Don Camillo im Sündenbabel - Panos Karnezis' Geschichten aus der griechischen Provinz Als der Turiner Arzt und Maler Carlo Levi während des Faschismus in das süditalienische Lukanien verbannt wurde, traf er dort «nicht nur ein unbekanntes Land, Arbeiten, Mühen, Schmerzen, Nöte und Gewohnheiten, nicht nur Tiere und Magie, alte nicht gelöste Probleme, [. . .] sondern auch das gegenwärtige Anderssein». In seinem dokumentarischen Roman «Christus kam nur bis Eboli» (1947) plädierte Levi dafür, diese archaische Welt der Bauern und ihre magische, vorchristliche Kultur in ihrer Andersartigkeit zu erhalten. Unter italienischen Intellektuellen ist die Diskussion um den verarmten Süden und seine Magie seitdem nicht abgerissen. Diese Dimension ihres kulturellen Erbes haben griechische Schriftsteller nicht mit der gleichen Leidenschaft ausloten können, dazu war ihre historische Entwicklung zu verschieden von jener Europas. Das Dorf oder die Provinz als piccolo mondo fanden durch Dionysios Solomos und Alexandros Papadiamantis Eingang in den griechischen literarischen Kanon. Die sogenannte Generation der dreissiger Jahre, urbane, bürgerliche Lyriker, verachtete das Landleben. Für ihn bedeute es «Gestank, Pferdemist und Klatsch», höhnte der spätere Literaturnobelpreisträger Giorgios Seferis. Höchst selten verirrt sich bis heute ein griechischer Schriftsteller literarisch in die Provinz. Kleine Gemeinheiten Wenn also ein junger Grieche, der in London lebt, einen Band mit Erzählungen aus einem griechischen Dorf veröffentlicht und dafür internationale Beachtung findet, darf man in der Tat gespannt sein. Vom fulminanten Anfang, einem Erdbeben, bis zum prähistorischen Untergang berichten neunzehn locker miteinander verbundene Geschichten aus einem «freudlosen und elenden Land, über das Naturkatastrophen und selbst verursachte Desaster häufiger hereinbrachen als Regen». Die Dörfler werden seelsorgerisch vom Dorfgeistlichen Pater Gerasimo, einem Bruder des Don Camillo, betreut. Denn Pater Gerasimo, der seine Dörfler ohne nennenswerten Erfolg in die Arme der Kirche treiben möchte, ist durchaus fehlbar, wenn es um seine eigenen Interessen geht. «Kleine Gemeinheiten» («Little Infamies») hat der 37-jährige Panos Karnezis seine Erzählungen überschrieben. Und in der Tat geht es um die grösseren und kleineren Gemeinheiten der Dorfbewohner, aber noch um viel mehr. Die Geschichten sind durchaus heterogen: In der ersten, längeren, «Das Steinbegräbnis», werden zwei junge Mädchen wie Tiere im Keller gefangen gehalten, und die düstere, beklemmende Atmosphäre erinnert an klassische Beispiele der Kerkerliteratur von de Sade bis Pasolini. Andere Erzählungen hingegen sind federleicht, es sind Zirkusgeschichten, die von einem depressiven Zentaur, einer Meerjungfrau und anderen androgynen Fabelwesen bewohnt werden. Wieder andere, etwa «Jäger im Winter», beobachten, ähnlich wie die frühen Stücke eines Harold Pinter, den Einbruch bedrohlicher Gestalten in eine geschlossene Gemeinschaft. Auch die Perspektive des Erzählers wechselt mühelos von Geschichte zu Geschichte. In einer der schönsten Erzählungen, in der ausserdem ein Lexikonverkäufer und aggressive Wespen eine wichtige Rolle spielen, erbt ein verarmter Bauer eine Araberstute mit dem sinnfälligen Namen «Geschichte». Emotion und Ironie Die Erzählungen spielen in einem seltsam zeit- und ortlos anmutenden Griechenland, und wären da nicht die Namen und einige Anspielungen, würde man sie im Italien vor dem Risorgimento und dem des Giovanni Guareschi ansiedeln. Jäh wechseln Erzähltempi und Stil, münden die burlesken Fehltritte der Dörfler in eine antike Tragödie. Hier koexistieren eine Vogelfängerin und ein Fernseher, ein Zug, der ewig Verspätung hat, und ein Papagei, der im daktylischen Hexameter