Das Buch ist wahr. Leider. Für Außenstehende mögen die beschriebenen Szenarien religöser Persönlichkeits-Deformation und der Ergründung ihrer möglichen Ursachen bizarr und übertrieben erscheinen. Wer sich aber je für längere Zeit in dem betrachteten "Biotop" aufgehalten hat, dem geht beim Lesen dieses Buches nicht nur ein Licht sondern ein Kronleuchter auf.
Erkennbar und lobenswert der Versuch, in aller Gründlichkeit zu beschreiben, dass sich das Problem der "beamteten Persönlichkeit" (schöne Wortprägung) halt eben nicht salopp auf die Volksmeinung "Klar, die Jungs haben keinen Sex - gibt halt Kollateralschäden!" reduziert.
Die Gründlichkeit ist jedoch m.E. auch die größte Schwäche des Buches. Wer nicht durch langjähriges Studium gewohnt ist, sich durch tausendseitige Briketts durchzufressen, wird an der detaillierten Ausarbeitung der Themen kaum seine Freunde haben. Unterkapitel bis hinein in die griechischen Kleinbuchstaben sind mir jedenfalls seit Verlassen der Universität nicht mehr untergekommen, und es ist sicher ein Problem, inwieweit ein weniger trainierter Leser den roten Faden behalten kann.
Zwischendurch wird's dann noch blumig und "dichterisch", das ist eine Frage des Stils und des Geschmacks - ich steh halt mehr auf Bauhaus.
Aber Fakten, Zusammenhänge, Literaturhinweise - das Thema ist sachlich kompetent bearbeitet und stringent in der Gedankenführung.
Was mich weiterhin auch beeindruckt hat, ist der sehr respektvolle Umgang mit Personen und deren Schicksalen in den Fallbeschreibungen. Es ist halt nicht "Menschen, Tiere, Sensationen" sondern langjährige Erfahrung mit dem beschriebenen Personenkreis in der offenkundigen Absicht, hier aus der Misere zu helfen.
Nun hätte keiner, der die Entwicklung der Organisation "Katholische Kirche" die letzten zwanzig Jahre beobachtet hat, ernsthaft damit gerechnet, dass aus einem solchen Buch andere Konsequenzen folgen als die tatsächlich eingetretenen, nämlich: mundtot machen so weit als möglich. Trotzdem,schade - hier wäre ein Ansatz gewesen.
Für Leser, die sich nicht in innerkirchlichen Kreisen bewegen, wird dieses Buch vielleicht einiges Unverständliche erhellen. Nebenbei sind die beschriebenen Mechanismen der totalen Persönlichkeitskontrolle auch in anderen, nichtkirchlichen Bereichen anzutreffen. Eigentlich findet man hier grundsätzlich einen Ansatz, um die Wirkung von Ideologien und religiösem Fanatismus aus tiefenpsychologischer Perspektive her zu begreifen - und das Thema selbst ist ja wohl durchaus aktuell.