So nah und doch so fern: die Türkei. Was Ihnen dieses Buch zumindest bieten könnte, ist eine Grundinformation zu frühen türkischen Stämmen, ersten Herrschaftsformierungen, den osmanischen Verbänden, dem Sultanat und schließlich der Republik (in meiner Vorauflage bis 2003, nun vermutlich aktuell).
Im Vergleich zu anderen "Kleinen Geschichten" bei Reclam ist die Türkei in seiner osmanischen Phase leider nicht wirklich gut beschrieben worden. Der eine Autor Klaus Kreiser beschreibt zwar Früh- und Spätgeschichte souverän und gut, der zweite Autor Christoph K. Neumann (für 1512-1826) schreibt leider, wie wenn er um "Reputation" kämpfen würde: viele irrelevante Fäktchen, Bezeichnungen, Organisationsdetails und aussageschwache Statistiken zerzupfen da erbarmungslos den roten Faden. Selbst ein zäher, historisch interessierter Leser wie der, der jetzt schreibt, dachte da an das In-die-Ecke-Pfeffern. Und das heißt eigentlich: deutlicher Punktabzug. - Kurzum: ich hätte mir jetzt Kreiser als Autor für alles gewünscht.
Der Aufbau des Buches folgt dem Reclam-Schema: jeweils ein kurzer Epochenüberblick, Zeittafel, vertiefende Darstellung der Abläufe. Praktisch sind auch hier die Sprachhinweise sowie die - nötigen - Karten. Literaturliste, Register und noch ein paar Abbildungen/Grafiken sind ebenfalls vorhanden, da verzeiht man einige wenige Flüchtigkeitsfehler des Korrektorats.
Am stärksten zum Verständnis "der" Türkei oder "der" Türken dürfte wohl ein Blick auf die letzten zwei Jahrhunderte beitragen: der immer schnellere Verlust des Großmachtstatus, das Übernehmen nationaler Ideologie vom Abendland mit der einhergehenden Minderheitenproblematik (sehr überlegt eingedampft etwa die Stelle zu den Armenierdeportationen), die autoritäre wie auch demokratische Republik des Kemal Atatürk, die Rolle des Militärs, Islams, einige Kennzahlen zur Entwicklung,... richtig schade am Schluss, dass es in meiner Vorauflage schon 2003 aufhörte ...
Hinweis: ich beziehe mich auf die Taschenbuchausgabe von 2003 (= bei der Bundeszentrale für politische Bildung 2005).
Den vierten Stern gebe ich dann doch, weil ich doch optimistisch vermute, dass die Neuauflage einige der Verbesserungspunkte angegangen haben wird, aktueller ist und weil das gute Konzept der Reihe ja doch viel rettet.