spricht. Mit wenigen Worten ist eine Szene skizziert: «Tote Fliegen übersäten die von der Sonne ausgebleichten Zeitschriften.» Insekten und Vögel werden nicht selten zu Fabelwesen. Aus Motten werden Harpyien, wenn sie dämonengleich in den Nachmittagsschlaf einer ältlichen Jungfer eindringen. «Dieser klassische griechische Hintergrund ist ein Segen und ein Fluch zugleich», sagt Panos Karnezis. Er hat sich davon gründlich befreit. Völlig unangestrengt bewegt er sich erzählerisch zwischen der heidnischen Antike und dem Christentum. Dem studierten Diplomingenieur Panos Karnezis, der seine Erzählungen auf Englisch schrieb und sie mittlerweile selbst ins Griechische übertragen hat, sind ganz wunderbare und aufregende Erzählungen gelungen. Seine vitale und originelle Sprache hat Sky Nonhoff höchst treffend ins Deutsche übertragen. Seinen Geschichten hat Karnezis ein Gedicht des Lyrikers Konstantinos Kavafis, «Endgültigkeiten», vorangestellt. Auch Kavafis wurde auf dem Umweg über England bekannt. Seine Gedichte sind ein Labyrinth, in dem sich das Schweigen und das Geständnis, der Text und der Kommentar, die Emotion und die Ironie unentwirrbar vereinen. Das Gleiche gilt für die Erzählungen des Panos Karnezis. Barbara Spengler-Axiopoulos
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
»Sehr empfehlenswert, weil einfach gut erzählt.«
Wiener Journal 30.11.2007»Beklemmend, plastisch, literarisch gut.«
OÖ Nachrichten 29.08.2007»Panos Karnezis zeigt sich in seinem ersten Prosaband als außerordentlich begabter Erzähler. Man verglich ihn nicht zu Unrecht mit Balzac, Fellini oder Marquez. Karnezis hat Gespür für die Dimension von Geschichten, er hat Fantasie, Humor und überzeugt durch eine reiche Sprache. Die 19 Geschichten bilden mit ihren wiederkehrenden Figuren eigentlich einen Roman. Dass auf diese Genrebezeichnung verzichtet wird, widerspiegelt eine der tragenden Ideen: Es zerbricht eine Welt, der die menschlichte Solidarität fehlt.«
Ostsee-Zeitung 28.07.2007»Von der ersten Seite an offenbart der 1967 geborene, in England lebende griechische Autor erzählerische Meisterschaft.«
Süddeutsche Zeitung»Ein griechisches Dorf voll herrlich böser Geschichten. Ein großes Vergnügen für den Leser!«
Bild am Sonntag»Wie Karnezis den Ernst der antiken Tragödien und die griechische Lust an Pathos und Improvisation angesichts des größten Schlamassels vermengt, ist einfach wunderbar.«
Süddeutsche Zeitung / SZ extra»Panos Karnezis entführt den Leser in eine manchmal märchenhafte, dann wieder fast gespenstisch anmutende Welt. Wie ein roter Faden taucht Pater Gerasimos in den einzelnen Erzählungen immer wieder auf, der selbst auch nicht vor unlauteren Methoden zurück scheut, um die Dorfbewohner auf den rechten, sprich gottesfürchtigen Weg zu bringen – allerdings meist ohne großen Erfolg.«
Nea-Fon, Deutsch-griechisches Magazin»Karnezis verknüpft in ›Kleine Gemeinheiten‹ 19 liebevolle Geschichten zu einem Kaleidoskop der traditionellen griechischen Gesellschaft.«
Hamburger Morgenpost»Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube. Es zeigt uns die Mentalität dieser Dorfbewohner ohne sie lächerlich zu machen, es hat den unterschwelligen Humor, es zeigt Menschlichkeit, und die Lust, auch dieses karge Leben lebenswert zu machen. Die einzelnen Kapitel könnte man auch solo lesen, aber wer den Anfang verpasst, wird keine Freude am Ende haben. Kaum zu glauben, dass hier ein Erstlingswerk vorliegt, das sprüht vor Einfällen, ist mal lyrisch, mal derb, mal witzig, hat etwas von Fellini aber auch Marquez, etwas vom Eulenspiegel und den derbdrolligen Geschichten Balzacs. Wenn sie die ›Kleinen Gemeinheiten‹ lesen, dürfen sie getrost schmunzeln oder lauthals lachen.«
