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Ein brillantes Romandébut des Österreichers Arno Geiger
Von Franz Haas
Der Mensch lebt nicht vom Spiel allein, aber er lebt gut damit. In der Literatur ist allerdings bei der Gattung homo ludens Vorsicht geboten, denn gar so flink huschen Sprachspielereien heute aus dem Laserdrucker. Wer einen ordentlich gezimmerten Text will, wird lieber beim guten homo faber schreiben lassen, Geschichten mit Inhalt, mit Hand und Fuss und Einfalt. Denn allzu selten ist der Glücksfall, dass ein Autor beides meistert, den Ernst des Handwerks und den funkelnden Spass. Arno Geiger (geboren 1968 in Bregenz) ist so ein Ernstfall. Sein erster Roman, «Kleine Schule des Karussellfahrens», ist ein grosses Kompendium von sprachlichen Kunststücken, die aber nicht nur künsteln und sich selbst gefallen, sondern pausenlos eine Erzählung vorantreiben, eine skurrile Fabel und zugleich eine atemberaubend gewöhnliche Geschichte: über die brünstige Schale und das verkaterte Herz eines jungen Mannes im flauen Sommer 1989.
Rare Spezies
Allein die wimmelnde Anzahl von Einfällen, die Arno Geiger (ein gesegneter, aber nicht praktizierender Literaturwissenschafter) in diesem Buch aufbietet, müsste Respekt gebieten. Die Qualität aber, die Art wie er seine syntaktischen und semantischen Haken schlägt, sich gefährlich verrennt in Überdrehungen, und doch immer wieder in den prosaischen Stall zurückfindet, weist ihn einer ganz raren Spezies zu, den Erzählkünstlern. Er hat so manche Quelle der Weltliteratur angezapft, hat daraus gelernt, aber ohne zu kopieren, ohne postmoderne Langfingerei: gewiss vom jungen Gadda, bevor er sich als Buchhalter des Universums verstand; vielleicht vom alten Nabokov, nachdem er immer kindischer, amerikanischer und genialer wurde.
Die einfachen Gemüter unter den Kritikern werden vor Geigers Roman die Keule «Manierismus» schwingen. Die Witzlosen unter den moralisch Korrekten werden die Ernsthaftigkeit vermissen. Manierismus, mag sein, aber auf welch gekonnte Manier! Kindsköpfigkeit auch, aber als höherer Nonsens, aus dem, wer lesen will, eine belehrende Strenge hören kann. Dieses Buch könnte sich sogar halbwegs gut verkaufen, denn Kunst und Erfolg schliessen einander nur zu 99 Prozent aus; es hat das Zeug, das Hundertstel zu nutzen. Der Vergleich mit heutigen Erfolgsautoren aus Vorarlberg liegt nur geographisch nahe. Sie haben mit Geiger so wenig gemeinsam wie der junge Held aus der «Kleinen Schule des Karussellfahrens» mit seinem Idol Napoleon.
Der Schelm heisst Philipp Worovsky, er ist 23 und wohnt bei der Mama, in einer Stadt, die überall sein könnte, wären nicht alle Strassen seltsam nach Entdeckern benannt. Er liebt Revolutionen und schöne Frauen; das heisst, letztere würde er gerne lieben, hat aber kaum welche. Der Sommer 1989 ist für ihn eine gleichförmige Folge von Hundstagen, von Festen und Katzenjammer, eine aufwendige und meist vergebliche Pirsch hinter Miniröcken her. Die samtenen Revolutionen in halb Europa gehen an ihm vorbei, die Revolte in Peking kriegt er aus Zeitungsfetzen mit. Das Ereignis des Jahres ist für ihn die zweihundertste Wiederkehr der einzig wahren, der Französischen Revolution. Er fühlt sich oft mit den Comtes verbunden, denen auf dem Schafott kein sagenswertes Bonmot eingefallen ist. Er himmelt Napoleon an, hat aber selbst mehr Ähnlichkeit mit dem Versager Ludwig XVI., «der Pinsel, der Narr», der am 14. Juli 1789 in sein Tagebuch ein einsames «rien» schrieb. Der «dicke Luis» kehrt in diesem Roman immer wieder, wie auf dem Karussell «dann und wann ein weisser Elefant». Auch Philipp Worowsky trägt so ein Nichts in seinem ungewappneten Herzen. Er taugt zu nichts, nicht einmal zur Schürzenjägerei, die er doch nur betreibt, weil er gerne unter die schützende Haube einer Liebe käme.
Quasselndes Selbstgespräch
Das ganze Buch liest sich wie ein quasselndes Selbstgespräch, innerer Monolog hiess das einst nobler, ein Purzeln von Ereignissen und Tagträumen, ein ständiges Sprudeln von Wünschen und Lügen. Das Aussergewöhnliche dabei ist der Eigenwille, mit dem der Autor die fingierte Selbstanrede durchhält, ohne dass das grammatikalische Blech zu scheppern beginnt. Nur ganz selten, wie aus Versehen, wechselt die Rede unmerklich in die 1. oder 3. Person. Es scheint aber nur, dass der schelmische Held mit sich selbst redet, denn so viel Ausdrucksvermögen hätte der tumbe Philipp nicht. Natürlich ist es der Autor, der ihm den Schnabel führt, ihn dadurch fürsorglich entblösst, ihm durch die Sprachblume so manche «Gardinenpredigt hält, die sich gewaschen hat». Soviel für die Moralisten. Für die Lusttäter unter den Lesern bleibt immer noch der Grossteil des Textes, die poetischen Purzelbäume und die lebenslustigen Sprünge dieses Zappelphilipps: «Sprünge willst du machen, die im Porzellan verbleiben.»
