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Der Hörbuch-Fassung fehlt als Medium für die Auseinandersetzung mit den Briefen des Außenseiters Kleist nichts. Hermann Beil, der bekannte Dramaturg, hat Briefe Kleists an seine Verlobte Wilhelmine, seine Halbschwester Ulrike und an Goethe zusammengestellt und daraus einen fast beängstigend geradlinigen Weg aufgezeichnet: Den bekannten Weg, der den 34-Jährigen, der früh schon das Glück für sich suchte, sich häufig ausgeschlossen fühlte, im Selbstmord mit der todkranken Freundin Henriette Vogel enden ließ.
Es ist faszinierend, wie selbstverständlich die Stimme von Ulrich Matthes zu Kleists Briefen passt. Dabei findet in der Lesung nicht ausschließlich eine Identifikation statt. Vielmehr macht Ulrich Matthes die Brüche der Persönlichkeit, auch gerade in ihrer Chronologie hörbar. Seine immer etwas melancholische Stimmlage ist trotzdem ein ideales Transportmittel für die am Leben leidende Grundstimmung des preußischen Dichters. Für die Sehnsucht nach der Tat, für die Angst vor dem Durchschnitt. Seine Stimme setzt den Wunsch nach erlösendenden Lebensformen wie dem Bauerndasein, nach einem einfachen, zufriedenen Leben, nach "Freiheit, einem eigenen Haus und einem Weib" in Szene. Wenn er den Brief vorliest, in dem Kleist so unendlich stolz auf sein "Werk Wilhelmine" ist, wenn er die hehren Lebenspläne oder seine Liebe zu Wilhelmine ausspricht, dann zeigt Matthes' Stimme eine gewisse Distanz ... und wird damit doch wieder dem Verfasser der Briefe im Sinne einer Entwicklung absolut gerecht.
Wesentlich unvergesslicher und eindringlicher sind natürlich die Passagen, in denen Kleist an sich selbst verzweifelt: Ulrich Matthes transportiert mit seiner Stimme glaubwürdig die Verzweiflung darüber, dass es kein Mittel gibt, sich den anderen verständlich zu machen; er lässt die Sehnsucht Kleists nach Ruhe hören und den Bruch in der Authentizität seiner Persönlichkeit spürbar werden. Der Bruch, den Kleist verzweifelt, aber messerscharf formuliert: " Es ist eine angeborene Unart, nie den Augenblick erreifen zu können und immer an einem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin, in einer Zeit, die vorbei oder noch nicht da ist." Das Leiden an seinen "halben Talenten" klingt in der Stimme des Sprechers ganz und gar echt!
Eine Lesung, die über 89 Minuten verdeutlicht, wie sehr Kleists Weg von Anfang an für dieses Ende angelegt war. Das Kultivieren des eigenen Leids ist hier mit eingeschlossen. Dass das ruhelose Wandern, das vor Selbstzweifeln Zerrissensein so klar und geradlinig zu hören ist, liegt an der Auswahl der Briefe, vor allem aber am Sprecher. Ulrich Matthes ist als Bühnen- wie auch als Filmschauspieler bekannt. Als einfühlsamer Sprecher von Hörbüchern hat er sich einen Namen gemacht. Seine Empathie und seine gleichzeitige Zurückhaltung sind es, weshalb dieser Lebensmonolog so intensiv und nachfühlbar klingt.
Lesung, Spieldauer: ca. 89 Minuten, 2 CD. Mit ausführlichem Booklet. Eine Produktion der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin. -- culture.text
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