Die Neuropsychologie beschäftigt sich mit den zentralnervösen Grundlagen des Erlebens und Verhaltens des Menschen, genauer gesagt mit Beeinträchtigungen und Veränderungen, die durch Läsionen und Krankheitsprozesse des Gehirns eintreten. Ziel dieses Buches von Wolfgang Hartje und Klaus Poeck ist es "ein ausgewogenes Verhältnis (...) der klinisch relevanten Fakten und der wissenschaftlichen Grundlagen zu erreichen". "Grundkenntnisse über die Organisation psychologischer Leistungen im menschlichen Gehirn" sollen vermittelt werden, um zu zeigen, "in welcher Weise zerebrale Krankheitsprozesse diese Leistungen quantitativ und qualitativ verändern können". Sie wenden sich - wie es bereits in der ersten Auflage von 1982 heißt - "nicht nur an Nervenärzte, Klinische Psychologen und Logopäden, sondern auch an Mediziner, Psychologen und Linguisten und auch an Studenten auf diesen Gebieten".
Beide o.g. Ziele werden meiner Meinung nach erreicht; zudem weist "Klinische Neuropsychologie" zahlreiche andere Annehmlichkeiten für den Leser auf. Obwohl verschiedenste Autoren (darunter z. B. Georg Kerkhoff und Walter Sturm) die einzelnen Kapitel verfassen, ist das Buch durchgängig einheitlich und gut verständlich zu lesen. Die 568 Seiten des Buches sind in ein praktisches, handliches Format gepackt, das äußerst komplexe Literatur- und Sachverzeichnis umfasst stolze 100 Seiten, was "Klinische Neuropsychologie" auch in eiligen Fällen zu einem schnellen Nachschlagewerk macht. Alle wichtigen Begriffe werden ausführlich innerhalb der jeweiligen Kapitel definiert, am Ende eines jeden (Unter-)Kapitels befindet sich zudem eine Zusammenfassung des Kapiteltextes. Für Freunde von Büchern mit vielen Abbildungen ist dieses Buch weniger geeignet: insgesamt enthält es nur 28 Abbildungen, wie z. B. Abbildungen von Items aus dem NVLT und VLT, schematische Darstellungen zerebraler Strukturen oder Abbildungen eines typischen Versuchsaufbaus. Weiterhin umfasst das Buch von Hartje und Poeck 29 sehr gute Tabellen.
Im ersten Teil des Buches werden unter anderem die bildgebenden und elektrischen/magnetischen Verfahren kurz erläutert, darauf folgt die Darstellung einzelner Störungsbilder, unter anderem mit Diagostik- und Therapiemethoden: 1) Neuropsychologie - Gegenstand, Methoden, Diagnostik und Therapie; 2) Funktionelle Asymmetrie der Großhirnhemisphären; 3) Klinisch-neuropsychologische Syndrome und Störungen. Unter 3) werden im einzelnen folgenden Störungsbilder erwähnt: Aphasie, Dysarthrie, Alexie und Agraphie, Leitungsstörungen, Amnesie, Störungen des visuellen Erkennens und des bildlichen Vorstellens, Störungen der visuellen Raumwahrnehmung und Raumkognition, Neglect, Anosognosie, Aufmerksamkeitsstörungen, Störungen von Planungs- und Kontrollfunktionen, Störungen von Antrieb und Affektivität, Demenz, Störungen des auditiven Verarbeitens, Spätfolgen nach minimaler traumatischer Hirnschädigung und nach HWS-Distorsion sowie Störungen der Zahlenverarbeitung. Das Unterkapitel über Aphasie umfasst beispielsweise über 80 Seiten. Das Kapitel über Amnesie enthält zudem auch ausführlich die möglichen 'Auslöser' einzelner Störungsbilder, z. B. Thalamusinfarkt, Herpesenzephalitis, Aneurysmen der Aorta communicans anterior, zerebrale Hypoxie usw.
Ich kann "Klinische Neuropsychologie" sehr empfehlen, praktisch wäre es gewesen, es bereits vor meinem neuropsychologischen Praktikum zu haben (und nicht erst danach), da alles Wichtige enthalten ist. Aber auch angehenden und erfahrenen Klinischen Neuropsychologen dient dieses Standardwerk von Hartje und Poeck als beliebtes Nachschlagewerk!