Oft wurde ja Charles Schumanns
American Bar als "Bibel" unter den Mixbüchern bezeichnet - wenn das so ist, dann haben wir hier (um beim Bild zu bleiben) eine Art Katechismus vor uns.
Auf gut 90 geschmackvoll, aber schlicht bebilderten Seiten werden insgesamt 20 "klassiche" Cocktails sowie zu jedem zwei moderne Varianten vorgestellt. Darüber hinaus gibt es eingangs knappe - sehr knappe! - Infos über Barutensilien, Gläser und das richtige Shaken. Eine Warenkunde fehlt völlig (dafür aber zum Glück auch das sonst so häufige "Product Placement" in den Rezepten!). Wer also eine wirkliche "Mixschule" benötigt, ist mit Büchern von
Brandl (für Einsteiger), Schumann (s.o.) oder
Voigt (für angehende Berufsbarkeeper) - in diesem Punkt besser beraten und findet dort auch eine große Rezeptauswahl.
Ohnehin kann man Rezepte für die 20 "Klassiker" (und hunderte mehr) in fast jedem x-beliebigen Mixbuch nachlesen. Der Vorteil dieses Buches liegt aber gerade in seiner Beschränkung und der Perfektion. Seit Roths umfangreichen, aber längst vergriffenem
Jahrhundertmixbuch wüsste ich keine Sammlung, die versucht hätte, die Originalrezepte so genau wiederzugeben. Nun kann man darüber streiten, ob ein Mischungsverhältnis von 7:1 (Gin/Wodka:Vermouth) beim Martini wirklich optimal ist und ob er tatsächlich, wie angegeben, ohne Orange Bitters auskommen muss, aber: genau diesen Drink wird man mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit in einer Top-Bar in New York oder anderswo erhalten, wenn man einen Martini verlangt. Die Erwähnung, wie sich Canadian Whisky in den Manhattan "schmuggelte" (anstelle des traditionellen Rye oder Bourbon Whiskey) zeugt dabei ebenso von guter Recherche wie das Originalrezept des Singapore bzw. Straits Sling. Dabei gibt es zu jedem Drink nicht mehr Text als nötig, zur Geschichte vielleicht zwei Sätze - so eignet sich das Buch auch als "klassiche" Barkarte für zu Hause (übrigens, auch moderne Klassiker wie der Cosmopolitan sind dabei!).
Der Clou sind aber die je 2 modernen Varianten pro "Klassiker". Sehr gute Rezepte, wie ich finde - kein Wunder, denn die Autoren sind gestandene Barkeeper und Herausgeber bzw. Autoren der wohl führenden Fachzeitschrift der Barszene.
Die meisten Drinks kommen mit einer, höchstens zwei Spirituosen aus - "drink less, but better"! Dafür werden viel frisches Obst, Gewürze und weitere Zutaten aus der Küche verwendet - "cuisine style" ist im Trend. Wer wirklich alle 60 Drinks des Buches nachmixen möchte, braucht etwa 25 Spirituosen und Liköre (ohne spezielle Rum-Sorten sind es ca. 20, Säfte und Sirups nicht mitgezählt). Die meisten dieser Flaschen sind aber eh Basics, die man beim Mixen immer wieder braucht. Die vielen frischen Zutaten erfordern allerdings Zeit für Einkauf und Zubereitung. Der Vorteil für Einsteiger: man bekommt exotisches Obst oder Gewürze in jedem größeren Supermarkt, viele Bar-Sirups und seltene Liköre aus so vielen anderen Cocktailbüchern sind dagegen für den Nicht-Gastronomen schwer zu beschaffen.
Insgesamt ist das Buch eher etwas für Genießer als für jene, die mal schnell ein paar coole Cocktail-Rezepte für die nächste Fete brauchen. Rezepte für Long Island Iced Tea, Sex on the Beach oder Tropendrinks mit Schirmchen, Obstsalat und Wunderkerze wird man hier also vergeblich suchen. Gott sei Dank. ;-)
Fazit: ein gelungenes Buch, sauber recherchiert, schön gemacht und mit sehr inspirierenden, funktionierenden Rezepten, das sein Geld wert ist!