannschaft, zwischen Bundeskanzler und Bundestrainer, zwischen sportlichem Ist- und gesellschaftlichem Soll-Zustand. "Wenn das Land voll von Klinsmännern wäre, hätte es im Herbst keine Neuwahlen geben müssen", schrieb die Frankfurter Rundschau in den Tagen, in denen sich die Kanzlerschaft Schröders dem Ende zuneigte und Klinsmann den ersten Höhepunkt in seiner Zeit als Bundestrainer erlebte. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sinnierte in ihrem Gesellschaftsteil, wie ein Ruck durch Deutschland hätte gehen können, wenn die Politik nur den gleichen Weg wie dieser Bundestrainer aus Amerika eingeschlagen hätte: "Mit Glück wird es unter Angela Merkel wenigstens so wie unter Rudi Völler: nicht schön, aber halbwegs effizient. Auf einen Klinsmann-Kanzler, der die Menschen mitreißt, darf weiter gewartet werden." Der Tagesspiegel in Berlin schlug den großen Bogen zwischen den Führungsqualitäten, die das Blatt dem Bundestrainer zuschrieb, aber beim politischen Personal schmerzlich vermißte: "Es gibt keine Wechselwirkungen zwischen erfolgreichem Fußball und erfolgreicher Politik. Eine fröhliche Grundstimmung durch gewonnene Spiele gibt den Bürgern weder mehr Vertrauen in den Staat, noch nimmt es diesem die Verantwortung zur Gestaltung ab. Andernfalls wäre Brasilien längst Export- und Importweltmeister in einem. Und doch lohnt es sich zu vergleichen, was dieser Klinsmann besser macht als die Politik. Sein Erfolg basiert keineswegs auf der Kunst des Schönredens, wie seine Kritiker gerne suggerieren. Schlechte Fußballer spielen nicht dadurch besser, daß man ihnen eine nicht vorhandene Qualität vorgaukelt. Klinsmann hatte einfach den Mut, sich der Wirklichkeit zu stellen, Konsequenzen daraus zu ziehen und entsprechend zu handeln. Und das in der gebotenen Radikalität, ohne sich von den Kritikern beirren zu lassen."
Der Boulevard, das deutsche Stimmungsbarometer, mochte sich mit staatstragenden Betrachtungen nicht lange aufhalten und reagierte auf seine Weise. So fragte Bild an dem Tag, an dem der Kanzler im Bundestag den Weg zu einem Neuanfang im Land frei machte, auf seiner Titelseite auch: "Hat Klinsi das Kaiser-Gen?" Daneben war eine Fotomontage abgebildet, auf der Jürgen Klinsmann schon die Physiognomie von Franz Beckenbauer angenommen hatte. Ausgerechnet seine schärfsten Kritiker, die sich an ihm schon als Stürmer und Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft jahrelang gerieben hatten und dennoch mit ihm Auflage machten, die von Klinsmann verklagt und gemieden wurden, erhoben den Bundestrainer nun in den höchsten Fußballstand. Wenngleich der Aufstieg noch mit einem kleinen Fragezeichen versehen war. (...)