Weil ich gelegentlich als Dozent für Kreatives Schreiben tätig bin, hat sich bei mir eine kleine Sammlung von ca. 30 Büchern zum Thema angesammelt. Und unter diesen ist Steering the Craft" (jetzt neu auf deutsch erschienen als Kleiner Autoren-Workshop") einer meiner Favoriten. Warum?
Das Buch selbst hat 206 Seiten und folgende Teilthemen: Der Klang der Sprache / Zeichensetzung / Satzlänge und die komplexe Syntax / Wiederholung / Adjektiv und Adverb / Subjekt, Pronomen und Verb / Perspektive und Stimme / Perspektivenwechsel / Indirekte Erzählung oder Vielsagendes / Verdichten und Springen / Die Schreibgruppe / Die Verbformen / Glossar.
Das lässt sofort erkennen, dass LeGuin hier weniger den dramaturgischen ,Überbau' von Texten (z.B. Spannungskurven oder die Gestaltung umfangreicher Plots) behandeln möchte, sondern den Blick auf das Kleine und Eigentliche lenkt: auf das Wort und den Satz, kurz: auf das Sprachmaterial selbst, aus dem jede Literatur besteht. Ich persönlich finde das sehr gut und wichtig, und wem LeGuins Diktum, die wichtigste Aufgabe eines Satzes bestehe darin, zum nächsten Satz zu führen, wie eine Binsenweisheit erscheint, der sollte sich fragen, warum es so viele AutorInnen gibt, deren thematisch hochambitionierte Bücher schlicht unlesbar sind, weil keinerlei Augenmerk auf Sprachmelodie, Erzählfluß und die sinnliche Ebene der Sprache gelegt wurde.
LeGuins Übungen führen zurück auf die wesentlichen Werkzeuge des Erzählens und die subtilen Wirkungen des Stils: wann sind lange und wann sind kurze Sätze sinnvoll, welche Wirkungen haben Wiederholungen, wie wirkt sich der Klang der Sprache auf die Wahrnehmung des Erzählten aus. In gut erklärten Übungen, die man allein oder in einer Schreibgruppe und in der vorgestellten Abfolge oder aber nach Lust und Laune durchgehen kann, sensibilisiert LeGuin den Übenden für die schlichte Magie des Erzählens. Es gibt sicherlich andere Bücher, aus denen man mehr über die großen" Themen lernt - wie ein Roman aufzubauen ist oder wie man eigene Texte gut überarbeitet. Das ist hier schlicht nicht Thema. Die große alte Dame der u.s.-amerikanischen Literatur (hierzulande vor allem durch ihre zu Genreklassikern gereiften phantastischen Romane bekannt: Erdsee", Die linke Hand der Dunkelheit", Die Enteigneten" u.v.m.) führt ans Eingemachte heran, und wenn andere Bücher zu Creative Writing Gourmetkochbüchern gleichen, dann ist dies hier eher eine sehr praxisorientierte Warenkunde.
Dem Buch sind diverse Beispiele aus der Weltliteratur beigegeben, und das einzig Schade an der deutschen Übertragung ist der Umstand, dass bei der Übersetzung der Beispiele nicht immer das zu Verdeutlichende auch so deutlich hinübergerettet wurde - die beherzte Ersetzung durch ein geeigneteres, von vornherein deutschsprachiges Exempel hätte teilweise der Sache gutgetan, z.B. wenn es um Aspekte des Klangs erzählender Prosa geht.
Ich danke LeGuin für diese mehr als sinnvolle Ergänzung zur Literatur über das weite Themenfeld des Schreibens. Denn Bücher, die Romanautoren heranzüchten wollen, ohne überhaupt je ein Gefühl für Sprache zu wecken, gibt es schon zuviele. Und entsprechende Romane leider auch.