Welche Folgen der Aufstieg Chinas im 21. Jahrhundert für die westlichen Industrienationen - ihre Wirtschaft, Politik, Gesellschaft - haben wird, ist heute noch kaum abzusehen. In jedem Fall wird es höchste Zeit, sich intensiver mit dem Land zu beschäftigen. Solide, aber leicht verständliche Einführungen für sinologische Laien werden deshalb dringend gebraucht. Helwig Schmidt-Glintzer gehört zu den Fachleuten, die sich in dieser Hinsicht verdient gemacht haben: etwa mit seiner einbändigen "Geschichte der chinesischen Literatur", bis heute ein Referenzwerk.
Auch die "Kleine Geschichte Chinas" macht zunächst einen guten Eindruck. Ein handliches Buch, reich illustriert und mit ausführlichen Bilderklärungen zu den verschiedensten Aspekten der chinesischen Kultur. Leider kann der Buchtext die Erwartungen nicht erfüllen. Der Schwerpunkt liegt auf dem modernen China, das ist in Ordnung, da für den heutigen Leser besonders relevant. Gerade die äußerst verknappte Darstellung hätte aber zu einer sehr sorgfältigen Textredaktion gezwungen; daran fehlt es.
Einige Beispiele, wahllos herausgepickt: Die Vorstellung eines Weltenschöpfers wird "im Volksglauben ... mit dem Mythos von Pangu verknüpft", so erfahren wir. Schön. Was dieser Pangu getan haben soll, darf der Leser selbst herausfinden. Das bedeutende Schöpferpärchen Fuxi-Nüwa wird gar nicht erwähnt. Ebenso wenig wird die Frage gestellt, ob man eine jahrtausendealte Überlieferung so einfach dem "Volksglauben" zurechnen darf, denn überliefert hat zweifellos nicht das Volk, sondern die literarische Elite. - Der legendäre Gelbe Kaiser (Huangdi) wird zunächst als einer der Fünf Urkaiser, eine Seite weiter dann als einer der Drei Erhabenen (die den Urkaisern vorausgingen) bezeichnet. - Regelmäßig kommt es zu "Namedropping" ohne Bezug zum Fortgang der Geschichte (wen interessiert der Mädchenname der Frau des ersten Ming-Kaisers?). - Die Vorgeschichte des Theaterstücks "Hai Rui baguan" wird umständlich erklärt, doch wie es letzten Endes zum Auslöser der Kulturrevolution wurde (nämlich durch eine 1965 veröffentlichte Kritik von Yao Wenyuan, später Mitglied der "Viererbande"), bleibt völlig unklar. - Generell ist der Stil professoral und nominallastig, und oft meint man das Quietschen der Schublade zu hören, aus der noch schnell ein Textbaustein herausgeholt wurde.
Fazit: Man kann dieses Buch kaufen. Es enthält für Laien viele interessante Informationen, und Alternativen sind rar. Eine flüssige und im besten Sinne populäre Darstellung der chinesischen Geschichte ist es nicht. Dass der Autor es besser kann, hat er andernorts bewiesen.