Haben Sie sich auch schon öfter nach der Lektüre der Evangelien gefragt, wie es von Jesus mit seinen radikalen Lehren zu der römisch-katholischen Kirche von heute mit ihren Dogmen, ihrer starren Hierarchie, ihrem Reichtum, ihrer Frauenfeindlichkeit und ihrem "unfehlbaren" Papst kommen konnte? Hans Küng beschreibt die Entwicklung der katholischen Kirche von den urchristlichen Gemeinden zur Zeit Paulus' bis hin zum Pontifikat Johannes Paul des Zweiten, immer eingebettet in die politischen Ereignisse und ideengeschichtlichen Strömungen der jeweiligen Zeit. Das Buch ist verständlich geschrieben und für den theologischen Laien gut zu verstehen. Mir zumindest sind die Unterschiede zwischen der katholischen, der evangelischen und der orthodoxen Kirche endlich richtig deutlich geworden. Und wer glaubt, "die Kirche" sei schon immer so gewesen, wie wir sie heute kennen, wird sich wundern (das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes z.B. datiert erst aus dem Jahr 1870). Hans Küng bekennt sich jederzeit zur katholischen Kirche, aber man kann aus dem Buch deutlich sein Anliegen herauslesen, endlich die vielen Irrtümer der Vergangenheit beim Namen zu nennen und die Kirche von Grund auf zu reformieren. (Wobei sich mir bei der Lektüre allerdings wiederholt die Frage stellte, warum Herr Küng eigentlich nicht zum Protestantismus übertritt?)