Wenn ein Märchen von E.T.A. Hoffmann verfasst wurde, und wenn dieser Verfasser gerade unfreiwillig in eine Kommission berufen wird, die "politische Umtriebe und Demagogen" (von 1848) verfolgen soll -- dann kann man sich auf was gefasst machen, denn ein gemütvolles Märchen wird nicht herausgekommen sein, sondern eher eine kaum getarnte Satire auf eine obrigkeitshörige Gegenwart, die gewisse Parallelen zu allen Gegenwarten nicht verleugnen kann. Doch da der Autor auch ein Großmeister des Genres ist, kommt das reine Lesevergnügen nicht zu kurz: Die gute Fee wohnt der Zeit entsprechend höchst diesseitig im Damenstift; warum, auch das erfahren wir so nebenbei (übrigens hat auch diese gute Fee noch ein Huhn mit der Obrigkeit zu rupfen). Manches scheint sich seit 1848 nicht wesentlich verändert zu haben: Mal schreibt ein weltfremder berühmter Gelehrter, den es umständehalber in eine fremde Universitätsstadt verschlagen hat, ein "merkwürdiges Buch über die unbekannte Völkerschaft der Studenten"; dann wieder darf des Ministers Ordensrat, die akademische Elite des Ländchens, acht Tage lang nicht denken, um für eine "wichtige Beratung gehörige Kräfte zu sammeln". Statt zu denken, verbringen die Herren die Zeit übrigens mit dem Rechnungswesen... Seitenhiebe in alle Richtungen gibt's auf nahezu jeder Seite: Eine überzeugende Schilderung, wie exzentrische Kleidermode wirkt, wenn sie gerade nicht modern ist, spielt keine unwichtige Rolle, und man liest auch, dass der höchste Orden höchster Klasse doch noch nützlich sein kann -- näheres darüber lese man bei des fürstlichen Leibarztes Diagnose. Auf das Amt "Generaldirektor sämtlicher natürlicher Angelegenheiten" setzt Hoffmann noch eins drauf; dieser hohe Staatsdiener "zensiert und revidiert die Sonnen- und Mondfinsternisse". Kurz darauf findet ein allerliebstes Intermezzo im zoologischen Kabinett statt, und dann wieder hört man, wie ein händeringend seinen Herrn suchender Diener "Wo geruhen Sie sich denn zu befinden?" ruft.
Auf ein inniges "Es war einmal" müssen wir also verzichten, aber es gibt durchaus jede Menge Märchenzubehör: Das arme Mütterlein zum Beispiel -- doch deren Kind ist märchenwidrig alles andere als liebenswert; die anschauliche Beschreibung seiner misslichen äußeren und inneren Eigenschaften gipfelt im Fazit, "daß der Junge aussah wie ein gespaltener Rettich".
Während die schwer geprüfte Mutter des garstigen Alräunchens namens Zaches schläft, greift eine gute Fee namens Fräulein von Rosenschön ein und verändert den Kleinen nur ein winziges Bisschen: Er bekommt seine borstigen Haare kämmbar gemacht, und er scheint plötzlich sprechen zu können. Vor allem aber hält plötzlich alle Welt den kleinen Giftnickel für einen Engel, zur nicht enden wollenden Verblüffung der Mutter -- sie ist nämlich die erste, auf die der Feenzauber nicht wirkt, und zwar aus einem höchst realen Grunde. Überhaupt sind Wirklichkeit und Märchenwelt hier dermaßen ineinander verzahnt, und die Wirklichkeit hat eine derartige Schräglage, dass man garnichts mehr außergewöhnlich findet; genauer gesagt: Man will das alles garnicht mehr zerfieseln, weil's einfach gar zu hinterhältig und komisch und satirisch und hinterlistig und parodistisch und phantastisch und wasweißichwassonstnoch -- und treffsicher ist.
Aber egal; weiter im Text. Der kleine Zaches, den nun alle für einen "bildschönen allerliebsten Knaben" halten, macht unaufhaltsam Karriere: Zunächst wird er das neue Lieblingskind des Dorfpfarrers, und wir Leser erleben die erste von vielen Slapstick-Szenen. Und es geht noch viel weiter aufwärts mit dem plötzlich holden Knaben (bis hin zum Außenminister eines winzigen Ländchens -- aber immer der Reihe nach) -- allerdings spannt uns nun der Erzähler auf die Folter und schweift scheinbar ab. Alles mögliche Skurrile und Feenhafte wird uns erst einmal mitgeteilt, im hochromantischen Erzählduktus selbstverständlich. Parodien und Satiren auf alles, was nicht schnell genug vor E.T.A. Hoffmann in Deckung ging, darunter Studentenvolk samt seinen gelegentlich rebellischen Gewohnheiten, stilistische Eigenheiten der Romantik, Wissenschaft vs. Wirklichkeit ... und das alles scheint nichts zu tun zu haben mit dem Anfang. Es scheint so... Aber abgesehen davon, dass diese scheinbaren Abweichungen das reine Lesevergnügen sind, wird dieser Märchen-Exkurs noch eine wichtige Rolle spielen.
