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Ärger und Spass mit zwei Nachschlagewerken
Die Sprache, wer wüsste es nicht, ist ein Fluss. Unentwegt nimmt sie neue Wörter auf, schiebt sie mit, schleift sie rund; andere, alte und neue, lässt sie zurück. Wer trifft die Auswahl? So viel ist sicher: Die Sprachpfleger sind es nicht. Sie stehen seit Menschengedenken händeringend am Ufer. Die Sprache, so scheint es, tut, was sie will. Die metaphorische Rede schreibt ihr deshalb wie anderen Flüssen auch eine Existenz als Individuum zu, eine immerhin, die sich in ihren Teilen beschreiben lässt.
Zwei Bücher versuchen dies von verschiedenen Seiten her. Das eine ist neu und widmet sich unlängst im Deutschen aufgetauchten Begriffen, das andere ist schon etwas älter und befasst sich mit Wörtern, die sich nicht durchgesetzt haben und im Lauf der Zeit wieder aus dem Sprachgebrauch verschwunden sind.
Um die «Szenesprachen» geht es dem Wörterbuch, das die Duden-Redaktion und die Unternehmensberatungsfirma Trendbüro gemeinsam herausgegeben haben. Es ist in sechs Hauptkapitel gegliedert; sie heissen «Kicks und Funsports», «Musik und Popkultur», «Mode, Models und Fashionzones», «Computerslang und Cyberspace», «Liebe, Sex und Partnerstress» sowie «Ausgehen, Abgehen, Abfeiern». Innerhalb der Kapitel sind die Einträge alphabetisch geordnet, ein Register erschliesst den Gesamttext. Die Auswahlkriterien für die Stichwörter sind heterogen und nicht recht nachzuvollziehen. Besonders im Bereich der Computersprache haben zahlreiche Fachtermini Aufnahme gefunden. Sie tragen selbstverständlich zur Anglisierung des Deutschen bei, was man bedauern mag oder nicht, aber konstituieren sie deshalb eine Szenesprache?
Was unter Server, Slash, Online, Update, Net, Byte oder Homepage zu verstehen ist, wird jedenfalls nicht von einer deutschsprachigen Szene definiert (im Gegensatz zu einem Wort wie Shit für Haschisch); wir haben es hier mit einfachen Fremdwörtern zu tun. Auch in den andern Kapiteln des Buchs muss man die eigentlichen Szenewörter im Wust der reinen Fachbegriffe suchen. Neben echten Neubildungen wie dissen (für ablehnen, verachten) oder zuföhnen (für in Grund und Boden reden) finden man Beat, Break, Loop, Rap, Freestyle, Halfpipe, Casting und Piercing.
Die Stichwörter werden nicht in der präzisen Sprache guter Wörterbücher erklärt, sondern in einem selbstgefälligen, forciert munteren Plauderton «anmoderiert». Der Eintrag zu Club etwa beginnt mit folgendem Satz: «Nicht der Verein für Taubenzüchter oder Kegelbrüder, nicht das exklusive Areal einer selbsternannten Elite, sondern eine regelmässig stattfindende Tanzveranstaltung ist mit Club gemeint.» So kann man zwar leicht die Spalten füllen, man sagt jedoch herzlich wenig. Mitunter gleichen die Einträge auch Pennäler-Witzen: «Dick (Synonym für Penis): Der Ausdruck für das männliche Geschlechtsteil kommt aus dem Amerikanischen und wird vor allem von der Schwulenszene in den Mund genommen.» Zu solchen Albernheiten passen die zahlreichen sachlichen Fehler. Zwei Beispiele: Dass man als Jamsession «jedes Zusammenspiel von Musikern, egal welcher Stilrichtung, das improvisiert oder geprobt sein kann», bezeichnet, ist natürlich Unsinn, und der Pork Pie Hat stammt keineswegs aus den Sixties; schliesslich war er schon das Markenzeichen Lester Youngs. Nur selten ergibt sich in dem durchweg ärgerlichen, mit so knalligen wie überflüssigen Illustrationen versehenen Flickwerk ein Lichtblick so, wenn unter dem Stichwort Warmduscher gegen 100 Synonyme von Beipackzettelleser bis Toastabkratzer eingerückt werden. Man kann sich indes des Eindrucks nicht erwehren, dass die Mitarbeiter des Trendbüros entweder unterschätzt haben oder überhaupt nicht wissen, was ein gutes Wörterbuch ist und zu leisten hat, und man fragt sich, wie die unbedarfte Kompilation zum Gütesiegel «Duden» gekommen ist.
