Kein geiles Buch
Kleine geile Firmen"
von
Arndt Neumann
Im Vorwort schreibt der Autor: "Die Bandbreite alternativer Projekte reichte von Teestuben, Kneipen, Naturkostläden, Theatergruppen und Kinos über Autowerkstätten, Schreinerbetriebe, Entrümplungskollektive, freie Schulen, Jugendzentren und Beratungsstellen bis hin zu alternativen Mediengruppen und Technologieprojekten. Mitte der Achtzigerjahre arbeiteten in der Bundesrepublik Deutschland 24 000 Menschen in 4000 Alternativprojekten."
Nun hätte man erwarten können, dass einzelne Projekte vorgestellt werden und auch die Probleme geschildert werden, die an Arbeitsplätzen entstehen, die nicht dem real existierenden kapitalistischen Proftitmaximierungswahn unterliegen. Das heute vom Kapital jede Möglichkeit genutzt wird, dem abhängig Beschäftigten den Sand der "Selbstständigkeit" ins Auge zu streuen, ist nicht neu. Gruppenarbeit ist nicht dazu da, die Arbeit zu humanisieren, sie soll nur helfen Krankenstände niedrig zu halten und dafür sorgen, das der "Gemeinschaftsgedanke" die Stückzahlen steigert und die Qualität verbessert ohne dafür eigene Kontrollarbeitskraft einzusetzen. Das ist Selbstausbeutungsmotivierung, ohne Gewinnbeteiligung.
Das der Herr Horx mal im "Pflasterstrand" geschrieben hat, ihn sogar mit gründete lässt nur die Feststellung zu, der hat seit 1981 als er da werkelte, nix dazu gelernt. Dieses kleine Buch versäumt immer wieder in die Tiefe zu gehen. Leider wird kein Projekt vorgestellt, das in der Jetztzeit stattfindet, also wird hier das Projekt GEA vorgestellt, als Beispiel, was der Kritiker vom Titel "Kleine geile Firmen" erwartet hätte.
Bei IKEA gibt es DU, wohin man geht, steht und hört. Das gibt es auch bei Heini Staudinger bei der
er Waldviertler Schuh- und Möbelwerkstatt GEA. Dieses Du ist seine Grundhaltung und dazu eine sehr naiv natürliche Herangehensweise. So wurde aus einem Langzeitstudenten ein Unternehmer der in einer Krisenregion, dem Waldviertel in Österreich, eine Schuhwerkstatt übernehmen ließ - aber ihm war auch wichtig mit dem Moped nach Afrika zu fahren.
Zu Banken allerdings da hat Heini Staudinger kein Vertrauen, das hört für ihn schon vor der Bankeingangstüre auf. Seine Bank enttäuschte ihn: Ich habe schlagartig festgestellt, dass vereinbarte Kreditrahmen nach Lust und Laune zurückgedreht werden können."
Deswegen gründete er den GEA Sparverein, dort werden die Überschüsse gepflegt. Dieser Sparverein verfügt heute über eine Million Euro und auch in der Krise des Kapitals wächst das vermögen: Jetzt bringen uns die Leut' ihr Geld, weil wir ihnen vertrauenswürdiger als die Banken erscheinen. Was wir auch ohne Zweifel sind." Dabei sind die Zinssätze wirklich nicht attraktiv aber das Kapital bleibt in der Region. Da kann keine Normalbank weltweit spekulieren.
Schrems der GEA Standort samt seiner Regionalwirtschaft wird aber auch belebt Heini Staudinger eine hat Regionalwährung erfunden. Im Verhältnis 1:1 können Euro gegen Waldviertler" getauscht werden. Die Geschäfte der Region akzeptieren dieses Zahlungsmittel.
Staudinger: Die alten Kreisläufe sind kaputt. Vom Bauern zum Müller, vom Müller zum Bäcker, vom Bäcker ins Wirtshaus, das gibt's nicht mehr." Er will, das das Geld in der Region bleibt und dort zirkuliert. Das ist logisch und hört sich einfach an.
Staudinger erklärt wie Volkswirtschaft im Waldviertel laufen sollte und auch läuft: Ware verliert gegen Geld, wenn das Geld beim Liegenlassen an Wert gewinnt. Das Geld muss Beine kriegen. Darum darf nicht das Horten, sondern das Ausgeben belohnt werden".
Das ruhende Zahlungsmittel Waldviertler" bringt keine Zinsen, sondern verliert jedes Vierteljahr zwei Prozent. So wird Mensch animiert, für Umsatz zu sorgen
Heini Staudinger ging bei der Gründung von GEA im Jahre 980 vorgegangen. Ich hab überhaupt nicht daran gedacht, dass ich eine Bank brauchen könnte." Er borgte sich geld bei Freundinnen und Freunden. Fünftausend Schilling der eine, Dreißigtausend der andere, und so weiter. Nach zwei Tagen war das Geld beisammen."