Es beginnt mit dem «Regen von Waterloo», als Philipp grübelnd aus dem Kino kommt, aus «Dantons Tod», und über Pfützen hinweg in eine Kneipe traben will. Da begegnet er der ersten Minirockträgerin dieses Romans. Sie heisst Lila und bittet ihn, eine Fensterscheibe in ihrem Abbruchhaus einzuschlagen, was er ritterlich tut. Sie nimmt ihn dafür mit in ihr knallgelbes Bett, aber vorher wird noch Musik gehört und getrunken, so ausgiebig, dass der arme Junge an Flucht denkt, dann «schummelst du dich zu deiner Jacke . . . suchst nach der Feile im Kuchen». Doch da steht die «wunderbare Sansculotte» schon vor ihm. «Im Kino, wenn jetzt ein Schnitt kommt, wissen die Leute, dass es passiert ist.» Was passiert ist, wissen nur die beiden. Jedenfalls liegt Philipp am Morgen verkatert in seinem Teenie-Zimmer und giftet sich darüber, «dass Lilas Karussell vergangene Nacht keine Fahrt gewann». Dieses Waterloo hält ihn nicht ab, weitere Eroberungen auszuhecken, wie Hechtsprünge in schillernde Regenpfützen.
Zunächst hält Philipp sich wieder mehr an «die schöne Magd, die Phantasie», weil die Wirklichkeit gar so lahm ist. Vor den Freunden lügt er sich in Abenteuer, und diese Lügen haben schöne lange Beine. Auf einem Stadtbummel läuft er an einer Fleischerei vorbei, «in deren Schaufenster mit weisser Farbe aufgepinselt eine offene Stelle angeboten wird». Und zu Hause pinselt er in sein strassenseitiges Fenster «Suche Hauptdarstellerin für meinen Film». Aber das Karussell will nicht so recht in Fahrt kommen; deshalb verfasst Philipp «ein Beschwerdeheft an den grossen Uhrmacher der Welt». Da klagt der Tunichtgut auf seine forsche Weise über das Problem seiner Klasse und Generation: das Fehlen von handfesten Problemen, die Leere und die Langeweile, die Zwangsarbeit des Zeitvertreibs. Arno Geigers Roman weist keinen Weg aus Stahlkrise und Rentenproblem. Er zeigt nur in höchst vergnüglicher Form das Schlechte an den guten Zeiten, das Unbehagen an der Behaglichkeit und dass auf der Welt nicht nur Filmstars herumlaufen, sondern auch arbeitslose Metzgerburschen.
Der heiligste Feiertag
Der heiligste Feiertag ist für Philipp Worovsky der 14. Juli, doch just für dieses Datum hat ihm die Mama einen Termin beim Zahnarzt fixiert. Von Angst geknickt, blättert er im Warteraum in Modezeitschriften, verliebt sich in eine Hochglanzfrau, nennt sie Lolly und türmt mit ihr. Er steckt das tolle Mädchen in seine Jeanstasche und hält fortan zärtliche Reden an sie (Pygmalions Kreatur und andere künstliche Frauen winken aus der Literaturgeschichte). Er nimmt sie auch mit zur Revolutionsfete, zusammen mit zwei Flaschen Blaufränkischem; damit stösst er an auf das blaue Blut des französischen Königs. Danach ist er reif für seine private Revolte: Aus Mutters Wohnung flüchtet er und will partout bei der schnippischen Lu unterkommen. Immer mehr gleicht er dem unglücklichen König auf der Flucht. «Niemand erkennt dich in Saint-Menehould», nicht einmal das Mädchen Lu, schon gar nicht im biblischen Sinn, auch nicht nach einem Verführungsversuch, dessen brunftig keusche Beschreibung sich sehen lassen kann neben allen begnadeten literarischen Vorbildern.
Mit der spröden Lu, die knielange Röcke trägt und deren Körper relativ «unglücklich zusammengefügt ist», wird Philipp lange nach dem Ende des Romans vermutlich ein paar süsse Kinder zeugen. Aber vorerst will er noch ein wenig Karussellfahren. Einmal gelingt ihm sogar eine ganze Runde, mit einem Mädchen, das er Napoleon nennt, «diese hübsche Niedertracht». Auf dem Dach eines Hochhauses, «hundert Meter über dem Dreck, und eine Handbreit unter einem blitzeblanken Himmel», da sieht er endlich «die Sonne von Austerlitz» und Sterne in seiner sexhungrigen Birne: «Du hast fast keinen Durchblick mehr, entzifferst aber doch die versammelten Flüche der Welt auf dem leintuchpastellen Himmel». Die Flüche der Welt des Philipp Worowsky fliegen weiter durchs Universum. Arno Geiger sammelt sie auf und legt sie virtuos spielend zurecht, zur Erinnerung an das ferne Jahr 89, an eine Generation von armen Schluckern mit Bankomatkarte, und an den Himmel, der immer wieder einstürzt «mit allen seinen Geigen». -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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