Antenne Brandenburg»Der Erzähler hat ein fabelhaftes Gespür für das rechte Timing, für Tempo. Er fabuliert mit einem leichten Lächeln, und – dies macht den Charme dieser Texte aus – mit sehr viel Sympathie für seine Figuren, die wohl schwach und schrullig sind, die er aber nie verlacht.«
Stuttgarter Nachrichten»Ebenso humorvoll wie abgründig erzählt er von einer Welt voll archaischer Charaktere und skurriler Schicksale, bei denen man mitunter nicht recht weiß, ob man lachen oder weinen soll.«
Journal für die Frau»Aus Liebe, Verlust und purer Bosheit machen sich die Bewohner eines kleinen Ortes das Leben gegenseitig zur Hölle und für den Leser die Lektüre dadurch zur hellenischen Freude.«
Lifestyle»Obwohl durchweg der hohe, leicht antiquierte Ton vorherrscht, scheut der Autor so wenig wie der Priester die Stimme des Bauern, wenn etwa dem tumben Isidoro erklärt werden muss, »dass die Pforten des Paradieses für ihn so verschlossen bleiben würden wie ein verstopfter Arsch, wenn er nicht endlich Demut und Dankbarkeit zeigte«. Nie aber obsiegt in diesen Erzählungen das Klischee oder die Grobianik, das Mokante oder das Märchenmotiv. Alle Pointen auf die feine griechisch-englische Art liegen im freilich weit ausgeschrittenen Kreis des Möglichen. Mit einem Wort: Dieses babylonische Debüt vor den Pforten des Paradieses steht seiner literarischen Tradition in nichts nach.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung»Skurril wie die Novellen von Pirandello, volksnah aber nie – tummelnd wie die Romane von Kazantzakis, dem magischen Realismus eines Garcia Marquez zugeneigt und dem schwarzen Humor britischer Provenienz – letzteres ist kein Wunder, denn der Autor lebt mittlerweile in London.«
B 5 Aktuell»Ein Buch, bei dem man nicht mehr aufhören kann zu lesen.«
Go»So was gibt es nicht alle Tage.«
Südthüringer Zeitung»Ein ganz außergewöhnlicher Lesegenuss, der uns den griechischen Alltag näher bringt.«
Mach mal Pause»In 19 Geschichten erzählt Panos Karnezis ›Kleine Gemeinheiten‹, die sich wie zu einem Roman fügen, den man glatt Garcia Marquez zuschreiben könnte, wenn er nicht durch und durch griechisch beseelt wäre. Für ›Schiffsmeldungen‹-Autorin E. Annie Proulx ist dieses Debüt »die literarische Entdeckung des Jahres«
Brigitte Kultur»Dieses von Liebe, Verlust und den Schandtaten der Bewohner eines verarmten griechischen Dorfes handelnde Buch ist schlicht und ergreifend wunderbar. Ein bisschen Fellini, ein wenig Márquez, aber ganz und gar originell – Karnezis' Sprache ist frisch, lyrisch, natürlich und entführt uns auf magische Weise in eine gespenstisch anmutende Welt.«
The New York Times Book Review»Sehr fein und sehr wahr: Karnezis haucht der traditionellen griechischen Gesellschaft frischen Atem ein, ohne sich über sie lustig zu machen oder sie heilig zu sprechen (und erinnert daher an Louis de Bernières' ›Captain Corellis Mandoline‹.)«
Kirkus Review»Für mich ist diese Sammlung miteinander verbundener Erzählungen, die alle in einem rückständigen, vom Unglück heimgesuchten griechischen Dorf spielen, das am Ende von der Landkarte verschwindet – kartographisch wie wörtlich – die literarische Entdeckung des Jahres.«
E. Annie Proulx, The Guardian»Die beeindruckend originellen Erzählungen in ›Kleine Gemeinheiten‹ des in Griechenland geborenen Autors Panos Karnezis entwickeln sich im Verlauf der Lektüre zu einer bestechenden Gesamtheit. Angesiedelt in einem namenlosen griechischen Dorf sind sie zunächst bös-komische Momente gesellschaftlichen Unbehagens à la Maupassant oder den ›Dubliners‹ von James Joyce, dann allerdings werden sie zunehmend düsterer. […] Die Geschichten in ›Kleine Gemeinheiten‹ sind außergewöhnlich – schockierend, farbenfroh und klangvoll. Panos Karnezis ist ein im höchsten Maße individueller Autor und er beherrscht sein Handwerk voll und ganz.«
The Sunday Times