Was weiß der Durchschnittseuropäer über die afrikanische Geschichte? Die antiken Mächte Karthago und Ägypten werden ihm zumindest in der Schule begegnet sein, wenngleich in einem mediterranen, nicht afrikanischen Kontext. Darüberhinaus dürften ihm der Kolonialismus und die Versklavung der künftigen Afroamerikaner ein Begriff sein, und von der Apartheid in Südafrika und dem ruandischen Genozid werden Menschen, die ein wenig an internationaler Politik interessiert sind, schwerlich nichts gehört haben können. Aber sonst? Ein zusammenhängendes Bild afrikanischer Geschichte, dass die verschiedenen Ereignisse miteinander in Verbindung setzt, Entwicklungen nachvollzieht und der Vielfalt des Kontinents gerecht zu werden vermag, werden nur die wenigsten zu zeichnen imstande sein.
Winfried Speitkamp ist einer dieser wenigen. Mit der "Kleinen Geschichte Afrikas" tritt er an, die kollektive Bildungslücke in Sachen afrikanische Geschichte schließen zu helfen. Auf gut 500 Seiten begibt er sich dazu mit dem Leser durch zwei Jahrtausende der Geschichte v. a. des subsaharischen Afrikas, die, in vier Epochen gegliedert, jeweils in Form einer Zeittafel und erläuternder Texte durchschritten werden. Der gewählte Zeitrahmen zeigt bereits, dass Speitkamp trotz der vielfach dürftigen Quellenlage, die der Tradition der mündlichen Geschichtsüberlieferung und stark subjektiv geprägten Reiseberichten geschuldet ist, daran gelegen ist, mit der Vorstellung eines bis zur Kolonialisierung geschichtslosen Kontinents der wahlweise edlen oder primitiven Wilden aufzuräumen. Nicht nur mit dem Verweis auf die mittelalterlichen Großreiche Mali und Ghana, sondern v. a. auch durch die Beschreibungen präkolonialer Formen politischen, sozialen und religiösen Lebens in Afrika wird dem (u. a. im Lehrplan selbst gymnasialen Geschichtsunterrichts gepflegten) Bild eines Afrikas außerhalb der Weltgeschichte entgegengewirkt. Die Linie des Autors, Afrika nicht als passives Objekt europäischer und amerikanischer Ausbeutung und Beeinflussung, sondern als eigenständiges geschichtliches Subjekt zu präsentieren, zieht sich durch das gesamte Buch, wenn etwa die christliche und islamische Missionierung auch als Aneignungs- und Transformationsprozess erscheint, in dessen Verlauf Afrikaner die neuen Lehren mit ihren Religionen und ihrem pragmatisch-flexiblen Religionsverständnis zu verbinden wussten.
Eine auch aktive Rolle weist Speitkampf Afrikanern auch beim Sklavenhandel mit Amerika und Asien und nicht nur bei der Beendigung, sondern auch bei der Unterstützung der kolonialen Regime nach, wenn er etwa darlegt, wie die von den Kolonialherren eingesetzten "Chiefs" daran interessiert waren, ihre neu erlangte Machtposition zu bewahren, und dass zu den Kämpfen gegen die Kolonialherren auch Kämpfe von Afrikanern gegen Afrikaner gehörten. Mit der Konzeption Afrikas und Afrikaner als Akteure im weltgeschichtlichen Prozess erledigt sich auch das Bild eines unschuldigen Opfers Afrika, dem bedingungslose Hilfe und Solidarität zugesichert werden müsse. Dies heißt aber keinesfalls, dass Speitkamp dem Gegenentwurf zu diesem passivistischen Opferbild zuneige, also dem eines aktiven Afrikas, dass seine gegenwärtigen Probleme der Unfähigkeit im eigenen Handeln zuzuschreiben habe. Vielmehr steht er tatsächlich, wie der Klappentext angibt, "jenseits von Afrika-Klischees" und trägt mit seiner Konzeption Afrikas als handelndem und behandeltem Akteur unter Akteuren zur Versachlichung der Debatte bei. Auch die Vorstellung einer offenen, durch Handeln in von den gegebenen Strukturen gesetzten Grenzen zum Guten wie zum Schlechten beeinflussbaren Zukunft des Kontinents sowie der auf der ersten Seite präsentierte Hinweis, dass es neben den medial vermittelten Problemen Afrikas auch positive Entwicklungen gibt, entsprechem dem.
Die Kürze des Buches und die Vielfalt Afrikas und seiner Geschichte bringen es mit sich, dass auf einzelne Themen und Geschehnisse immer nur sehr knapp eingegangen werden kann und der Überblick sehr grob ist - was allerdings angesichts der angesprochenen Behandlung afrikanischer Geschichte ausreicht, um dem aus Schulbildung und Massenmedien Bekanntem eine Menge neuer Informationen hinzuzufügen. Dieses Manko wird ferner dadurch kompensiert, dass sich im Anhang des Buches über 30 Seiten mit Hinweisen auf weiterführende Literatur finden.
Alles in allem ist die "Kleine Geschichte Afrikas" darum ein sehr lohnender Überblick über das historische Afrika, der auch hilft, das aus diesem hervorgegangene gegenwärtige zu verstehen. Wer sein Afrikabild um die Informationen, die aus katastrophenzentrierten Medienberichten zu gewinnen sind, ergänzen möchte, hat in Gestalt dieses Buches eine gute Gelegenheit, damit zu beginnen.