Den sehr positiven Beurteilungen meiner "Vorredner" kann ich mich so leider nicht anschließen. Neben vielen positiven Dingen gibt es ganz erhebliche Kritikpunkte.
Zunächst zum Inhalt:
Das Buch beschreibt die Geschichte "Lateinamerikas", d.h. die Geschichte ab der spanischen Eroberung. Von den Hochkulturen vor Eintreffen der Spanier erfährt man praktisch nichts (viel zu wenig). Sie werden nur aus Sicht der kolonialen Verwaltung behandelt. Aber so ist das Thema des Buches gewählt.
Schwerpunkt des Buches sind die Autonomiebestrebungen der Kolonien, die Unabhängigkeitsbewegungen und der Weg hin zu den heutigen Staaten Lateinamerikas. Die Kapitel des Buches:
> Die kolonialen Grundlagen der lateinamerikanischen Staaten 1492-1750 (ca. 90 Seiten)
(Entdeckung, Eroberung, koloniale Verwaltung)
> Erste Autonomiebestrebungen 1750-1800 (ca.100 Seiten)
> Von Kolonien zu souveränen Staaten 1808-1830 (gut 180 Seiten)
> Staatlich-politische Konsolidierung 1830-1900 (gut 180 Seiten)
> Die Epoche ökonomisch-sozialen Wandels 1900-1990 (ca. 150 Seiten)
Das Positive:
Das Buch ist sehr ausführlich, insbesondere die Unabhängigkeitsbewegungen werden eingehend behandelt. Darüber hinaus wird Lateinamerika vollständig und ausgewogen ohne einseitige regionale Schwerpunkte beschrieben.
Das Beste ist der für die "kleinen Geschichten" des Reclam-Verlages typische Aufbau mit Epochen-Überblicken am Anfang jeden Kapitels und Zeittafeln zu Beginn jeden Unterkapitels.
Ausgezeichnet sind auch die Karten. Über diese sehr guten Karten findet man schneller einen Überblick über wesentliche Fragestellungen als über den Text - aber darauf muss man aber erst einmal kommen. Und damit komme ich zu den
Kritikpunkten:
Über den Text ist es wie gesagt recht schwierig, schnell einen Überblick zu einer Fragestellung zu bekommen. Man muss schon den kompletten, ausführlichen Text lesen. Auch die Überschriften helfen einem nicht viel weiter, zumal das Inhaltsverzeichnis viel zu grob ist, um Dinge zu finden. Über das Inhaltsverzeichnis findet man nur einen ganz groben Überblick. Darüber hinaus fehlt - wie heutzutage in allen Sachbüchern - ein Sachregister. Beim Nachschlagen "findet man einfach nichts".
Ein Beispiel: Chiles Weg in die Unabhängigkeit wird unter Peru behandelt. Klar, wenn man weiß, dass Chile ein Teil des Vizekönigreiches Peru war. Wenn man das zu Beginn noch nicht weiß, findet man das weder im Inhaltsverzeichnis (das an dieser Stelle einfach zu grob ist) noch in einem Sachregister, weil es das nicht gibt. Also sucht man eine halbe Ewigkeit und muss viel lesen, bis man an die gesuchte Stelle kommt. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.
Der gravierendste Kritikpunkt sind die unerklärten Fachbegriffe. Immer wieder werden Fachbegriffe benutzt ohne sie zu erklären. Viel zu oft musste ich im Internet suchen, was nun dieser Begriff wieder bedeutet. Das stört einfach den Lesefluss und verärgert mich als Leser. Der Autor erwartet zu viele Vorkenntnisse.
Noch ein Beispiel: Wie ist eigentlich Uruguay entstanden? Uruguay findet man nicht. Aber an der Stelle, an der man das vermuten könnte taucht immer wieder der Begriff "Banda Oriental" auf. Was ist denn das nun wieder? Die Recherche im Internet ergibt: "Banda Oriental (heute Uruguay)". Muss man das als unbedarfter Leser wissen? Es wäre so einfach gewesen, den Begriff zu erläutern. Und die Entstehung Uruguays hätte man dann auch gefunden.
Fazit:
+ sehr ausführlich und ausgewogen
+ Positiv die Epochen-Überblicke und Zeittafeln
- äußerst ärgerlich die nicht erklärten Fachbegriffe
- zum Nachschlagen fast nicht zu gebrauchen, da man das Gesuchte nur unter erheblichem Zeitaufwand findet
(zu grobes Inhaltsverzeichnis und fehlendes Sachregister)
Trotz aller Kritik ist es das Beste, was ich zu diesem Thema gefunden habe - dem Weg Lateinamerikas vom Kolonialreich in die Unabhängigkeit. Offensichtlich das Beste, was es zu diesem Thema gibt??