Hinweise auf Bücher
Kunst in München
s. pt. Die seit Herbst 1993 bestehende Neuordnung der Staatsgalerie moderner Kunst München gestaltete die Benutzung des Katalogs, der als Rundgang konzipiert war, zu einer unerfreulichen Sucherei. Nur durch das Register liessen sich die einzelnen Werke finden wenn überhaupt. So ist die jetzt erschienene Neuauflage ein lang gehegtes Desiderat. Alphabetisch geordnet ist den vielen im Wechsel gezeigten Werken und den Neuerwerbungen Rechnung getragen. Wie sehr der Umfang der Sammlung inzwischen gewachsen ist, zeigt sich schon an dem etwa 100 Seiten mehr umfassenden Buch mit durchweg kleiner Typographie, in dem etwa 350 Objekte der klassischen und zeitgenössischen Moderne vorgestellt werden. Ein notwendig gewordenes Glossar ergänzt die Erläuterungen zu den Künstlern und ihren Werken.
Psychologie Philosophie:
Trennungsgeschichte
lx. Seitdem sich die Psychologie als eine der letzten Einzelwissenschaften aus der Philosophie herausgelöst hat, kann man zwar von einer «Emanzipation» der Psychologie von der Philosophie reden, aber die Spuren einer schmerzvollen Trennung sind nicht zu übersehen: Heftige Auseinandersetzungen, die als Methodenstreitigkeiten um «Erklären und Verstehen» auftreten, dazu bei der Psychologie eine gewisse Reflexionsblockade, bei der Philosophie psychologische Leerstellen kurz: seitdem Philosophie und Psychologie im akademischen Kanon getrennte Wege gehen, ist die Suche nach dem theoretisch Verbindenden erst recht thematisch geworden. Nicole D. Schmidt hat sich nun dieser «Trennungsgeschichte» angenommen. Ausgehend von einer Rekapitulation der von Wilhelm Dilthey eröffneten Kontroverse um den Erkenntnisstatus der Psychologie, widmet sich die Hamburger Wissenschafterin in ihrer gegenwartsdiagnostischen Arbeit vornehmlich dem Ziel, installierte Berührungstabus zwischen Philosophie und Psychologie abzubauen.
Seyla Benhabib:
Rekonstruierter Universalismus
upj. Die Philosophin Seyla Benhabib sie ist Professorin an der Harvard University hat sich seit ihren ersten Publikationen im Umkreis des hegelianischen Denkens immer entschieden wiewohl nicht ohne Kritik am von allen Fesseln losgelösten postmodernen Subjekt für einen «interaktiven» Universalismus eingesetzt. Ihr eigentliches Anliegen kreist unter Berücksichtigung der kommunitaristischen Kritik am Liberalismus (MacIntyre, Sandel, Taylor, Walzer) und der feministischen Denkpositionen in der praktischen Philosophie (Gilligan, Pateman, Moller Okin, Young, Fraser) um die Frage, in welcher Form sich der aufklärerische Universalismus heute reformulieren liesse. Nachdem das abstrakte, freischwebende und nostalgische Ideal des autonomen männlichen Ich endgültig verabschiedet worden ist, nachdem die Kritik an der «idealen Sprechsituation», an der Bestimmung eines allgemeingültigen «moralischen Gesichtspunktes» unüberhörbar geworden ist, darf man hellhörig sein für Benhabibs These, dass die entscheidenden Erkenntnisse der universalistischen Tradition in der praktischen Philosophie heute neu formuliert werden können, «ohne dass man sich den metaphysischen Illusionen der Aufklärung hingeben müsste». Wie Seyla Benhabib dieses thetische Versprechen einlöst, ist Gegenstand des vorliegenden Sammelbandes von Essays aus den letzten Jahren: Jahre, die Benhabib auf die denkerische Rekonstruktion eines Subjekts der Vernunft verwandte, das nicht mehr auf einen eigenen Körper, eine Geschichte und eine Beziehung zum «Anderen» verzichten muss.
Als der Krieg zu Ende war
rox. Der Hessische Rundfunk hatte von März bis Mai dieses Jahres anstelle einer grösseren Sendung zur «50-Jahr-Feier» des Kriegsendes einunddreissig Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Sendezeit und Mikrophon für ihre ganz persönliche Rückerinnerung an das Kriegsende zur Verfügung gestellt. Diese «Erinnerungen an den 8. Mai 1945» sind nun nachträglich, leicht überarbeitet, in Buchform publiziert worden, haben aber nichts von der Direktheit des Radiodokumentes verloren. Neben Ernst H. Gombrich, der schon 1936 an das Warburg-Institut in London ging und das Kriegsende als Angestellter des Abhördienstes der British Broadcasting Corporation miterlebt hatte, kommen Walter Jens, Stephan Hermlin, Ludwig Harig, Ignatz Bubis und viele andere mit ihren recht unterschiedlichen Erinnerungen zu Wort.
Russische Literatur in Amerika
«Am Anfang waren die Russen», sagt Hemingway. Mit seiner Studie hat Horst-Jürgen Gerigk (seit 1974 an der Universität Heidelberg) das Vermächtnis der russischen Klassiker für die Erzählkunst amerikanischer Autoren von Henry James bis zu Raymond Carver dargelegt. Ihre immense Bedeutung für die moderne Literatur (und den Film) der USA hat man noch nie so umfassend und zugleich so faszinierend geboten bekommen. Auf dieser Grundlage lässt sich weiterfragen, welche mittelbare Wirkung von der europäischen Literatur überhaupt über die Russen, etwa von Schiller über Dostojewski, auf die Amerikaner ausgegangen ist. Die Titelformel «Die Russen in Amerika» steht für einen äusserst komplexen Sachverhalt. Zug um Zug wird hierunter das Russland-Bild freigelegt, das die vier Klassiker in den Augen ihrer amerikanischen Kollegen erzeugt haben. Davon konnten, wie üppig und überzeugend belegt wird, deren Werke nicht unberührt bleiben. Als Kontaktstudie, die sich in der Hauptsache dem typologischen Werkvergleich verschrieben hat, ist die profunde Darstellung ein Meisterwerk der Vergleichenden Literaturwissenschaft.
