Eigentlich wollte ich ja nur mal ein leichtes Buch für Zwischendurch lesen. Weit daneben gegriffen! Dieses Buch entwickelt einen Sog und eine Spannung, dass man es nicht mehr aus der Hand legen mag. Und trotzdem blieb am Ende eine etwas schales Gefühl zurück, von dem ich nicht weiß, liegt es an der beinahe unerträglich spannenden Geschichte, die wohl niemanden unberührt lässt, oder liegt es daran, dass ich mir beim Lesen wie eine Voyeuristin eines schrecklichen Geschehens vorkam.
Die zwölfjährige Lilly sitzt in der Polizeiwache und wird befragt, nachdem ihre Eltern Carl und Ela festgenommen wurden. Sie schweigt, lässt aber gedanklich die schrecklichen Ereignisse, die sich in der Familie wie eine nicht abzubremsende Achterbahnfahrt ereigneten, Revue passieren. Dabei begann alles so harmonisch. Ela, Carl und Lilly dar "Urbild" einer Bilderbuchfamilie. Lilly vergöttert ihre beiden Eltern, die sich nur Ela und Carl nennen darf, und fühlt sich geborgen. Den ersten Einbruch in diese Idylle gibt es, als Lilly infolge eines Selbstmordversuchs von Ela, die sich nicht damit abfinden kann, dass sie kein zweites Kind mehr bekommen kann, mehrere Monate während des Krankenhausaufenthaltes der Mutter bei der strengen, aber gerechten Großtante Bella verbringen muss. Sie ahnt, dass sich etwas Schlimmes ereignet hat, die Wahrheit wird ihr aber bewusst vorenthalten. Fröhlich und voller Tatendrang kommt Ela wieder zurück nachhause, von dem Wunsch besessen jetzt und sofort eine Pflegetochter zu bekommen, damit die Familie "komplett" ist und überhört sämtliche Vorbehalte der Familie. Schnell ist eine "geeignete" Pflegetochter gefunden, die als erstes direkt umbenannt wird, und fortan Lotta heißt. Dieses Mädchen entwickelt sich nun aber nicht so, wie Ela das erwartet hat. Sie macht in die Windeln, bevorzugt nur Breinahrung und spricht wenig, ein entwicklungsverzögertes Kind, das Förderung und viel Liebe benötigt um den Rückstand wieder aufzuholen. Ela, die sich zunächst Mühe gibt, das Kind zu integrieren, resigniert bald, fühlt sich überfordert und ist zutiefst enttäuscht von dem nicht ihren Erwartungen entsprechenden Kind. Hinzu kommt ein Umzug und eheliche- und finanzielle Probleme. Carl, der eine Umschulung macht und ansonsten nur an seinem Motorrad rumbastelt, der Ela aber gleichzeitig ergeben ist, und ihr keinen Wunsch abschlagen kann, ist letztlich auch nur an sich selbst interessiert. Ela kapselt sich in dem neuen Haus ein und geht jedem Kontakt, sowohl zur Familie als auch in der Nachbarschaft aus dem Weg. Sie verliert bald ihre Stelle als Kindergärtnerin und spricht mehr und mehr dem Alkohol zu und gleitet ab. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf......
Mehr soll hier nicht vom Inhalt verraten werden. Bei all dem stellt sich mir immer wieder die Frage: Warum?
Warum blicken alle weg, die Familie, das Jugendamt, die Nachbarn, die Lehrer, obwohl Lilly, die Einzige, die sich noch um die "kleine Schwester" kümmert, in ihrer Angst umd Sorge doch deutliche Signale gibt, aber aber aus Loyalität gegenüber ihren geliebten Eltern nicht wagt deutlicher zu werden? Erst im letzten Moment versucht sie die Tragödie abzuwenden.
Warum mussste es erst so weit kommen, bevor eingegriffen wurde?
Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten d.h. aus einer Prozessgeschichte, die im Spiegel veröffentlicht wurde und macht somit das Lesen dieser Familientragödie noch unerträglicher.
Das Buch ist in einer kindlich-schlichten Sprache geschrieben, der Sprache Lillys: "Ich glaub, dass jedem Menschen auf der Welt alles passieren kann, daß er ganz schreckliche Dinge tut, die er eigentlich garnicht tun will." Wir sind nur irgendwie ins Unglück geraten, alle zusammen. Wir haben nie etwas Böses gewollt, wir wollten nur eine glückliche Familie sein, sonst nichts."