Als Bedrohung für die nationale Sicherheit wird der Klimawandel unterschätzt und meist mit noch geringeren Budgets als der Kampf gegen den Terrorismus bedacht, doch sind es nicht Präventivmaßnahmen wie Förderungen für Passivhäuser oder Partikelfilter, die damit gemeint sind, sondern Katastrophenschutzmaßnahmen, die Möglichkeiten im schlimmsten Fall zumindest adäquat reagieren zu können. Naturkatastrophen wie der Hurrikan Katrina beweisen dass auch in den Industriestaaten eine gewisse Arglosigkeit herrscht und selbst für bekannte Bedrohungsszenarien kaum Notfallpläne in den Schubladen vorhanden sind. Man sollte aus den Fehler der Vergangenheit doch etwas lernen? So sieht das zumindest der Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, Harald Welzer und hat sich in "Klimakriege" mit durch den Klimawandel verstärkten Konfliktpotentialen befasst.
Bereits das Titelbild zeigt die 1909 vor Namibia auf Grund gelaufene "Eduard Bohlen", welche sich heute einige hundert Meter vom Meer entfernt befindet. Das Klima unserer Erde ist einem beständigen Wandel unterworfen, ob wohin dieser auch immer führen mag und wer ihn zu verschulden hat. Doch genau dieser Wandel, sorgt seit jeher für demographische Bewegungen und die Verschärfung regionaler Konflikte, die sich nicht selten in Bürgerkriegen und Massakern entladen. Wenn das Weideland zurückgeht und die Bevölkerung explosionsartig anwächst, sich aber nicht mehr ernähren kann, geraten womöglich Minderheiten ins Visier der aufgebrachten Massen. Nicht das Klima an sich, aber die Begleiterscheinungen sind entscheidende Faktoren, die das neutrale Zusammenleben von nomadischen Viehzüchtern und sesshaften Bauern bedrohen können. Harald Welzer nutzt diese Szenarien nur als Beispiele, um die Bedeutung des Klimas als Einflussfaktor auf die nationale und regionale Sicherheit zu verdeutlichen.
Erste Klimaflüchtlinge ortet er in Nordafrika wo Millionen hoffen in die europäischen Staaten emigrieren zu können, während in ihren Heimaten politische Konflikte, Arbeitslosigkeit und schwindende Ernteerträge ihr Leben bedrohen. Währenddessen könnte Nordeuropa sogar vom Klimawandel profitieren, auch wenn Skiorte eindeutig mit Tourismuseinbußen rechnen müssen. Gegen Naturkatastrophen könnten wir uns wappnen, denn es sind meist nicht Natur- sondern soziale Katastrophen die sich im Ernstfall offenbaren, wenn schlicht nichts unternommen wurde diese zu verhindern oder Szenarien für den Notfall zu erproben.
Als Autor von Werken wie "Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" gibt Harald Welzer in "Klimakriege" auch einen sehr eindrucksvollen Einblick in die Moral des Tötens. Der Zweck heiligt gewissermaßen die Mittel, rückblickende Reue verleiht den Tätern Absolution und macht sie wieder menschlich. "Erst illusionslose Betrachtungen ermöglichen es, aus der tödlichen Logik der Sachzwänge auszusteigen - wie sie sich etwa in falschen Alternativen wie der zeigt, ob man nun aus Gründen des Klimaschutzes auf verbesserte Kohlekraftwerke oder doch lieber auf die Atomkraft setzt." (Seite 261-262) Klimakriege ist kein Buch für Optimisten, denn es soll bewusst illusionslose Betrachtungen fördern und zum Nachdenken anregen.
Fazit:
Das Konzept funktioniert, ein Autor der sich zuvor vorwiegend mit den Massenmorden gewöhnlicher Mitläufer im NS-Regime befasst hat, bringt diese mit der Tradition europäischer Kolonialpolitik in Einklang. Ein Buch, das überaus nachdenklich stimmt und die Frage stellt, welche Verbrechen der Klimawandel im 21. Jahrhundert möglich machen wird.