«Und hier sehen Sie . . .»
agr. Auf nicht viel mehr als 200 Druckseiten eine Vorstellung von 800 Jahren italienischer Literaturgeschichte zu vermitteln, ist eigentlich gar nicht möglich. Johannes Hösle, bis zu seiner Emeritierung Professor für Italianistik in Regensburg, geht die Aufgabe in der Art eines Fremdenführers an: Er bietet vor allem Fakten (zur Biographie eines Autors, zum Inhalt eines Werkes), aufgelockert mit Anekdoten und Details, die günstigstenfalls anschaulich sind, aber nur selten grössere Zusammenhänge verdeutlichen; abgerundet wird das Ganze durch pauschale, mitunter diskutable Wertungen. Nichts ist ausgesprochen verkehrt, es fehlt auch nichts Wesentliches, aber das kleine Buch ist höchst oberflächlich. Bei den knappen Hinweisen zur Literatur der letzten fünfzig Jahre fällt dies besonders auf. Da auch Hösles Stil eher hölzern ist, wird er der italienischen Literatur wohl nicht viele neue Freunde gewinnen.
Personenregister als Informationsquelle
haj. In den Jahren 1986 bis 1994 ist als wohl letztes grosses Lexikon in diesem Jahrhundert die neunzehnte, völlig neu bearbeitete Auflage der «Brockhaus-Enzyklopädie» in 25 Bänden erschienen (vgl. NZZ Nr. 53/1995). Seine sinnvolle Ergänzung erhält das Werk durch sechs Supplementbände: ein deutsches Wörterbuch in drei Bänden, ein Wörterbuch Englisch-Deutsch/Deutsch-Englisch und Ergänzungen AZ. Als erster Ergänzungsband ist eben das «Personenregister» herausgekommen. Es ist mit seinen 1048 zweispaltig gesetzten Seiten um rund 300 Seiten umfangreicher als die eigentlichen Lexikonbände. In streng alphabetischer Anordnung sind hier rund 52 000 Namen von «Aachen, Hans von» bis «Zysman, Wiktor Bruno» angeführt. Einerseits sind es 31 000 Personen, die in den 24 Bänden der Enzyklopädie in eigenen biographischen Artikeln dargestellt werden; anderseits 21 000 Personen, die auf den 17 000 Seiten des Lexikons im Text, in Bildunterschriften und Übersichten genannt werden und die im Personenverzeichnis unter Angabe der Artikel, in denen sie vorkommen, genannt werden. Eine erhebliche Ausweitung erfährt die Informationsleistung durch Verweisartikel von Namensvarianten, Geburtsnamen und Pseudonymen. Ausserdem wurde jeder Personeneintrag «um kurze biographische Angaben (Lebensdaten, Nationalität bzw. sprachliche Einordnung und Tätigkeit oder Funktion) ergänzt». In zunächst unerwarteter Weise wird durch dieses Personenregister unser Informationsbedürfnis in zusätzlicher Weise gestillt.
Englische Literaturgeschichte
G. W. Die letzte von der Oxford University Press veröffentlichte «Short History of English Literature», nämlich diejenige von Emile Legouis, verkauft sich seit nunmehr 60 Jahren obschon, wer darin nach neuen Autoren sucht, sich mit Galsworthy, Conrad und Shaw begnügen muss. Dieses Nachschlagewerk soll jetzt die im selben Verlag erschienene «Short Oxford History of English Literature» von Andrew Sanders ersetzen: eine «History», die wie üblich mit den Angelsachsen anfängt, die aber den später schreibenden Frauen darunter Mary Wollstonecraft und Fanny Burney ebenso wie Jeanette Winterson , den Autoren ganz allgemein der Nachkriegszeit und schliesslich des gegenwärtigen Jahrzehnts mehr Platz als jede bisherige einbändige englische Literaturgeschichte einräumt. Allerdings fehlen zum Beispiel Malcolm Lowry und der irische Lyriker Thomas Kinsella, ja mit John Banville, Dermot Healy, Desmond Hogan und Jennifer Johnston eine ganze Reihe von Talenten aus Irland. Doch weiss Andrew Sanders von den Tücken eines Kanons deshalb auch in seinem Vorwort der apologetische Hinweis darauf, wie lange Dickens warten musste, bis er von F. R. Leavis der «grossen Tradition» zugerechnet wurde. Und nicht nur macht sich Sanders verdient, indem er Fragen zum englischen Roman der Neuzeit aufwirft und als Bereicherung für diesen das Schreiben von «extra-territorialen» Autoren wie Salman Rushdie, Timothy Mo und Kazuo Ishiguro vorstellt: auch der Beitrag des Fernsehens an die Gegenwartsliteratur kommt mit Autoren wie Alan Bennett und Dennis Potter zur Sprache. Gleichermassen elegant und gelehrt im Ton, ist Sanders Werk jene erschwingliche neue «History», die man sich seit geraumer Zeit wünschte.