Ich habe mich im Rahmen meiner Diplomprüfung Psychologie mit diesem Buch vorbereitet, wobei der Schwerpunkt auf Teil C lag. Da viele ausführliche Rezensionen bereits vorhanden sind, versuche ich mich auf wenige knappe Punkte zu beschränken, die mehr Kritik beinhalten, obwohl ich das Buch insgesamt für ein wirklich gutes Fachbuch halte (!!!).
1. Wer das Buch wirklich komplett aufmerksam durcharbeitet wird sicherlich einen umfassenden, breiten und tiefen Einblick in die klinische Psychologie erhalten, der absolut zeitgemäß ist. Wer nur in einzelne Kapitel springt bekommt einen immernoch verständlichen Einblick des Themengebiets, muss sich aber hier und da damit zufrieden geben, dass Begriffe und Zusammenhänge auch mal sehr kurz abgehandelt werden und als bekannt vorausgesetzt werden (Bsp.: AD(H)S und Selbstinstruktionstraining)
2. Die Tiefe, Breite und Qualität der Kapitel unterscheidet sich je nach Autor doch deutlich. Hier fehlt mir ebenfalls die Arbeit des Herausgebers, die Kapitel auf Übereinstimmung der Aussagen und Überschneidungen zu kontrollieren. (Bsp.: Vor allem das Kapitel über Schizophrenie - für sich gesehen schon ein komplexes Störungsbild - hat zudem noch den Anspruch jegliches Grundlagenwissen über Zwillingsstudien, Genetik etc. zu vermitteln). Trotzdem gestaltet sich das Buch durch verschiedene Autoren und Herangehensweisen abwechslungsreicher als ein Erstwerk.
3. Die fehlenden Übereinstimmungen epidemiologischer Daten sind störend. Wenn in mehr als 3 Kapiteln steht, dass Störungsbild x die am häufigten diagnostizierte Störung ist, wirkt es nicht mehr glaubwürdig. Leider werden die Daten (Prävalenz, Geschlechtsverteilung, Genetischer Anteil, Remissionsrate etc.) nirgendwo gegenübergestellt.
Man erhält so den Eindruck, jeder Autor würde insgeheim sein Störungsbild für das wichtigste halten. Immerhin ist das verbunden mit dem merkbar großen Fachwissen. Mein Tipp also: Schreibt euch mal alle Daten raus und vergleicht sie dann.
4. Ebenfalls störend ist, dass die Diagnosekriterien nicht einheitlich präsentiert werden. Und ich gebe den anderen Rezensionen recht, dass das ICD-System vernachlässigt wurde. Die Darstellung identischer Kriterien hätte das Buch sicher unnötig verlängert. Wichtig wäre nur gewesen mitgeteilt zu bekommen, warum die ICD-Kriterien mal genannt werden und mal nicht.
5. Absolut schade finde ich, dass die Anwendungsbeispiele/Brücken zur therapeutischen Behandlung bzw. Studien fast ausschließlich aus dem Bereich der Verhaltenstherapie stammen. Mir ist klar, dass gerade integrative Ansätze (mit systemisch-humanistischer Ausrichtung) nicht berühmt dafür sind empirische Studien zur Wirksamkeit zu produzieren, aber zumindest die theoretischen Herangehensweisen bei der Behandlung fehlen mir sehr
Ebenso fehlen tiefenpsychologische Perspektiven, denn auch hier darf die Tatsache nicht unterschlagen werden, dass diese in Deutschland nachwievor verbreitet sind. Schade, denn an vielen Stellen scheint das Buch/die Autoren die Integration verschiedener Verfahren als beste Lösung zu präsentieren.
~~Buchempfehlung zur Übersicht therapeutischer Vefahren: Kriz, J. (2007). Grundkonzepte der Psychotherapie. Beltz: München. Das Buch ist nicht ganz einfach zu lesen, stellt aber sehr umfassend verschiedene Ansätze aus den vier großen therapeutischen Schulen vor und vergleicht sie untereinander. Sehr guter geschichtlicher Hintergrund! Leider ohne Transfer zu Störungsbildern ~~
6. Dass einige Störungsbereiche (z.B. Wahrnehmungsstörungen, Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen) komplett fehlen, die in anderen Büchern mit enthalten sind, finde ich weniger bedenklich. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass bewusst stark in der psychiatrischen/medizinischen Behandlung angesiedelten Bereiche weggelassen wurden zu Gunsten der eher psychologischen/psychotherapeutischen Behandlungsbereiche.
7. Die Qualität der Fragen am Ende jedes Kapitels schwankt stark. Glücklicherweise hat man nur selten den Eindruck, der Autor hätte sich schnell noch ein paar Ideen aus den Fingern gesogen.
Fazit: Das Buch war für Wochen meine Bibel - ich habe die Zeit nicht nur gut überstanden, sondern sehr viel Interesse am Thema entwickelt. Die Prüfung war mehr als erfolgreich. Ich bereue definitiv nicht es gekauft zu haben und bin sicher auch in Zukunft hier und da einen Blick hinein zu werfen. Berücksichtigt man, dass die meisten Prüflinge Lust haben ihre Pflichtliteratur nach der Prüfung zu vergraben, zerreißen oder verbrennen, ist das eine große Auszeichnung.