"Kleine Eheverbrechen" habe ich erst mal mit großem Vergnügen gelesen und mich von den plötzlichen Wendungen in der Geschichte überraschen lassen. Die Twists im Plot bringen nicht nur Kurzweil in das Stück, sondern geben den Charakteren und ihrer Vergangenheit Tiefe und arbeiten die Täuschungen und Enttäuschungen bei ihren Ansprüchen ans Leben und Beziehungen gut heraus.
Spoiler:
Dennoch hat mich die Gesamtkonstruktion des Stücks zunehmend gestört - Gilles entpuppt sich als zunehmend unsympathischer Manipulator, der seinen Unfall und seine angebliche Amnesie als Werkzeug gegen seine Frau benutzt. So wie Gilles als Autor Geschichten schreibt und Protagonisten darin agieren lässt, so wird er nun selbst zum Manipulierer, um mit seiner Amnesie seine Frau aus der Deckung zu locken und ihr die Wahrheit über den Unfall abzuringen. Und erst nachdem sie vor dem Zuschauer bloßgestellt ist mit Alkoholproblem und Mordversuch, da schafft es Macho Gilles, selbst aus der Deckung zu kommen, sein unreifes Macho-Getue als Wurzel des Unglücks seiner Frau zu entlarven und eine Absichtserklärung abzugeben, dass er nun authentischer werden will und auf sein Macho-Mäntelchen verzichten möchte.
Die Manipulationen durch Gilles' Amnesie und die darausfolgende Bloßstellung von Lisa empfand ich als zutiefst unsympathisch und auch feige, und ich hatte das Gefühl, dass Gilles' Steuerung der Ereignisse Lisa nun erneut in eine Ecke drängt, nämlich die der Versöhnung. Man kann gerne sagen, der Zweck heiligt hier doch die Mittel, denn das Stück endet erwartungsgemäß konventionell, und dem Leser/Zuschauer wird am Ende ganz im Sinne der Katharsis eine heile Zukunft für ein Paar vorgegaukelt, das von nun an Alkoholprobleme, Mordlust und Seitensprünge beiseite schieben kann.
Dieses hingeschusterte, kathartische Ende mag für den Erfolg am Boulevard erforderlich sein, aber es beraubt sich damit seiner eigenen Vielschichtigkeit und Lisa ihres Mutes. Mich hätte das Stück sehr viel mehr überzeugt, wenn Lisa nach ihrem "Adieu" auf der vorletzten Seite nicht mehr zurückgekommen wäre. Leider nur 3 Sterne. Kein Vergleich zu "Gott des Gemetzels"!