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Kleine Philosophie der Passionen, Spielen [Taschenbuch]

Michael Knopf


Erhältlich bei diesen Anbietern.



Kurzbeschreibung

1999
Nicht nur Kinder spielen, aber wer spielt, ist ein Kind, also frei - deshalb spielt Michael Knopf und erzählt, was dabei alles passiert. Mit dem angemessenen Unernst berichtet er von Glück, Pech, Leid, Neid und Schadenfreude, schildert den Reiz des Auspackens neuer Schachteln und das Staunen angesichts merkwürdiger Wesenszüge bei sich und anderen. Er behauptet nicht, daß das Dabeisein alles sei, sondern beschreibt den Spieler als den Menschen, der gewinnen will und nach Niederlagen notfalls auch mit Würfeln werfen darf. Am Spieltisch gelten andere Gesetze als im richtigen Leben, meint der Autor und kommt zu dem Ergebnis, daß das Leben am Spieltisch deshalb schöner ist.

members.aol.com/miknopf/

Michael Knopf ist Spielekritiker der ›Süddeutschen Zeitung‹ und Mitglied der Jury ›Spiel des Jahres‹. Im Web hat er seine ganz persönliche Spielwiese eingerichtet.


Produktinformation


Produktbeschreibungen

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Sechs ist der Anfang aller DingeDie gängige Ansicht, Spielen sei eine lustige, höchst unterhaltsame, entspannende, ungeahnte Freuden bringende Beschäftigung, ist ungefähr so richtig wie die Annahme, ein kleiner Angestellter verlasse das Büro seines Chefs grundsätzlich mit dem guten Gefühl, es dem Alten mal wieder so richtig gegeben zu haben.Vielmehr genügt mitunter ein Spiel, um die folgenden Stunden auch sommers in Novembernebel zu tauchen und die Liebe zu den Menschen gefährlich zu minimieren.Ich zum Beispiel habe gerade eine Partie »Caesar & Cleopatra« hinter mir, ein schönes Kartenspiel eigentlich, bei dem es Siegpunkte zu sammeln gilt; üblicherweise endet es mit einem Ergebnis von sechzehn zu vierzehn oder schlimmstenfalls siebzehn zu dreizehn - diesmal ist es aber zweiundzwanzig zu zehn ausgegangen, dummerweise zu meinen Ungunsten.Mein Zustand jetzt? Nun ja, mein Zustand. Er entspricht dem der Spieler des ruhmreichen FC Bayern München, wenn sie nach einer Zehn-zu-null-Niederlage gegen Borussia Dortmund hängenden Kopfes aus dem Olympiastadion schleichen und sich sehnlichst wünschen, ohne Ohren geboren zu sein, damit sie die Pfiffe der Siebzigtausend nicht hören müßten. Ich bin es aber, was da pfeift, siebzigtausendmal bin ich es, kann mich vorübergehend nicht ausstehen und weiß nicht, warum, kann aber vor allem die Siegerin nicht ausstehen und weiß, warum: weil sie lacht.Weil ich gratulieren soll und es unserem Ritual folgend auch tue, ein wenig halbherzig vermutlich mit dem Händedruck eines verhuschten Weichlings, aber ich lange hin, sage »Glückwunsch« und denke »Dumme Nuß«.Das Verlangen, die Schmach umgehend in einer neuen Partie aufzuheben, streitet mit dem Wunsch, dieses Spiel nie wieder auf dem Tisch zu sehen. Und wenn ich nur wüßte, warum ich derart eingegangen bin!War's Unvermögen?Kann nicht sein.Unglück?Habe ich nicht verdient.Eine Kombination aus beidem?Macht's nicht besser.Gefährtin, laß mir meine Ruhe für ein Stündchen oder zwei, bis die Pfiffe nachlassen und ich wieder weiß, daß ich beim näcste Mal ganz bestimmt gewinnen werde.

Auszug aus Kleine Philosophie der Passionen, Spielen von Michael Knopf. Copyright © 1999. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Sechs ist der Anfang aller DingeDie gängige Ansicht, Spielen sei eine lustige, höchst unterhaltsame, entspannende, ungeahnte Freuden bringende Beschäftigung, ist ungefähr so richtig wie die Annahme, ein kleiner Angestellter verlasse das Büro seines Chefs grundsätzlich mit dem guten Gefühl, es dem Alten mal wieder so richtig gegeben zu haben.Vielmehr genügt mitunter ein Spiel, um die folgenden Stunden auch sommers in Novembernebel zu tauchen und die Liebe zu den Menschen gefährlich zu minimieren.Ich zum Beispiel habe gerade eine Partie »Caesar & Cleopatra« hinter mir, ein schönes Kartenspiel eigentlich, bei dem es Siegpunkte zu sammeln gilt; üblicherweise endet es mit einem Ergebnis von sechzehn zu vierzehn oder schlimmstenfalls siebzehn zu dreizehn - diesmal ist es aber zweiundzwanzig zu zehn ausgegangen, dummerweise zu meinen Ungunsten.Mein Zustand jetzt? Nun ja, mein Zustand. Er entspricht dem der Spieler des ruhmreichen FC Bayern München, wenn sie nach einer Zehn-zu-null-Niederlage gegen Borussia Dortmund hängenden Kopfes aus dem Olympiastadion schleichen und sich sehnlichst wünschen, ohne Ohren geboren zu sein, damit sie die Pfiffe der Siebzigtausend nicht hören müßten. Ich bin es aber, was da pfeift, siebzigtausendmal bin ich es, kann mich vorübergehend nicht ausstehen und weiß nicht, warum, kann aber vor allem die Siegerin nicht ausstehen und weiß, warum: weil sie lacht.Weil ich gratulieren soll und es unserem Ritual folgend auch tue, ein wenig halbherzig vermutlich mit dem Händedruck eines verhuschten Weichlings, aber ich lange hin, sage »Glückwunsch« und denke »Dumme Nuß«.Das Verlangen, die Schmach umgehend in einer neuen Partie aufzuheben, streitet mit dem Wunsch, dieses Spiel nie wieder auf dem Tisch zu sehen. Und wenn ich nur wüßte, warum ich derart eingegangen bin!War's Unvermögen?Kann nicht sein.Unglück?Habe ich nicht verdient.Eine Kombination aus beidem?Macht's nicht besser.Gefährtin, laß mir meine Ruhe für ein Stündchen oder zwei, bis die Pfiffe nachlassen und ich wieder weiß, daß ich beim näcste Mal ganz bestimmt gewinnen werde.

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