Auf 520 Reclam-Seiten (annähernd A6-Format) verspricht Kurt Rothmann einen Überblick über die deutschsprachige Literatur vom 8. Jahrhundert bis ins Jahr 2008. Der Versuch gelingt - teilweise.
Sich am gängigen Kanon orientierend geht es eilig durch das Schaffen deutschsprachiger Literaten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Exemplarisch werden einzelne Werke herausgegriffen, zusammengefasst, interpretiert und in den zeitgenössischen Kontext eingeordnet oder in Kontrast zu anderen Werken gesetzt. Rothmann findet die Balance, seine Urteile sind ebenso präzise wie kurz und obendrein gut ausgewählt. Gerade wegen seiner eher knapp gehaltenen Erläuterungen zerfasert der Text nicht, sondern liefert einen guten Überblick. Dank sporadisch eingestreuter Zitate aus den Originalwerken wird Rothmanns Abhandlung auch nicht zu theoretisch.
Bis hierhin ist das Buch ein Musterbeispiel für eine gelungene Literaturgeschichte, die auch durch ein ausführliches Autorenregister zu begeistern weiß.
Sobald sich Rothmann aber an die Gegenwartsliteratur wagt, scheitert er weitgehend.
Eine echte Auswahl ist nicht zu erkennen, vielmehr scheint der Autor keinen Trend verpassen und selbst die kleinste Teilbewegung einer literarischen Strömung detailliert würdigen zu wollen (wobei er sich auch hier nicht unbedingt als treffsicher erweist, so taucht etwa Harald Schmidts Ex-Sidekick Manuel Andrack auf, während der sicherlich bekanntere und anerkanntere Autor Wladimir Kaminer nicht erwähnt wird). Dies führt zu dem realitätsfremden Ergebnis, dass die historische Epoche der Romantik auf 19 Seiten abgehandelt wird, während die Jahre 1989-2009 auf 153 Seiten ausgebreitet werden. Längere Zitate und ausführliche Inhaltsangaben, die sich auch bei unbekannteren Werken oftmals über mehrere Seiten erstrecken, sind nun ebenso üblich wie die Unart, auf einer halben Seite ohne jeden weiteren Kommentar ähnliche Werke anderer Autoren aufzuzählen.
Ein knochenhartes Lektorat und großzügige Streichungen wären hier dringend nötig gewesen, denn im Gesamtzusammenhang ist dieser Teil des Buches unlesbar und trägt eher zur Verwirrung bei als einen Überblick zu liefern.
Insgesamt gesehen hat Rothmann die Chance vergeben, eine wirklich übersichtliche Literaturgeschichte zu verfassen, indem er die zeitgenössische Literatur extrem überbewertet. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs liefert das Buch eine sehr gute Zusammenfassung des literarischen Schaffens in Deutschland, danach ist es das krasse Gegenteil.
Vielleicht wäre es für den Verlag sinnvoll, das Buch auf zwei Bände aufzuteilen: einen straff geschriebenen Überblick bis zum Jahr 1945 und einen enorm detaillierten Blick auf die deutsche Gegenwartsliteratur.