Das Bild der letzten Königin Ägyptens als nymphomanischer, männermordender Vamp, vom Wesen her intrigant, machthungrig und verschlagen, hat die Altertumswissenschaft in den letzten Jahrzehnten zusehens relativiert. In aller Deutlichkeit geht der Hamburger Althistoriker Christoph Schäfer in seinem Kleopatra-Buch auf diesem Wege weiter und liefert eine Biographie der letzten Ptolemäerin ab, die gerade unter kritischer Würdigung der historischen Quellen ein unvoreingenommenes, realistisches und plastisches Bild Kleopatras bietet. Immer wieder betont Schäfer, dass nach ihrem Tod die Geschichte Kleopatras von ihren Gegnern und Besiegern, allen voran Octavian-Augustus, geschrieben wurde, weshalb er die noch greifbaren Quellen und antiken Aussagen über Kleopatra stets einer kritischen Prüfung unterzieht. Unterm Strich gesehen bleibt nichts von den vielen negativen Charaktereigenschaften und angeblichen Verbrechen, die Kleopatra verübt haben soll.
Auch räumt Schäfer mit verschiedenen Legendenbildungen und Fehlinterpretationen auf, wie sie sich in Geschichtsbüchern immer noch stereotyp heruntergebetet werden: Es gab keinen Brand der großen Bibliothek von Alexandria; die Lustreise von Caesar und Kleopatra auf dem Nil fand gar nicht statt. Auch erscheint Marcus Antonius in einem anderen Licht, wurde doch auch dieser das Opfer feindlicher Geschichtsschreibung, sodass Schäfer das schiefe Bild des Triumvirn gerade rückt und insbesondere aufräumt mit dem Vorwurf, dass Antonius bei den so genannten Landschenkungen an Kleopatra und ihre gemeinsamen Kinder römisches Reichsgut verschleudert habe; auch ließ sich Antonius keineswegs nur von seinen Gefühlen zu Kleopatra leiten, vielmehr sind eindeutig politisches Kalkül und rationale Ansätze eruierbar.
Alles in allem eine wunderbar zu lesende Biographie, bereichert um eine gute Bebilderung (seltsamerweise fehlt jede bildliche Darstellung Caesars und Octavians) und eine interessante Rezeptionsgeschichte Kleopatras. Besonderes erwähnenswert erscheint mir hier, wie positiv sich der Autor über die Kleopatra-Verfilmung aus dem Jahre 1963 äußert. Volle Kaufempfehlung!