Legt man das Buch nach der Lektüre wieder weg, ist das gewohnte Bild von der schönen orientalischen Königin angekratzt, denn, wie es der Titel schon verheißt, war Kleopatra zwar Pharao von Ägypten, doch war sie keine Ägypterin. Ihrer Abstammung gemäß war sie vielmehr Griechin, quasi eine Spätfolge der erfolgreichen Kriegspolitik des Makedonierkönigs Alexander der Große. Nun, wer auch nur halbwegs mit Geschichte vertraut ist, hätte das wohl schon geahnt. Aber nicht nur der eigentlich banale Mythos von der schönen Ägypterin geht bei Wolfgang Schuller zu Bruch. In Zuge seiner Kritik historischer Texte und Quellen stilisiert er Kleopatra zu einer Herrscherin, die wohl nicht nur Männerherzen betörte, sondern ebenso ihr politisches Geschäft verstand und überdies keineswegs das ihr angedichtete Luder gewesen sein sollte. Wobei ich bewusst von Stilisierung spreche, denn die bei aller Fülle doch immer noch dürftigen, mythisch verflachten und propagandistisch verfremdeten Überlieferungen aus fernen Zeiten erlauben einfach kein in klaren Linien skizziertes Porträt der historischen Person. Kleopatras Ruf war deswegen seit jeher entweder zur kitschigen Exotik verfremdet oder anrüchig, sensationell oder skandalös. Beides dürfte ihr nicht gerecht werden und Schuller geht es wohl nicht zuletzt um Gerechtigkeit für Kleopatra wenn er das eine oder andere zurechtrückt, um schlussendlich sogar die letztlich doch eher spekulative Behauptung ins Treffen zu führen, die schöne Königin hätte ihre mächtigen römischen Liebhaber nicht nur ihren machtpolitischen Interessenslagen dienstbar gemacht, sondern sie überdies von Herzen aufrichtig geliebt. In monogamer Treue sei sie ihnen zugeneigt gewesen; also eigentlich eh recht tugendsam, beinahe brav bieder. So harmlos, wie es einer Gebieterin kaum noch geziemt, wöllte man fast meinen. Und dies ist denn nun eine These liebender Hingabe, die letztlich doch auf ein wenig wackeligen Beinen steht, zumal über das Privatleben, und schon überhaupt über das Liebesleben der schönen Kleopatra in der Tat herzlich wenig bekannt ist. Von dieser kleinen Irritation einmal abgesehen, basiert Schullers Biografie allerdings auf einer Fülle gediegener und folglich überzeugender Ansichten, verpackt in einen brillanten Stil, dessen ungebrochene Eloquenz sich über die Blätter hinweg nicht die geringste Blöße gibt. Letztlich präsentiert sich eine Biografie, die in einem gewissen Sinne als Hommage an eine herausragende Frauenperson begreiflich, allein schon ob deren abenteuerlichen Lebens den Leser fesselt und, zumal ein Könner des Genres die Sache angefasst hat, alsbald in einen wahrlichen Leserausch geleitet.