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Produktinformation
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Nicht erst seit Wallace 1996 mit seinem Roman Infinite Jest die amerikanische Buchszene in Aufruhr versetzte, bescheinigen ihm Kritiker ebenso viel literarische Begabung wie Unberechenbarkeit. Seltsamerweise verkaufte sich Infinite Jest, ein Furcht einflößender Klotz von über 1.000 Seiten inklusive Fußnoten, nicht nur ziemlich gut, das Buch erlangte bald einen ähnlichen Status wie die Bibel: Jeder kannte es, aber kaum jemand hatte es wirklich ganz gelesen. Und schon wurde Wallace zum Hoffnungsträger der amerikanischen Literatur erklärt, der die Nachfolge von Thomas Pynchon, Don DeLillo und William Gaddis antreten sollte.
Unbestreitbar ist zwar, dass Wallace von den genannten Vorgängern einiges gelernt hat, doch in gewisser Weise verweigern sich seine Texte üblichen Kategorisierungen: David Foster Wallace "scheidet die Geister", wie Denis Scheck in seinem Nachwort zur vorliegenden Sammlung zu Recht anmerkt. Für die deutschen Leser bietet Kleines Mädchen mit komischen Haaren einen lesenswerten Einstieg in die wundersame Welt des David Foster Wallace -- nicht zuletzt auch wegen der äußerst gelungenen Übersetzung von Marcus Ingendaay. --Peter Schneck -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
David Foster Wallace erzählt mit unbequemem Scharfblick
Den Erzählungsband «Kleines Mädchen mit komischen Haaren» hat David Foster Wallace zwar lange vor dem noch unübersetzten Tausend-Seiten-Wälzer «Infinite Jest» veröffentlicht, mit dem der Schriftsteller 1996 beträchtliches Aufsehen erregte. Doch die fünf Erzählungen waren weit mehr als nur Fingerübungen. Als sie 1989 in den USA erschienen, war er erst siebenundzwanzig, verfügte aber über zwei Potenziale, die gerade für längere Erzählungen sie sind hier jeweils um die fünfzig Seiten lang wesentlich sind: weit gefächerte Erfahrungshorizonte und entsprechende Sprachfacetten. Obwohl seine Sprache stets verspielt bleibt, schmiegt sie sich den Figuren und ihren Sprachmilieus immer wieder eng an.
Unheimliche Biedermänner
Das Spektrum von der texanischen Welt des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson über einen Kleinstadtkosmos in Oklahoma bis in die elitäre Welt von TV-Machern in Kalifornien oder New York ist motivisch und sprachlich jedenfalls sehr weit besonders, wenn man wie Wallace erzählerisch die Perspektive von Insidern solcher Soziotope bevorzugt. In der Titelgeschichte ist das etwa ein Yuppie-Anwalt, der in Los Angeles als Spezialist für Produkthaftung verklagte Firmen vertritt. In seiner Freizeit zieht er mit einigen Punkern herum, immer auf der Suche nach Opfern für seine Gelüste, die Körper von Frauen mit seinem goldenen Feuerzeug zu versengen.
Aus dieser Erzählung lediglich zu schliessen, dass Bret Easton Ellis in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre nicht als Einziger von den seltsamen Freizeitvergnügen mancher Porsche fahrender Wohlstandskinder zu fabulieren begann, würde Wallace aber kaum gerecht. Im Gegensatz zu Ellis' sprachlicher Eindimensionalität verfügt Wallace nicht nur über Sprachwitz, sondern auch über eine viel grössere Skala an Tonlagen. So ist hier auch nicht so sehr das sexualpathologische Skandalon zelebriert, sondern steht die unheimliche Biederkeit dieses Pyromanen im Zentrum. Das Kauderwelsch aus selbstgefälligem Snobismus und steifem Juristenjargon, in dem er von sich und seinen flammenden Begehrlichkeiten erzählt, klingt so, als sitze er in einem vornehmen Klub unter alt gewordenen Yale-Absolventen.
In der grotesken Suada kommt nicht nur die zwanghafte Eitelkeit des kleinen Wohlstandsungeheuers zum Vorschein, sondern allmählich auch das, was sie verdecken soll. Tatsächlich fühlt sich «Sick Puppy» wie er genannt wird trotz allen beruflichen Erfolgen eher als Versager. Sein Vater ist, in langer Familientradition, ein hochrangiger Offizier der US-Marines. Anders als sein Bruder ist Sick Puppy schon bei der Aufnahmeprüfung gescheitert. Doch was für ihn noch quälender sein dürfte: Es war der Vater, der ihn bei ersten Erkundungen seiner Sexualität mit der jüngeren Schwester überraschte und mit seinem Feuerzeug bestrafte. So steht hinter den sexuellen Attitüden dieses gebrannten Kindes, was viele amerikanische Obsessionen antreibt: seltsam schwelende Konflikte mit den Vätern.
