Neruda Jan, Kleinseitner Geschichten, aus dem Tschechischen übersetzt von Josef Mühlberger, Winkler-Verlag München, 1965 (13 Erzählungen, ca 286 Seiten)
Eine biedermeierliche Karikatur
Der Schleswig-Holsteinische Literatursommer steht unter dem Motto Tschechien. Dabei erweckt der bei uns kaum bekannte Prager Klassiker Jan Neruda (1834-1891) Aufsehen.
Seine Menschen meist skurril. Sie leben auf der Kleinseite unter der Prager Burg in einer scheinbar liebenswerten Welt. Sie erreichen ihre Zimmer über Pawlatschen (Holzgalerien) und hören die Nachtigall vom Laurenziberg singen, sie erleben köstliche Episoden im abendlichen Wirtshaus oder feiern in den Gärten. Sie lieben die Falschen und werden von den Falschen geliebt.
Da sind zwei Herren wegen einer Frau verfeindet, sitzen jahrelang am gleichen Wirtshaustisch und bekämpfen sich durch verachtendes Schweigen. Der beliebte Bettler Adalbertchen, der den Antrag einer Konkurrentin ablehnt, sieht sich plötzlich dem Gerücht ausgesetzt mehrfacher Hausbesitzer zu sein. Nun bricht er vor verschlossenen Türen zusammen. Die Polizei verbietet Frau Russ auf Leichenfeiern zu weinen und Wahrheiten über den Toten zu verbreiten. Auf dem Dach berichtet ein junger Mann seinen engsten Freunden, dass er ein ohne sein Zutun schwanger gewordenes Mädchen heiraten möchte, sieht die Umstände aber erschwert, als er merkt, dass man belauscht wurde. Dr.Weltverderber, der nie einen Patienten behandelte, erweckt unversehens einen Scheintoten, nicht zu jedermanns Freude und er begießt die schöne Beinahewitwe mit Wasser, als sie ihn entlohnen will. Da sammelt einer sein Leben lang Edelsteine und hält sich selbst für wertlos, als sie sich wertlos erweisen. Der Ortsfremde, der einen Krämerladen eröffnet, obwohl schon einer da ist, glaubt, einem ältlichen Fräulein ein Kompliment machen zu müssen, wird daraufhin verleumdet, was er nicht überlebt.
Ein Mädchen unterbricht sein Tanzen nicht, als sie hört, dass ihre Mutter starb, und ein Ministrant lässt sich im Veitsdom einschließen, da immer um Mitternacht der heilige Wenzel die Messe lesen soll. Als ihr zwei Freunde je einen brieflichen Heiratsantrag machen, gerät das Fräulein Mary in einen Entscheidungskonflikt. Scheinbar todtraurig, und mit Rücksicht auf den jeweils anderen, ziehen die Tunichtgute ihn zurück, und sie fühlt sich schuldig, als die beiden, wie sie glaubt aus Liebesgram, verkommen und sterben.
Der Untermieter Provaznik sammelt Material über die Kleinseitner und ängstigt sie mit anonymen Briefen. Der Doktor der Rechte verliebt sich in das Ottildchen nur so lange, als er im Irrenarzt einen Konkurrenten wähnt, der ist aber nur gekommen, um den auffälligen Provaznik zu beobachten.
Am 20.08.1849 beschließen Revolutionäre Österreich zu zerstören, was daran scheitert, dass sie kein Pulver für die Pistole bekommen. In einer biedermeierlichen Karikatur wird eine morsche Welt von spitzwegschen Ordnungshütern mit untauglichen Mitteln verteidigt, was aber die Revolutionäre, die nur Kleinseitner Lausbuben sind, nicht nutzen können.
Es scheinen einfache Geschichten, manchmal scheint sich auch klamaukhaft eine Hinterhauskomödie abzuspielen. Aber welche Stilmittel benutzt Neruda! Wie jongliert er mit dem Aufbau, verschachtelt bewusst, um in unerwarteten Wendungen menschlichen Beziehungen aufzudecken! In meisterhaft beschriebenen Bildern werden Milieu und Stimmung lebendig, in scheinbar harmlosen Dialogen und alltäglicher Handlung Unausgesprochenes deutlich und mit Humor die Schäbigkeit, die Unterwürfigkeit und die Angepasstheit der Protagonisten entlarvt. Wie zur Strafe bekommt jeder den falschen Partner - oder auch gar keinen. Die Liebe hat keine Chance.
Das ist bei uns kaum bekannte Weltliteratur, mit die besten Erzählungen, die ich gelesen habe. Mit Josef Mühlberger hat ein Dichter übersetzt.