"Wer erinnert sich noch an die Earth Shoes"? Staudinger hatte das Schuhwerk in Dänemark gekauft und dieses Produkt sorgte dafür mit 28 Jahren das Studium abzubrechen.
Bis 1991 war er mit GEA nur Kunde der Waldviertler Schuhwerkstatt, dann aber wollte er auch in dieser Werkstatt mitmachen. "Niemand hat damals damit gerechnet, dass diese Firma gewinnfähig werden würde." Staudinger machte "Waldviertler" mit einfachen Mitteln zu einer Marke mit erstklassigem Ruf mit einem Lebensgefühl für Naturnähe, Nachhaltigkeit und Vernunft.
GEA ist ein Betrieb, wie es ihn inn der Art wohl kaum noch geben wird. Die Einkommensstrukturen sehen wie folgt aus. Der Bestbezahlte bekommt maximal das Doppelte des Angestellten der das niedrigste Einkommen erzielt.
Bestverdiener ist bei GEA aber nicht der Chef und Gründer der Firma. Er liegt im unteren Drittel. Damit ist Staudinger zufrieden. Er wohnt in einer wirklich nicht üppig eingerichteten einfachen Wohnung, die hinter einem der GEA Geschäfte in Wien liegt. Zum Leben braucht er eigentlich nicht viel - "da draufzukommen, war ein befreiender Moment". Wer mehr verdienen will, hat alle Chancen, allerdings kann es nie mehr sein als das Doppelte von dem, der in der Einkommensskala an letzter Stelle steht.
Der Kunde ist wichtig, also wird er auch bei GEA ganz besonders behandelt. Im Tante Emma Laden seiner Eltern hat das der GEA Gründer das schon als Kind gelernt: "Als Dreijähriger wusste ich von jedem Kunden, welche Zigarettenmarke er kauft."
Heute beschenkt er Angestellte sowie Schuh- und Möbelkunden mit Eiern: Es gab in der Gegend keinen Bauern mehr mit Hendln. "Darum habe ich einem Landwirt eine Mindestabnahme garantiert." Der Eierlieferant, Bauer Joe, musste die Anzahl seiner Hühner verdoppeln.
"Das Schärfste" in Sachen Kundennähe und Kundenbindung ist die Fotovoltaik-Anlage. Am Bau der Solaranlage auf einem Fabriksdach konnten sich die Kunden beteiligen und werden für ihren Arbeitseinsatz mit Warengutscheinen entlohnt. "Ohne eigenes Geld haben wir die größte Fotovoltaik-Anlage im Waldviertel errichtet und kriegen die Hälfte unseres Stroms von der Sonne." Das freut Heini Staudinger, der sich manchmal wundert, wie einfach es ist mit unkomplizierten Ideen Probleme zu lösen.
Wieso finden sich nicht Straßengemeinschaften zusammen die Energielieferanten zwingen, den Strom, gas und Wasser zu Preisen anzuliefern, die sonst nur der Industrei geboten werden, weil die Großabnehmer" seien. Und wäre es nicht, falls genug Flächen da sind, einen Teil der Energie selbst zu erzeugen?
Auch für die Gesundheit wird bei GEA allerhand getan. Ein Sessel für aufrechte Körperhaltung war Anstoß, auch Möbel herzustellen. Es gibt auch die GEA-Akademie, wo man in einem Wochenendkurs sein eigenes Paar "Waldviertler" - Schuhe herstellen kann.
Das Projekt wächst - es gibt inzwischen 22 Filialen in Österreich, Italien, Deutschland und der Schweiz - und Schritt für Schritt, bedächtig, wird daran weiter gearbeitet. Ein Ziel von Heini Staudinger ist ein Laden in Berlin: "Das liegt immerhin näher beim Waldviertel als Bregenz."
Zur Zeit ist Heini Staudinger in Tansania, dort will er bis Mitte Dezember bleiben. . 1973 besuchte er mit dem Moped den Arzt und Missionar Herbert Watschinger in dessen Spital. Immer wieder, wenn es seine Zeit zulässt, kümmert er sich dort um die Krankenstationn , die in einem kehrt er regelmäßig zurück und kümmert sich um die Krankenstation, der einzigen Gesundheitseinrichtung für 200.000 Menschen in einem Gebiet von der Größe von etwa
19.000 km². Dort müssen die Menschen, leider ohne Waldviertler Schuhe, oft 150 Kilometer weit laufen, um versorgt zu werden.
Solche Berichte vermisst man im Buch und so erfährt man wenig von den Alternativprojekten zwischen Revolte und Management". Da ist die Feststellung am Ende des Buches Dennoch bietet die Alternativbewegung in ihrer historischen Form keine Perspektive für Gegenwart und Zukunft", wenig hilfreich und stimmig.
Kleine geile Firmen" von Arndt Neumann. Nautilus Verlag . Hamburg 2008.
94 Seiten. ISBN 978-3-89401-583-1 10.--