Sprachlich am glänzendsten ist die Erzählung «John Billy». Marcus Ingendaays Übersetzung hat den Slang einiger Kleinstädter aus Minogue, Oklahoma, wunderbar getroffen, die in einer Kneipe sitzen und in einer von verwegenen Bildern und Wortspielen durchpulsten Sprache die Geschichte vom unerklärlichen Verschwinden ihres Kleinstadtheroen Chuck Nunn Junior erzählen, für sie das «Nunn plus ultra» ihrer Vorstellungen vom Leben und von seinen Mysterien. Einst ein Football-, Vietnam-Kriegs- und Frauenheld, hat Chuck Nunn durch Ölfunde auf dem Familienbesitz eine florierende Schafzucht aufgebaut, dabei aber auch die Missgunst von T. Rex Minogue geweckt, der vorher in der Stadt unangefochten die Nummer eins war.
Auch diese Erzählung lebt weniger von spektakulären Dynamit- oder Lastwagenattacken, mit denen der entbrennende Kleinkrieg ausgetragen wird. Den faszinierenden Blick in den Blutkreislauf dieses Kleinstadtorganismus öffnet vielmehr der ungeheuer plastische Sprachduktus vor allem von John Billy, einst Materialwart des Footballteams, der das Kneipengespräch auch noch «sensibillinisch» so eines von Wallaces Wortspielen wiedergibt, als der Süsskartoffelwhisky von T. Rex Minogue längst seine Wirkung entfaltet. Wohin der Held selbst, der nach einem fürchterlichen Autounfall bei dem Kleinkrieg neben physischen Läsionen auch tief reichende Persönlichkeitsveränderungen erlitt, spurlos verschwunden ist, bleibt offen; dass ihn aber die Beschwörungen seiner Bewunderer ohnehin am stärksten präsent halten, ist unverkennbar: Diese Erzählung zeichnet eben auch nach, wie solches Erzählen die Mythen einer Kleinstadt erzeugt.
Eine nicht unwesentliche Stoffschicht des literarischen Kosmos von Wallace enthalten die beiden Erzählungen aus der TV-Welt. Inmitten des «weissen Rauschens» aufgewachsen (als Kind soll Wallace in Werbespots aufgetreten sein), weicht er der oft als literarisch belanglos oder zu oberflächlich verworfenen Sphäre keineswegs aus, sondern kehrt den üblichen Abwehrgestus einfach um: Auch wenn die zweidimensionalen TV-Produkte belanglos sein mögen, müssen das nicht unbedingt die Geschichten sein, die sich hinter den Kameras abspielen. Wie die zurückzugewinnende dritte Dimension aussehen kann, beschreiben beide Erzählungen exemplarisch.
Masken mit Löchern
Die in die Late-Night-Show des unberechenbaren TV-Kobolds David Letterman eingeladene prominente Schauspielerin wird, während sie einen Tranquilizer nach dem anderen schluckt, von ihrem Mann geradezu gedrillt, sich keine Blössen zu geben. Doch damit wird das Verhältnis zwischen der Frau und ihrem Mann sofort zum heimlichen Thema, und Wallace hat die Spannungselemente des Auftritts vor Lettermans Hohem TV-Gericht geschickt genutzt, um durchzuspielen, wie selbst ausgefeilte Selbstinszenierungen gerade diejenigen Wirklichkeiten erst ans Licht bringen können, die man eigentlich zu maskieren suchte.
Auch in «Tiere sehen dich an» zieht die junge Frau, die eines Tages in der Quizshow «Jeopardy!» auftaucht und einige Jahre lang zur quotenträchtigen Quiz-Königin wird, wie an einer Nabelschnur eine desolate Familiengeschichte mit sich. Zwar trug diese nicht unwesentlich zu ihrem Aufstieg am Medienhimmel bei, lässt ihren Stern schliesslich aber auch wieder erlöschen. Die scheinbar perfekten Masken des Medienzeitalters haben ihre Löcher, und Wallaces darauf eingestellter Realismus soll wie er in einem Essay formuliert hat «aus den flachen Images des Fernsehens die verloren gegangene Wirklichkeit rekonstruieren». Diese bemerkenswerten Erzählungen beweisen, dass er solche Versprechen auch einlösen kann.
Uwe Pralle -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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In «Tiere sehen dich an» wird von einer Seriengewinnerin der amerikanischen Quiz-Show Jeopardy, erzählt. Diese Geschichte steht am Anfang des Buches, eine kleine Hürde, ich finde, sie ist die am wenigsten eingängige des ganzen Buches. Wallace arbeitet hier mit vielen kurzen Szenen, Zeitsprüngen und Ortswechseln. Sie ist trotzdem lesenswert.
