Nach dem Motto "nachher ist man immer klüger" versetzt sich der Autor in das Jahr 2055 und schreibt von dort aus rückblickend, wie unsere jetzige Situation des Jahres 2006 sich im zeitgeschichtlichen Zusammenhang, das Klima betreffend, ausnimmt. Grundhaltung des Buches ist: 1) die Gefahr der Klimaveränderung wird allerorten immernoch unterbewertet 2) darausfolgend: Ein starkes Plädoyer für die Wiedereinführung/Nutzung der Kernenergie.
Was mich eher gegen das Buch eingenommen hat, sind folgende Gründe:
Zum einen beschränkt sich die konkrete Zukunftsschau des Autors weitgehend darauf, dass die Hauptperson zeitungsblätternd in einem wasserstoffbetriebenen Ultraschall-Jet sitzt und sich auf das kommende Familientreffen und die erwartete Klimakonferenz freut. Eine derart dürftige und naive Rahmenhandlung ist schlichtweg ärgerlich und gehört vielleicht in einen Comic aber nicht in ein Buch, das versucht Sachbuch über ein hochaktuelles Thema zu sein. Dass Dürren und sintflutartige Überschwemmungen an der Tagesordnung sind (nur eben nicht dort, wo das alter ego des Autors sich befindet) erfährt man ebenfalls im Vorbeigehen aus dieser Zukunftszeitung. Ganz schlimm wird es gegen Ende, nachdem die Hauptperson gelandet ist und die weltweit erwarteten Vorträge zweier fiktiver Professoren auf der Konferenz besucht. (O-Ton: "Er hatte sich geschworen, in Hamburg eine klare Antwort auf die Frage zu finden, ob sich das Klima nunmehr stabilisiert hat, oder nicht."). Diese fiktiven Vorträge, deren Inhalt eher unspektakulär ist, leiten dann, laut Zukunftsvision des Autors, eine weitere internationale politische Wendung ein ... Bei allem Glauben an die Naturwissenschaft, ist solch eine Vision nun wirklich erschreckend kindisch und läuft an der wissenschaftlichen Realtät vorbei, wo eben gerade verschiedenste Messdaten und Simulationen äusserst kontrovers diskutiert werden.
Positiv fand ich im sachbuchartigen Mittelteil des Buches die Aufbereitung der Ökonomie der CO2 und Energiefrage, insbesondere Bemerkungen über CO2-Konvertierung und synthetische Kraftstoffe. Dass dies in obenerwähntem Plädoyer für Kernenergie unter Geringachtung der Problematiken Endlagerung, Proliferation und Strahlung während des Betriebs etc. endet, mag Ansichtssache bzw Analyseergebnis sein. Genauso räumt der Autor einer Wasserstoffwirtschaft wenig Chancen ein. Äusserst störend wieder die doch sehr arrogant anmutenden Einblendungen aus der "Zukunft" mit denen der Autor seine persönlichen Ansichten zu untermauern sucht.
Insgesamt wird schon aus diesen Bemerkungen deutlich, dass "Energie 2055" ein wesentlich angebrachterer Titel des Buches gewesen wäre, um den Schwerpunkt klarzustellen.
Ein wenig sonderbar, dass auch im Jahr 2055 noch keine großflächigen Photovoltaik-Anlagen in Betrieb zu sein scheinen, wohingegen der Permafrostboden Sibiriens durch gigantische Satelliten-Schilde vom All aus geschützt werden soll. Wenn ich es grob überschlage, wäre die hierfür benötigte Fläche grad so groß um photovoltaisch den halben weltweiten Energiebedarf zu decken ... ebenfalls Ansichtssache des Autors.
Fazit: Angenehmer wäre es gewesen, der Autor hätte sich zuvor entschieden, ob er ein Sachbuch oder einen modernen Jules Verne Roman präsentieren möchte, so ist keines von beiden so richtig herausgekommen.