Ablenkung und Trost findet man nach dieser unerspriesslichen Lektüre bei einem 1971 erstmals erschienenen und unlängst wieder nachgedruckten Werk, das die Tugenden klugen Sammelns, Ordnens und Deutens in sich vereint. Das «Kleine Lexikon untergegangener Wörter», das der ägyptische Germanist Nabil Osman, Leiter des Usrati-Instituts für Arabisch in München, ursprünglich als seine Dissertation vorgelegt hat, bleibt eine Fundgrube. Es beschreibt in einem konzisen theoretischen Teil das Phänomen des Wortuntergangs und analysiert die Gründe, die ihn herbeiführen. In seinem praktischen Teil beschränkt es sich jedoch nicht darauf, untergegangenen Wörtern den Totenschein auszustellen was allein schon eine List wäre, da man die Wörter ja mindestens vorübergehend zum Leben erweckt, indem man sie nennt , sondern gibt vielerlei Hinweise auf ihre Ursprünge und ihre einstmalige Verwendung.
Dass Abgötter nicht nur falsche Götter, sondern auch Götzendiener sein können, hilft einem, das Wort abgöttisch besser zu verstehen; dass es früher nicht nur, wie Wittgenstein wusste ( «Tractatus » 6.522), Unaussprechliches gab, sondern auch das Aussprechliche, mag einen ebenso beruhigen wie der Umstand, dass jemand oder etwas einst widerstehlich sein konnte. Dass man Herren in betresster Uniform als beblecht bezeichnete und rot gewandete Damen als bepurpert, mag einen so belustigen wie die Einsicht, dass man jemanden berupfte, wenn man ihn mit List des Seinigen beraubte. Herders Unterscheidung zwischen Empfindung und Empfindnis möchte man sich zurückwünschen, und gern lässt man sich erklären, dass nicht viel Federlesens macht, wer dem Höhergestellten nicht die Federchen vom Gewand liest, also kein Federleser, kein Schmeichler ist. Ohne Erläuterung versteht man, dass jemand fragselig sein kann oder ein Haberecht (und nicht einfach ein Rechthaber); und das Herz lacht, wenn man vernimmt, dass ein Seeräuber Meerschäumer heissen kann und ein Plagegeist Quarre.
Keinesfalls sollen hier die alten Wörter gegen die neuen ausgespielt werden. Auch die neuen sind voller Geheimnisse, und man soll ihnen mit jener Offenheit begegnen, die Adorno in seinem Essay «Wörter aus der Fremde» beschrieben hat. Wenn hier für die untergegangenen Begriffe eine Lanze gebrochen wird, so nicht nur, weil ein Gentleman laut Borges sich nur für eine verlorene Sache engagieren kann, sondern auch, weil Nabil Osmans Buch den Leser jenseits aller Trends und Trendbüros stets aufs Neue bezaubert.
Manfred Papst -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Leider aber beschränkt er sich auf Worte, die vor eben 200 Jahren untergingen oder damals als untergegangen gewürdigt wurden. Seitdem aber sind zahlreiche weitere Worte (baß, Oheim, Base, Falsch...) untergegangen, die in Osmans Buch nicht erwähnt werden. Schade eben, sonst aber sehr gut. Auch ich kannte höchstens zehn Prozent der verlorenen Worte...
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