Dieses Buch ist eine gewaltige Leistung. Es ist in der Lage, Menschen zu verändern. Es ist spannend, lustig und es verstört, irritiert.
Ich kenne Jens Förster aus meinem Psychologie- Studium in Trier. Er hat mit seinen Theaterstücken und als Regisseur eine ganze Studentengeneration geprägt. Ständig präsent, ständig provozierend, ständig aus einer anderen Ecke grüßend. Und doch immer freundlich und konzentriert. Kein blöder Macher, eher ein sanfter Streber mit drei Abschlüssen in Germanistik, Operngesang und Psychologie. Damals war es unerheblich, dass er auch Psychologe war.
Bis er Vorlesungen gab. Er vertrat mit um die 30 eine Professur in Trier und der Hörsaal war voll, nicht nur mit Psychologiestudenten. Wir saßen auf den kalten Fliesen, manchmal drei Stunden lang, denn er überzog und wir blieben sitzen. Seine Bühnenausbildung half ihm, die Stunden zum wöchentlichen Ereignis zu machen, das man sich nicht entgehen lassen wollte. Dann lehrte er nur noch in Würzburg und es gab tatsächlich einen kleinen Bus, der wöchentlich von Trier nach Würzburg zu seiner Vorlesung fuhr. Wir wollten einfach wissen, was er zu sagen hat und opferten einen Tag dafür.
Er ist ein Seiltänzer. Er riskiert viel, der Fall reizt ihn eher, als dass er Angst vor ihm hat. Er liest alles, er kennt alles, spricht zig Sprachen fließend, hat alles dreimal gecheckt, und erzählt dabei immer so, als ginge es um nichts anderes als um das Leben. In diesem Buch gelingt ihm die Gratwanderung zwischen Autobiographie und wissenschaftlichem Buch. Ein spektakulärer Tanz! Wunderschön, lustig, traurig. Und zugleich deckt es die moderne Sozialpsychologie der letzten 20 Jahre ab.
Ich erinnere mich daran, wie er etwas über die Wahrnehmung von Ameisen gelesen hatte und dies zum Thema der Vorlesung 'menschliche Kommunikation' machte. Er zieht Verbindungen zwischen Forschungsbereichen, die andere nicht sehen. Ich erinnere mich daran, wie er von George Kelly sprach und seitenweise vorlas, weil er meinte, er könne das nicht besser machen, aber er könne es gut vorlesen. Er las das wie einen Krimi und wir kauften uns das Buch. Als wir es selbst lasen, verstanden wir nichts davon.
Dann war er mit 35 Professor an der International University. Und immer noch hatten wir Angst, er würde tief fallen. Offen schwul, frech, wild und missionarisch, das würde man in Deutschland nicht zulassen. Jetzt ist er in Amsterdam und lacht uns wieder alle aus. Und nebenbei singt er am Weimarer Nationaltheater oder im Mainzer Unterhaus und ich höre ihn oft im Autoradio oder sehe ihn in Talkshows.
Was hat er zu sagen? Vorurteile sind ein so umfassendes Phänomen, dass sie irgendeinen Sinn haben müssen. Er fasst die Forschung zusammen und sagt: ohne Vorurteile können wir die Welt gar nicht erfassen und wir könnten uns selbst nicht als Mensch definieren. Wir müssen die Welt sekundenschnell begreifen und dabei helfen uns grobe Kategorisierungen (Frau: die hat ein Rezept, aber sie kann nicht rechnen; Schwuler: der hat Geschmack, aber in moralischen Fragen, wenden wir uns dann doch lieber an unsere katholische Tante). Und wir müssen uns gegen andere absetzen. Es ging mir gegen den Strich, dass er seine Abneigung gegenüber Faschisten als Vorurteil definiert. Aber es ist folgerichtig. Natürlich will er diese Leute nicht kennen und er hat eine starke Emotion gegen sie. Das ist ein Vorurteil.
Das Interessante an diesem Buch ist aber das WIE des Vermittelns. Hier doziert niemand. Das hat Förster nicht nötig. Förster kreiert Lehre, er macht seine eigene Forschung, er konstruiert die Welt, kreativ, immer auf das Gute fokussierend, immer an das Gute im Menschen glaubend. Förster kann erzählen, dichten, vor allem aber verdichten. Auf seinem Seil zieht er uns tanzend Grimassen, imitiert uns, zeigt uns Wege, auf die wir ohne ihn nie gekommen wären.
Oft fragte er uns: Was ist das Paradies? Äpfel? Eva? Adam? Die Schlange? Wie langweilig. Es ist das Verbot. Es ist nicht die Idee, dass man für dieses Paradies nicht arbeiten muss. So verstanden ist das Paradies die spießigste Konstruktion der Welt, denn Jungfrauen, gebratene Tauben und besinnungsloses Saufen sind auf die Dauer langweilig. Die Erschaffung der inneren Welt und das Erkennen menschlicher Grenzen aber ist Menschsein. Das Überwinden von Gewohnheiten ist Reichtum, damit verbundene Schmerzen werden zur Erfahrung, aus der man nur lernen kann. Wir haben so viel gelacht bei ihm. Ich habe bei diesem Buch dieses Strahlen und Lachen wieder empfunden.
Die Vermittlung von Lehre kann nicht besser sein. Und die Lehre dieses Buches geht über die Vermittlung von sozialpsychologischem Wissen weit hinaus. Wenn er nicht so jung wäre, würde man das Weisheit nennen.
Das Beruhigende: Wenn er irgendwann vom Seil gestoßen wird, dann fällt er auf dieses Buch und alles wird schnell wieder gut!