«Kleines Mädchen mit komischen Haaren» ist sehr skurril. Der männliche Ich-Erzähler ist ein gut versorgter aber auch gequälter Sohn wohlhabender Eltern, der in seiner neuen Umgebung in eine Punkerclique geraten ist, die ihn zwar finanziell ausnutzt, aber auch so, verschroben wie er ist, akzeptiert. Erzählt wird in einer etwas geschwollenen Sprache die Geschichte eines Jazz-Konzertes-Besuchs. Aus dieser Geschichte entstammt auch das Zitat, das ich für die Überschrift der Rezension gewählt habe:
«Gropes Äußerungen gingen Gimlet zum Teil erheblich auf die Eier, sodass sie Mr. Wonderful bat, Grope ein Weh zu tun. Und so geschah es dann auch. Mr. Wonderful trat Grope voll in den Ranzen, er trug geeignetes Schuhwerk dazu (...). Grope wurde daraufhin schlagartig von extremen Schmerzzuständen erfasst und war gezwungen, sich auf dem Bordstein niederzulassen, mitten in der Schlange vor Keith Jarret, wobei er sich entsprechend den blessierten Ranzen hielt.»
Zu der dritten Geschichte, «John Billy» kann ich nicht viel sagen, ein männlicher Erzähler berichtet einem Kumpel von einem lokalen Helden, mit der Geschichte konnte ich nicht viel anfangen.
In «Mein Auftritt» erzählt eine weibliche Ich-Erzählerin von ihrem Besuch in der Letterman-Show, den Vorbereitungen, all den guten Ratschlägen. Ich weiss nicht, ob er Klischees bedient, mir scheint das schön beobachtet und gut beschrieben, nur war ich halt noch nie da, vielleicht ist es nur so beschrieben, wie ich mir vorstelle, dass es bei Letterman ist. Auf jeden Fall eine sehr schöne Geschichte, die mir viel Spaß gemacht hat.
«Lyndon» ist aus meiner Sicht das Highlight des Buches. Es geht um den Texanischen Senator, amerikanischen Vice-Präsidenten und Präsidenten Lyndon Baines Johnson. Erzählt wird die Zeit von den Vorwahlen bis fast zum Tode des Präsidenten, und zwar aus der Sicht eines Mitarbeiters, Hilfskraft in der Postabteilung am Anfang, Vertrauter am Ende. Die Geschichte würde genug hergeben, für ein ganzes Buch.
Insgesamt ist das Buch für mich eine absolute Bereicherung im Regal, sicher nicht das letzte, was ich von David Foster Wallace gelesen habe.
Nun, ich bin immer noch dankbar dass man mich auf D.F. Wallace verwiesen hat, denn er hat es mit "Kleines Mädchen mit komischen Haaren" wirklich geschafft, diese Ansichten in mir zu zertrümmern. Obwohl ich wirklich nicht vorbehaltlos an das Buch herangegangen bin.
Seine Sprache ist modern aber zweifellos von einer kraftvollen Brillanz. Und es war auch seine sprachliche Vielseitigkeit (die Geschichte John Billy erinnert gerade durch die Sprache ein wenig an die Zyklopen-Episode des Ulysses), die mich als erstes erkennen liess, dass ich hier was ganz besonderes vor mir liegen hatte. Dann die Themata seiner Stories: hier wird sowohl der Überpräsenz des Fernsehens in unseren Leben Tribut gezollt als auch Ungewöhnliches, was allein schon eine Leistung ist, denn selten wird wohl ein Schriftsteller in der Lage sein, über das Privatleben von Lyndon B. Johnson aus der Sicht eines schwulen Mitarbeiters zu berichten. Oder eine Geschichte über die lesbische Beziehung zwischen einer Jeopardy-Queen und einer Mitarbeiterin der Sendung. Die eines Yuppi-Anwalts, der mit völlig zugedröhnten Punks auf ein Keith Jarret-Konzert geht. Allein schon die Ideen!
Hat man jede einzelne Geschichte erst einmal fertiggelesen, ist es unmöglich, diese auf sich beruhen zu lassen. Überall schimmert ein Stück Surrealität durch die Zeilen und hindert den Leser daran, in die gleiche Oberflächlichkeit zu fallen, die schon viele von Wallace' Charakteren "auszeichnet". Man sieht hier den Einfluss des Werks Franz Kafkas auf Wallace. Am stärksten wird man bei der Story "John Billy" gewahr, dass hier nicht alles so abläuft, wie es normalerweise der Fall ist und man fühlt sich, um den Schlaf zu retten, gezwungen, zwischen den Zeilen zu lesen.
Und bei allem, bei jeder einzelnen Geschichte, sticht diese Sprache hervor, die ungewöhnliche, unkonventionelle, eigene Art von D.F. Wallace, die vorliegenden Dinge zu beschreiben! Ich kann es gar nicht erwarten, sein "Infinite Jest" zu lesen.
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