Bastiat als Protagonist des Freihandels
Ehrenrettung eines verfemten «Manchesterkapitalisten»
Mit der gesamten sogenannten Manchesterlehre sind auch ihre wichtigsten Repräsentanten wie der Franzose Frédéric Bastiat (18011850), dieser glänzendste Publizist des Freihandels, seit über einem Jahrhundert in einem Ausmass diskreditiert, das einigermassen verblüffend ist und nicht mehr lange Bestand haben dürfte. Denn die wegwerfende Behandlung dieser Lehre und ihrer Vertreter ruht auf recht schwachen Fundamenten: es ist die links- bzw. rechtssozialistische Agitation der Marx, Lassalle oder Gustav Schmoller («Kathedersozialismus» heisst es in seinem Fall), deren Voreingenommenheit gegen die Freihändler bis heute sogar in den offiziellen Schulbüchern nachwirkt. Nachdem nun ihr sozialistisches Gegenmodell in so gründlicher Weise «falsifiziert» worden ist unter Menschenopfern, gegen welche die angeblichen Entbehrungen des Manchesterkapitalismus gar nicht in Betracht kommen , sollten auch diese traditionellen Wert- oder Unwerturteile einmal überprüft werden. Diese «Falsifizierung» betrifft ja nicht nur den östlichen Sozialismus, der sich nach 1989 ausser in Nordkorea und Kuba einfach auflöste, sondern ebenso seine reformerische Variante: den Wohlfahrtsstaat der westlichen Welt. Letzterer leidet heute überall unter selbsterzeugten Problemen, seine Überlebensfähigkeit ist im Zuge des internationalen Standortwettbewerbs in Frage gestellt, seine Basis vor allem in angelsächsischen Ländern erschüttert. Mit der längst fälligen geistesgeschichtlichen «Umwertung der Werte» in bezug auf die Freihandelsschule hat Detmar Doering in seinem lesenswerten Essay über Bastiat jetzt begonnen.
Einfluss auf den Neoliberalismus
Was die meisten Leser überraschen wird, ist die von Doering einleitend erwähnte Tatsache, dass die sogenannte Manchesterbewegung in England zunächst und vor allem ein Kampf gegen Getreidezölle («Corn-law») war. Es gelang den Führern des englischen Freihandels, Cobden und Bright, gegen den Agrar-Protektionismus der englischen Oberschicht eine Massenbewegung mit tiefer Verwurzelung in der Arbeiterklasse in Gang zu setzen. Diese Bewegung erreichte auch tatsächlich, dass die Kornzölle 1846 abgeschafft wurden und somit der Freihandel für einige Jahrzehnte triumphieren konnte. Fortan wurde dem englischen Volk nicht mehr im Interesse einer Gruppe von feudalen Produzenten das Brot verteuert. Der Schwung dieser Bewegung und ihrer Doktrin hat Bastiat tief beeinflusst. Er wurde als unabhängiger Privatgelehrter, Publizist und Vortragsredner zum «grössten Evangelisten des freien Handels in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften». Bastiat feierte die Weisheit der spontanen Ordnung in beinahe hymnischer Art, wobei er sich des vielleicht nicht ganz glücklichen Ausdrucks der «natürlichen Harmonie aller berechtigten (!) Interessen» bediente. Darüber machten sich später naive Etatisten lustig, die mehr an die Wirkung politischer Macht als an die Regeln der Katallaxie glaubten. Indessen haben sie inzwischen ihr Fiasko erlebt. Von den grossen Neoliberalen haben insbesondere Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek oder Wilhelm Röpke von Bastiat profitiert und erwähnen ihn gelegentlich anerkennend in ihren Werken.
Trugschlüsse des Protektionismus
Doerings Büchlein zeigt auf, wie glänzend dieser Schriftsteller es verstand, die Trugschlüsse des Protektionismus und staatlicher Intervention aufzudecken. Ja Bastiat ist auch einer der ersten Kritiker der zentralen Planwirtschaft und des Wohlfahrtsstaates, den er die «grosse Fiktion» nannte, «in der jedermann auf Kosten von jedermann zu leben versucht». Doering erwähnt beispielhaft Bastiats Bild von der Petition jener Pariser Kerzenmacher, die eine Verdunkelung der Zimmer gegen das Sonnenlicht forderten, um so die Kerzenproduktion anzukurbeln. Es würde dann auch mehr und billigeres Fleisch produziert, da wegen des Talges mehr Vieh geschlachtet werden müsste: so profitiere schliesslich das ganze Land von diesem Eingriff. Oder auch seine Kritik an dem auch heute noch stark verbreiteten Glauben, dass Zerstörungen, z. B. der Einwurf einer Fensterscheibe (oder die Zerstörung einer Industrie im Luftkrieg), vorteilhaft für die betroffene Wirtschaft sei, weil dadurch die Nachfrage angeregt würde. In Wirklichkeit kann ja der Besitzer der Scheibe das Geld nicht mehr für andere Zwecke ausgeben, so dass die Gesellschaft dadurch insgesamt ärmer wird. Dasselbe gilt für zerstörte Industrien. Die Vernichtung der deutschen Industrie im Zweiten Weltkrieg war kein Standortvorteil für die folgende Soziale Marktwirtschaft in Deutschland. Doerings Büchlein ist vielleicht der Auftakt zu einer gründlichen Revision des Geschichtsurteils über die Freihandelslehre. Schliesslich war ja sie es, welche die Grundlagen zum heutigen Massenwohlstand legte und es ist der Staat, der diesen auch heute wieder bedroht. Doerings Büchlein ist eine glänzende Einführung in das Werk Bastiats, den zu lesen auch als Einführung in die Wirtschaftswissenschaft von bis heute unverändertem Reiz ist.
Gerd Habermann
Dr. Detmar Doering, geboren 1957, ist Leiter des Liberalen Instituts der Friedrich- Naumann-Stiftung in Potsdam. Studium der Fächer Philosophie und Geschichte (Dr. phil. 1990) in Köln und am University College London. Er ist Mitglied der Mont Pèlerin Society seit 1996. Wohnhaft in Berlin, verheiratet, eine Tochter. Zahlreiche Buchpublikationen und Monographien. Darüber hinaus zahlreiche Artikel und Beiträge in Tageszeitungen und Fachjournalen.