Wolf Schneider hat gewiss seine Verdienste. Mit seinem Magazin 'connection' beweist er Monat für Monat, dass man als spiritueller Mensch sein Gehirn nicht am Eingang zu diversen Tempeln, Kirchen und Seminarräumen abgeben muss. 'Aufgeklärte Spiritualität' nennt Schneider das. Und irgendwo zwischen einer sinnentleerten, spirituell ausgehöhlten 'Normalo'-Welt und den Luftbuchungen der esoterischer Leicht- und Allesgläubigen hat er seinen Standort ' auf dünnem Eis und zwischen allen Stühlen.
Waren Kritik und Ironie gegenüber der eigenen 'Szene' schon vorher ein wesentlicher Teil der 'connection', so hat Schneider seinen Kurs jetzt noch einmal beträchtlich radikalisiert und holt mit dem 'Lexikon der esoterischen Irrtümer' zum Rundumschlag aus. Man staunt über den Mut, mit dem Wolf Schneider das geistige Fundament untergräbt, auf dem er mit seinem Magazin auch wirtschaftlich steht ' die wundersame Welt der Satsanglehrer, Systemaufstellungen und Tantra-Seminare. Man fragt sich besorgt, ob das gut geht und ob der geballte 'Beifall von der falschen Seite', den spirituell unbeleckte Medien wie Bunte und Stern dem Buch überraschend zollen, den Schaden wieder gut machen kann, den der Steinewerfer im esoterischen Glashaus angerichtet hat.
Wer die spirituelle Szene ein bisschen kennt, wird bei der Lektüre begierig von Stichwort zu Stichwort springen und dabei manches Mal herzhaft lachen müssen. 'Endlich sagt's mal einer!' Und zwar jemand, der erkennbar als Insider spricht und seine Pappenheimer kennt. Vergnüglich ist die kritische Ironie des Autors vor allem dann, wenn es um seichte esoterische Richtungen geht, die man als Leser sowieso noch nie gemocht hat (in meinem Fall z.B. das Positive Denken). Je umfassender und tiefgründiger eine religiöse Lehre ist, die hier von Schneider zum Stichwort verkürzt wird, desto mehr hat man jedoch das Gefühl, dass seine Analyse zu kurz greift (etwa bei den Themen Buddhismus, Christentum, ZEN).
Das Lexikon der esoterischen Irrtümer basiert auf einem Artikel in Schneiders Zeitschrift 'connection', der 'Die acht Irrtümer der Esoterik' betitelt war. Acht Irrtümer lässt man sich noch eingehen, auch 10 oder gar 20. Wenn aber 100 oder mehr Irrtümer aufgelistet werden, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor schon vorab mit dem festen Entschluss an die Arbeit gegangen ist, alles schlecht finden zu wollen. Dies gehört schließlich zum Konzept des Buches. Entsprechend kann man Einträge unterscheiden, die Schneider sorgfältig durchdacht hat und solche, die er nur der Vollständigkeit halber in das Buch aufgenommen hat und über die er eher flüchtig hinweg gleitet. Den Vorwurf, Schneider sei 'gegen alles' muss ich allerdings wieder relativieren. An vielen Stellen lässt er durchblicken, dass es neben den 'Irrtümern' auch authentische, wahrhaftige Ausprägung der betreffenden religiösen Richtung gibt.
Eine wesentliche Schwäche des Buches besteht darin, dass nur selten präzisiert wird, worauf sich die Kritik bezieht. Wer genau ist für den entsprechenden Irrtum verantwortlich? Und wo genau steht das? Manchmal erscheinen die Argumente etwas gewollt und wie Spiegelfechtereien. Oft hat man zwar tatsächlich das Gefühl, die angesprochenen esoterischen Klischees und Halbwahrheiten, den Szenejargon zu kennen. Trotzdem möchte man gern manchmal wissen, woher er das hat. Wolf Schneiders Buch ist eine amüsante, kluge und anregende Lektüre mit kleinen Schwächen. Es hätte allerdings mehr sein können, ein Meisterstück, ein Szene-Standardwerk, wenn es mit etwas mehr Sorgfalt erstellt worden wäre.
Kleines Lexikon esoterischer Irrtümer: Von Astrologie bis Zen