ja wie stark, dass es KLEINSTADTNOVELLE wieder gibt! nach über zwanzig jahren habe ich schernikaus debut, 1980 erstmals veröffentlicht und schnell kult geworden, mit grossem vergnügen wieder gelesen und vor allem festgestellt, dass dieser text an aktualität fast noch gewonnen, obwohl die lebenssituation schwuler und lesben in all den jahren sich scheinbar doch so sehr entspannt hat. genau das ist der punkt: schernikau, als er begonnen hatte, diesen text zu schreiben, laut nachwort gerade siebzehn (!) jahre alt, findet klare und eindrückliche bilder für eine gesellschaft, deren voraussetzungen mit einem zitat von karl marx am bündigsten belegt sind:
"mit der einsicht in den zusammenhang stürzt, vor dem praktischen zusammensturz, aller theoretische glauben an die permanente notwendigkeit der bestehenden zustände. es ist also absolutes interesse der herrschenden klassen, die gedankenlose konfusion zu verewigen."
in der welt seiner novelle entlarvt der autor diese konfusion noch in den kleinsten nebenschauplätzen, im jeansladen etwa, den sein jugendlicher held in der absicht betritt, eine gutsitzende hose möglichst günstig zu erwerben. "das wollen alle", antwortet ihm da die verkäuferin, und b. entgegnet: "na wunderbar, bei der nachfrage muss das angebot ja überwältigend sein." hauptschauplatz des kompakten, erstklassig gebauten textes ist das kleinstadtgymnasium, in dem b. eine beziehung zu einem mitschüler anfängt, dessen angst und feigheit ihn b. bei eltern und lehrern denunzieren lassen, sodass b., der nichts zu verbergen hat, schliesslich von einer gesamtkonferenz der schule verwiesen wird.
die jungstars fehlen ja heute nicht, nur texte wie dieser, die anregend und heiter sind und der erkenntnis der welt beitragen, die fehlen ganz und gar.