Es geht nämlich weiter, und Klein Zaches, inzwischen heißt er "Herr Zinnober", taucht wieder auf, und zwar in dem Universitätsstädtchen Kerepes. Nicht, dass er im Laufe der Zeit schön, klug oder wenigstens freundlich geworden wäre -- im Gegenteil! Er führt sich immer noch so auf wie gehabt. Aber kaum taucht er in einer Gesellschaft auf, und kaum vollführt dort jemand etwas Kluges oder Schönes oder Freundliches, so wird's dem garstigen Zwerg zugeschrieben, und sein Ansehen wächst -- zum Verdruss dessen, dem eigentlich Applaus und Ruhm zustünden: Außer zwei befreundeten Studenten, dem reinrassigen poetischen Romantiker Balthasar und dem (fast) ebenso reinrassigen prosaischen Realisten Fabian, sehen alle Einwohner in der Gestalt der kleinen Missgestalt auf einer Schindmähre "einen zierlichen hübschen Jüngling auf einem schönen Pferd" -- die wundersame Szene mit dem enthusiastischen Pfarrer und der verblüfften Mutter wird nun variiert, immer mit neuen Begleiterscheinungen, neuen Ideen, neuen Slapsticks, neuen Seitenhieben auf Obrigkeitshörigkeit und Leichtgläubigkeit. Nur Langeweile ist nicht im Sortiment; im Gegenteil! Manchen zeitgenössischen Spleen hat sich Hoffmann dermaßen süffisant vorgeknöpft, dass man ihn beinahe übersieht, wenn man nicht aufpasst wie ein Luchs. Ich will nur drauf hinweisen, wie er im dritten Kapitel die optimale Zusammensetzung einer "ganz deutsch[en] Bekleidung" auflistet, oder wie er genüsslich das rustikale Äußere des Professors der Ästhetik schildert. Wo immer Herr Zinnober auftaucht, bewundern ihn alle. Fast alle, besser gesagt. Doch was nützen vernünftige Einwände gegen eine schier übergeschnappte Fangemeinde incl. begeistertem Landesfürst? Dem Leser allerdings bietet der entgleiste Feenzauber eine Unmenge skurriler Szenen und Seitenhiebe, wie sie sich nur ein Hoffmann in Hochform ausdenken kann. Komische Szenen mit Gesellschaftskritik anno 1849 inbegriffen: abendliches Beisammensein zum Fortschritt der Wissenschaft, Gedichtvortrag oder virtuoses Solo eines weltberühmten Violinisten; mündliche Doktorprüfung oder Gerangel um die Aufnahme in den diplomatischen Dienst; Ernennung zum "Geheimen Spezialrat" und Minister für auswärtige Angelegenheiten; baldige Verlobung ausgerechnet mit der Angebeteten des zinnoberophoben Balthasar... Kurz: die private und öffentliche Karriere dieses kleinen Widerlings scheint nicht zu bremsen zu sein, ebensowenig die Verblendung aller, die ihn bewundern.
Aber "Klein Zaches genannt Zinnober" ist doch ein Märchen! Also geht's doch noch gut aus, natürlich wieder mit allem Hoffmann'schen Zubehör. Selbstverständlich lassen Feen und Zauberer die Menschheit (nur die von und zu Kerepes?) nicht blind und taub in den Abgrund schlittern. Und Balthasar und seinen aufrechten Freunden erwartet ebenfalls höchst Erfreuliches bereits im Diesseits -- dank dem guten Zauberer Prosper Alpaus, der rechtzeitig eingreift und der weiß, was zu tun ist, und der auch weiß, dass seinesgleichen nur im Märchen vorkommen darf.
Ach so, ja: Diese Ausgabe, seinerzeit bei rororo/rotfuchs erschienen, überzeugt mit märchenhaft Diesseitigem: Erstens hat sie kein Nullachtfuffzehn-Layout, sondern ein lesefreundliches, ästhetisches. Zweitens schrieb Peter Bichsel ein zwar kurzes, aber gewiss nicht geistloses Nachwort. Und drittens gibt's jede Menge Illustrationen von keinem Geringeren als Klaus Ensikat zu bestaunen. Zwar sind alle außer dem Umschlagsbild schwarz-weiß, und die übliche Taschenbuchgröße ist für ihre Wirkung suboptimal -- aber schön sind sie doch.